„Ge­schich­ten mit der Stim­me zum Le­ben er­we­cken“

Im neu­en Ani­ma­ti­ons­film „Sing“spricht Iris Ber­ben die Rol­le der Di­va Na­na Nood­le­man

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENSCHEN -

Seit Jahr­zehn­ten zählt Iris Ber­ben zu den be­lieb­tes­ten deut­schen Schau­spie­le­rin­nen, sie bril­liert in erns­ten wie in ko­mi­schen Rol­len glei­cher­ma­ßen. Im Ani­ma­ti­ons­film „Sing“, an­ge­sie­delt in ei­ner von Tie­ren be­völ­ker­ten Stadt, leiht Iris Ber­ben der Di­va Na­na Nood­le­man ih­re mar­kan­te Stim­me. An­dré We­sche hat die Syn­chron­spre­che­rin über Prü­fungs­si­tua­tio­nen, Di­ven und den Rechts­ruck in Deutsch­land be­fragt. Frau Ber­ben, im Film „Sing“wird der Koa­la Bus­ter als Kind von sei­nem Va­ter mit ins Thea­ter ge­nom­men und ver­liebt sich un­sterb­lich in die­se Schein­welt. Gab es ei­nen ähn­li­chen Mo­ment auch in Ih­rem Le­ben? Nein, den gab es ei­gent­lich nicht. Ich bin in ei­ner Fa­mi­lie auf­ge­wach­sen, in der Li­te­ra­tur und Mu­sik ganz wich­tig wa­ren. Mei­ne Mut­ter ist sehr gern in die Oper ge­gan­gen, mein Stief­va­ter war Mu­si­ker an der Staats­oper. Aber ich ha­be nie die­sen Mo­ment ge­habt, in dem ich ge­dacht ha­be: „Da will ich auch hin!“Ich woll­te schon in re­la­tiv jun­gen Jah­ren Ju­ra stu­die­ren. Ich woll­te das Sprach­rohr der Sprach­lo­sen sein. Ist es reiz­voll, mal nur sei­ne Stim­me als In­stru­ment zu ha­ben? Ich ken­ne das ja, weil ich sehr vie­le Hör­bü­cher spre­che. Sie zwin­gen den Hö­rer da­zu, mit der Kraft sei­ner Fan­ta­sie in ei­ne Ge­schich­te hin­ein­zu­fin­den. Es ist reiz­voll, Ge­schich­ten nur mit der Stim­me zum Le­ben zu er­we­cken. Be­darf die­ses In­stru­ment ei­ner be­son­de­ren Pflege? Es hat eher et­was mit der ei­ge­nen Ge­sund­heit zu tun. Jetzt im Herbst ist man leich­ter mal er­käl­tet und ver­sucht mit viel Sal­bei­tee und viel Ho­nig, die Stim­me nicht all­zu sehr zu be­las­ten. Die Stim­me ist ein emp­find­li­ches, klei­nes In­stru­ment. Manch­mal wird sie et­was här­ter. Aber auch das kann man be­nut­zen. Wer ist pin­ge­li­ger: Ein Syn­chro­noder ein Film­re­gis­seur? Es geht nicht so sehr um pin­ge­lig oder nicht. Ich fand die Re­gie in die­sem Fall sehr gut, ge­nau und rich­tig. Es ist so viel Wert dar­auf ge­legt wor­den, schon das Cas­ting hat lan­ge ge­dau­ert. Wer be­kommt die Rol­le? Liegt er wirk­lich ge­nau drauf, be­herrscht er die Fein­hei­ten, die Nuan­cen? Man ist da­durch vor­ge­prägt, dass es die ame­ri­ka­ni­schen Stim­men schon gibt. Die Ver­lei­he wün­schen sich, dass man zu­min­dest in die­se Rich­tung geht. Die Ar­beit mit un­se­rer Re­gis­seu­rin war ein gro­ßes Ver­gnü­gen, weil sie so lei­den­schaft­lich ist und je­de die­ser Fi­gu­ren moch­te. Und wenn man et­was liebt, dann schützt man es. Des­halb war sie sehr, sehr ge­nau. Das kann ei­nem Syn­chron­spre­cher und ei­nem Schau­spie­ler im­mer nur hel­fen. Wenn ich ei­nen Film ma­che, dann ver­lan­ge ich nach Men­schen, die mich for­dern. Sie ist nicht nur ei­ne wand­lungs­fä­hi­ge Schau­spie­le­rin, die sich von der „Sketch­up“-Ul­k­nu­del zu Groß­mut­ter-Rol­len in Ver­fil­mun­gen wie „Krupp“oder „Bud­den­brooks“wan­del­te. Iris Ber­ben ist zu­dem Prä­si­den­tin der Deut­schen Film­aka­de­mie. Die 1950 in Det­mold ge­bo­re­ne und in Ham­burg auf­ge­wach­se­ne Künst­le­rin en­ga­giert sich au­ßer­dem viel­fäl­tig po­li­tisch und so­zi­al. Ihr Sohn Oli­ver ist ein er­folg­rei­cher Film­pro­du­zent. Was be­deu­tet Ih­nen Mu­sik? Mu­sik ist ein Teil mei­nes Le­bens. Sie hat gro­ße Kraft, Emo­tio­nen los­zu­tre­ten. Es gibt Mu­sik, die dich an dei­ne Kind­heit er­in­nert, an gu­te und an un­schö­ne Zei­ten. Es gibt Mu­sik, die er­in­nert dich an tol­le Kon­zer­te, die du mit­er­lebt hast. Mu­sik kann dich trau­rig ma­chen oder sie kann dich auf­for­dern, dich wie ein Kind zu be­we­gen und durch die Räu­me zu tan­zen. Und Mu­sik ver­bin­det Men­schen. Ei­ne Welt oh­ne Mu­sik wä­re sehr arm. Be­vor­zu­gen Sie Schall­plat­ten oder di­gi­ta­le Me­di­en? Na­tür­lich bin ich in der Zwi­schen­zeit auch beim Di­gi­ta­len an­ge­kom­men. Aber ich ha­be auch noch mei­ne gan­ze Schall­plat­ten­samm­lung. Da­von möch­te ich mich nicht tren­nen. Es gab mal so ei­ne Zeit, in der ich dach­te: „Ach, rein in den Kel­ler, die braucht man nicht mehr.“Und dann fängt man an, man­che Din­ge wie­der wert­zu­schät­zen. Das hat auch mit dem Al­ter zu tun. Man merkt, dass es vie­le Men­schen gibt, die wie­der ei­ne Lei­den­schaft da­für ent­wi­ckeln. Er­in­nern Sie sich dar­an, wann Sie zum letz­ten Mal ein Cas­ting be­strei­ten muss­ten? Ja. Für die­se Rol­le! Man wird ge­cas­tet und der letz­te „Se­gen“kommt dann tat­säch­lich aus Ame­ri­ka. Kön­nen Sie gut mit Prü­fungs­si­tua­tio­nen um­ge­hen? Nein. Ir­gend­wie bin ich nicht da­für ge­macht. Ich ha­be auch auf vie­le Cas­tings ver­zich­tet, die ich für Fil­me hät­te ma­chen sol­len. Ich bin kein wirk­lich gro­ßer Fan von Cas­ting­shows, weil ich das Ge­fühl ha­be, dass die­se Art Wett­be­werb und Beur­tei­lung nicht im­mer rich­tig und fair sind. Un­ter an­de­ren Um­stän­den könn­te man ver­bor­ge­ne Ta­len­te ent­de­cken und vor al­lem auch ent­wi­ckeln. Ich se­he es an mir, dass ich un­ter Druck nicht das leis­ten kann, was ich frei von Angst leis­ten könn­te. Na­na Nood­le­man, die Fi­gur aus „Sing“, war ei­ne ech­te Di­va. Was macht für Sie ei­ne sol­che Di­va aus? Ei­ne der letz­ten Di­ven war viel­leicht Ma­ria Cal­las. Die Di­ven von da­mals wa­ren wei­ter weg vom Pu­bli­kum. Heut­zu­ta­ge bist du durch das Fern­se­hen zu Hau­se bei den Men­schen. Sämt­li­che Me­di­en ver­fol­gen und be­ur­tei­len dich. Da­durch geht die­se Dis­tanz ver­lo­ren, die es braucht, um als Di­va auf­zu­tre­ten. Ich per­sön­lich fin­de das gut. Wie soll ich au­then­ti­sche Men­schen ver­kör­pern, wenn ich mich von ih­nen ent­fer­ne? Das ist doch ein Pa­ra­dox. Ich glau­be, die wirk­li­che Di­va gibt es nicht mehr. Ich se­he durch­aus Al­lü­ren bei Kol­le­gen. Das hat für mich et­was von Kin­der­gar­ten. Sie er­he­ben heu­te Ih­re Stim­me nicht nur als Künst­le­rin, son­dern auch als en­ga­gier­te Bür­ge­rin. Mit wel­chen Ge­füh­len be­ob­ach­ten Sie den Rechts­ruck in Deutsch­land? Mit zu­neh­men­der Trau­rig­keit, Fas­sungs­lo­sig­keit und Wut. Aber Fas­sungs­lo­sig­keit und Trau­rig­keit nüt­zen uns nichts. Es ist schon spä­ter, als wir al­le noch den­ken oder hof­fen. Wir sind als Ge­sell­schaft un­end­lich stark ge­for­dert, man darf es nicht nur in den Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Po­li­tik schie­ben. Wenn es mög­lich ist, dass sich das Land so aus­ein­an­der­di­vi­diert, sind wir als ge­sam­te Ge­sell­schaft ge­fragt. Un­se­re Auf­ga­be ist es, Men­schen auf­zu­fan­gen, die ver­un­si­chert sind und Angst ha­ben, Angst vor Neue­run­gen, vor Ve­rän­de­run­gen, vor Glo­ba­li­sie­rung. Was kann man tun? Ich ken­ne kein Ge­heim­re­zept. Hal­tung wah­ren, Men­schen sam­meln, Kom­pli­zen um sich scha­ren, Denk­pro­zes­se an­sto­ßen. Ich ver­su­che es mit mei­nen ganz klei­nen Mit­teln als Künst­le­rin, mit mei­nen Le­sun­gen, mit de­nen ich ge­ra­de im Mo­ment wie­der un­ter­wegs bin. Wir mer­ken den Rechts­ruck ja nicht nur in Deutsch­land. Wir mer­ken ihn in Eu­ro­pa und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Die Men­schen ha­ben es sich lan­ge Zeit in ih­rer Kom­fort­zo­ne be­quem ge­macht. Nun ha­ben Sie Angst, aus die­ser Kom­fort­zo­ne her­aus­zu­müs­sen. Es gibt auch Men­schen, die ei­ne ganz rea­le Angst ha­ben. Men­schen, die man al­lein ge­las­sen hat und die wirt­schaft­li­che Sor­gen ha­ben. Wir ste­hen vor ganz gro­ßen Fragen und Her­aus­for­de­run­gen. In un­se­rer heu­ti­gen Welt hält kei­ne Mau­er mehr, die man hoch­zieht. Wir sind doch ge­ra­de da­bei, sie al­le ein­zu­rei­ßen. Aber das geht nur ge­mein­sam.

FO­TO: DPA

Die Gran­de Da­me des deut­schen Films, Iris Ber­ben, ist in ih­rem neu­es­ten Ki­no­film nicht zu se­hen, aber zu hö­ren.

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