Die so­zia­le Kluft in Deutsch­land wird nicht ge­rin­ger

Ar­muts- und Reich­tums­be­richt: Im­mer mehr ver­schul­de­te Men­schen, im­mer mehr Mil­lio­nä­re

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von To­bi­as Schmidt

BER­LIN - Die Kon­junk­tur brummt, die Ar­beits­lo­sig­keit ist auf ei­nem Re­kord­tief, doch die so­zia­le Kluft in Deutsch­land wird nicht klei­ner: Auf der ei­nen Sei­te im­mer mehr Mil­lio­nä­re, auf der an­de­ren Sei­te im­mer mehr ver­schul­de­te und ar­me Men­schen. Das geht aus dem Ent­wurf für den fünf­ten Ar­muts- und Reich­tums­be­richt der Bun­des­re­gie­rung her­vor.

„Die po­si­ti­ven Ent­wick­lun­gen bei Be­schäf­ti­gung und Ein­kom­men schla­gen sich nicht in ei­ner rück­läu­fi­gen Ar­muts­ri­si­ko­quo­te nie­der“, heißt es in der Ana­ly­se, die Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les im Früh­jahr vor­le­gen will. Ex­per­ten se­hen in der Sche­re zwi­schen „de­nen da oben“und „de­nen da unten“ein „Ar­muts­zeug­nis“für die Re­gie­rung. An­stieg um 80 000 2,05 Mil­lio­nen Haus­hal­te be­zie­hungs­wei­se 4,17 Mil­lio­nen Men­schen sind ver­schul­det. Die Zahl der Haus­hal­te, die ih­re Kre­di­te nicht ab­be­zah­len kön­nen und mit ih­rem Ein­kom­men nicht über die Run­den kom­men, ist seit 2013 um 80 000 ge­stie­gen. 6,1 Pro­zent der Er­wach­se­nen sind heut­zu­ta­ge über­schul­det, vor zehn Jah­ren wa­ren es noch fünf Pro­zent. Im Ar­muts­be­richt heißt es: „Der Trend, nach dem seit 2006 ein ste­ti­ger An­stieg zu ver­zeich­nen ist, setzt sich al­so fort.“Die Ver­schul­dung der Men­schen, die ei­ne Schuld­ner­be­ra­tung auf­such­ten, be­trug 2015 im Durch­schnitt 34 400 Eu­ro, das war das 33-fa­che des je­wei­li­gen mo­nat­li­chen Ein­kom­mens. Vier von zehn der Schuld­ner hat­ten mehr als zehn Gläu­bi­ger. Als Grün­de gel­ten Job­ver­lust, aber auch „Ein­kom­mens­ar­mut“. Ob­wohl die Be­trof­fe­nen Geld ver­die­nen, reicht es nicht.

Da­bei sind die ver­füg­ba­ren Ein­kom­men seit 2012 im Schnitt pro Jahr um 1,9 Pro­zent ge­stie­gen. 2015 ging es mit den Re­al­löh­nen nach Ab­zug der In­fla­ti­on um 2,4 Pro­zent nach oben. Das Plus beim Ar­beits­lohn lag da­bei über dem Plus durch Ein­nah­men aus Ver­mö­gen und Un­ter­neh­mer­tä­tig­keit, was auf ei­ne Ver­klei­ne­rung der so­zia­len Spal­tung hin­deu­ten könn­te. Das Pro­blem: „Die Zu­wäch­se der Ein­kom­men im un­te­ren Be­reich fie­len et­was ge­rin­ger aus als im Mit­tel der Haus­hal­te.“Die Ar­muts­ri­si­ko­quo­te stieg laut Mi­kro­zen­sus in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren um ei­nen Punkt auf 15,7 Pro­zent im Jahr 2015. Als ar­muts­ge­fähr­det gel­ten Men­schen, die über we­ni­ger als 60 Pro­zent des Durch­schnitts­ein­kom­mens ver­fü­gen. Ei­ner der Grün­de: Gut je­der fünf­te Ar­beit­neh­mer ver­dient höchs­tens zehn Eu­ro pro St­un­de. Im Os­ten sind es so­gar 35 Pro­zent, dort ist das Ar­muts­ri­si­ko deut­lich hö­her. Die Zahl der Men­schen, die auf Hartz-IV oder Grund­si­che­rung im Al­ter an­ge­wie­sen sind, stieg bin­nen fünf Jah­ren um rund 800 000 auf acht Mil­lio­nen.

Trau­ri­ger Trend auch bei den Ob­dach­lo­sen, die die Be­hör­den selbst gar nicht er­fas­sen. Für den Ar­muts­be­richt greift die Re­gie­rung auf An­ga­ben der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Woh­nungs­lo­sen­hil­fe zu­rück. Dem­nach hat­ten 2014 335 000 Men­schen kei­ne ei­ge­ne Woh­nung, 39 000 von ih­nen leb­ten ganz oh­ne Ob­dach auf der Stra­ße. In knapp zehn Jah­ren ist die Zahl der Men­schen oh­ne ei­ge­ne Woh­nung um 80 000 ge­stie­gen. Von den Be­trof­fe­nen wa­ren fünf bis zehn Pro­zent Frau­en. Der An­teil von Woh­nungs­lo­sen un­ter 30 Jah­ren ist in­ner­halb von sechs Jah­ren um sechs Punk­te auf 33 Pro­zent an­ge­wach­sen.

Eben­falls nach oben ging es mit der Zahl der Ein­kom­mens­mil­lio­nä­re – von 9500 im Jahr 2002 auf 16 500 im Jahr 2012. Ihr Ge­samt­ein­kom­men wuchs im glei­chen Zei­t­raum von 26 Mil­li­ar­den Eu­ro auf 45,6 Mil­li­ar­den Eu­ro, was 3,83 Pro­zent der ge­sam­ten Ein­künf­te in Deutsch­land ent­spricht. Da­für leis­te­ten die Mil­lio­nä­re 7,3 Pro­zent des ge­sam­ten Steu­er­auf­kom­mens. Haupt­quel­le des Reich­tums: Un­ter­neh­mer­tum oder Erb­schaf­ten.

Bei den Ein­kom­mens­un­ter­schie­den liegt Deutsch­land im Durch­schnitt der In­dus­trie­län­der. Wer­den Ka­pi­tal­ein­künf­te oder Miet­ein­nah­men ein­be­zo­gen, ist die Un­gleich­heit grö­ßer. Bei Ein­be­rech­nung der Ren­ten liegt die Bun­des­re­pu­blik im EUVer­gleich auf Platz 13. Da­mit ist die Dis­kre­panz zwi­schen oben und unten hier­zu­lan­de nicht so hoch wie in den meis­ten an­de­ren EU-Län­dern.

FO­TO: DPA

Die Ar­muts­ri­si­ko­quo­te stieg auf 15,7 Pro­zent.

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