Täu­schend echt

Die welt­be­rühm­te Höh­le von Las­caux kann ab Don­ners­tag als ori­gi­nal­ge­treu­er Nach­bau be­sich­tigt wer­den

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Chris­ti­ne Lon­gin

MON­TIGNAC - Hun­de­ge­bell und die Stim­men von Ju­gend­li­chen sind gleich zu Be­ginn der Be­sich­ti­gungs­tour zu hö­ren. Die Au­dio­ku­lis­se in Las­caux IV, dem Nach­bau der welt­be­rühm­ten Höh­le in der Dordo­gne, er­in­nert an die Ent­de­ckung vor mehr als 70 Jah­ren. Der 17-jäh­ri­ge Mar­cel Ra­vi­dat war da­mals mit sei­nem Hund un­ter­wegs, der bei der Ha­sen­jagd vor ei­nem Erd­loch halt mach­te. Ra­vi­dat kam ein paar Ta­ge spä­ter mit drei Freun­den zu­rück und stieg in das Loch hin­un­ter, das heu­te als am bes­ten er­hal­te­ne prä­his­to­ri­sche Ga­le­rie Eu­ro­pas be­kannt ist.

„Wir dach­ten wie al­le Kin­der, dass wir ei­nen Gold­schatz fin­den wer­den“, sag­te ei­ner der Ent­de­cker Jahr­zehn­te spä­ter im Fern­se­hen. Doch das, was die vier Ju­gend­li­chen sa­hen, war noch wert­vol­ler als Gold: Mehr als 2000 ge­mal­te oder ge­ritz­te Tier­zeich­nun­gen, die rund 20 000 Jah­re alt sind. Die „Six­ti­ni­sche Ka­pel­le der Vor­ge­schich­te“wird Las­caux auch ge­nannt.

Nach der Ent­de­ckung setz­te ein Be­su­cher­strom ein, der die ein­zig­ar­ti­gen Kunst­wer­ke aus der St­ein­zeit schä­dig­te. Die Atem­luft der 120 000 Men­schen jähr­lich griff die Höh­len­ma­le­rei­en so an, dass die Grot­te 1963 schlie­ßen muss­te. Gleich zwei Krank­hei­ten mach­ten sich an den Wän­den breit: Mi­kro­al­gen und ein wei­ßer Pilz, zu dem spä­ter auch noch schwar­zer Schim­mel kam. Hin­ter ei­ner gut ver­schlos­se­nen blau­en Tür lie­gen die Ori­gi­na­le des­halb seit­her nur für Ex­per­ten zu­gäng­lich. Doch die Öf­fent­lich­keit kann das Welt­kul­tur­er­be der Unesco trotz­dem be­stau­nen, denn am Don­ners­tag öff­net ei­ne ori­gi­nal­ge­treue Nach­bil­dung: Las­caux IV. Rund 600 Me­ter Luft­li­nie vom ech­ten Höh­len­ein­gang ent­fernt schmiegt sich die mo­der­ne Ar­chi­tek­tur des „In­ter­na­tio­na­len Zen­trums für Höh­len­ma­le­rei“mit ih­rer Za­cken­li­nie in die Land­schaft des für sei­ne Trüf­fel be­kann­ten Pé­ri­gord im Süd­wes­ten Frank­reichs. Be­din­gun­gen wie im Ori­gi­nal Auf 900 Qua­drat­me­tern nach­ge­bau­ter Höh­len­wän­de er­stre­cken sich die Meis­ter­wer­ke der Vor­ge­schich­te, bis auf ei­ne Aus­nah­me aus­schließ­lich Tier­mo­ti­ve. Um ein ech­tes Höh­len­ge­fühl zu ver­mit­teln, herrscht im so­ge­nann­ten Fak­si­mi­le ei­ne Tem­pe­ra­tur von 13 Grad und ei­ne Luft­feuch­tig­keit von 80 Pro­zent. Der Ein­druck ist so täu­schend echt, dass der ein­zi­ge Über­le­ben­de der vier Ent­de­cker, Si­mon Co­en­cas, nach ei­ner Vor­abBe­sich­ti­gung im Herbst sag­te: „Ich ha­be mich wie in der Ori­gi­nal­höh­le ge­fühlt.“

Mit sei­nen Freun­den war er 1940 zu­erst im so ge­nann­ten Saal der Stie­re ge­lan­det, dem 17 Me­ter lan­gen Herz­stück der un­ter­ir­di­schen Ga­le­rie mit Wän­den vol­ler le­bens­echt wir­ken­der Pfer­de, Hir­sche und Au­er­och­sen, von de­nen der längs­te fünf Me­ter misst. In ih­rer Aus­ge­stal­tung er­in­nern die prä­his­to­ri­schen Meis­ter­wer­ke be­reits an die mo­der­ne Kunst ei­nes Pa­blo Pi­cas­so. Der Spa­nier war kurz nach der Ent­de­ckung in die Höh­le ge­stie­gen und hat­te hin­ter­her er­nüch­tert fest­ge­stellt: „Wir ha­ben nichts neu er­fun­den.“

Dass es nach der Schlie­ßung der „Grot­te de Las­caux“1963 ei­nen Nach­bau ge­ben soll­te, war die Idee des Ade­li­gen Charles-Em­ma­nu­el de la Ro­che­fou­cauld, auf des­sen Land Las­caux I, das Ori­gi­nal, liegt. Sie sei so­fort da­für ge­we­sen, er­in­nert sich die Künst­le­rin Mo­ni­que Pey­tral, die in jah­re­lan­ger Klein­ar­beit ganz al­lein die Kunst­wer­ke für die ers­te Teil-Re­pro­duk­ti­on Las­caux II ko­pier­te. „Was auf die­sen Wän­den ge­malt ist, ist ei­ne gro­ße Lek­ti­on des Le­bens“, sag­te die Rent­ne­rin vor drei Jah­ren in ei­nem Do­ku­men­tar­film. „Man soll auf die Na­tur hö­ren.“

Die Spe­zia­lis­tin griff für ih­re Re­pro­duk­ti­on auf Tech­ni­ken zu­rück, wie sie auch die St­ein­zeit­men­schen be­nutzt hat­ten. So pus­te­te sie mit ei­nem in­nen hoh­len Kno­chen Farbstaub auf die nach­emp­fun­de­nen Höh­len­wän­de, um den ko­pier­ten Tier­kör­pern die­sel­be Weich­heit zu ge­ben wie den Ori­gi­na­len, die rot, braun, schwarz und ocker ge­hal­ten sind. Ar­beit von 30 Künst­lern Wäh­rend Mo­ni­que Pey­tral zehn Jah­re für ih­re Ko­pi­en brauch­te, dau­er­te die Ar­beit für Las­caux IV nur drei Jah­re. Rund 30 Künst­ler tru­gen die Zeich­nun­gen mit der Hand auf die ge­wölb­ten Wän­de auf, die mit mo­der­ner 3-D-Tech­nik mil­li­me­ter­ge­nau nach­ge­bil­det wur­den. 66 Mil­lio­nen Eu­ro kos­te­te das spek­ta­ku­lä­re Pro­jekt, das den vor­über­ge­hend ge­schlos­se­nen Nach­bau Las­caux II er­gänzt. Mit 400 000 Be­su­chern jähr­lich rech­net die Ge­mein­de Mon­tignac, zu der Las­caux ge­hört, durch das neue Zen­trum. Das Dorf mit sei­nen 2800 Ein­woh­nern ist auf den St­ein­zeit-Tou­ris­mus al­ler­dings nur teil­wei­se vor­be­rei­tet: Es hat le­dig­lich 80 Ho­tel­bet­ten.

FO­TO: AFP

Ein Be­su­cher un­ter den mil­li­me­ter­ge­nau nach­ge­bil­de­ten Zeich­nun­gen aus der St­ein­zeit.

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