Bru­der Berg

Ba­ra­kat Ras­ho ist ins Shin­gal-Ge­bir­ge im Nord­irak ge­flo­hen und will dort blei­ben

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Chris­toph Pla­te, Mi­lik

Kann denn ein Berg ein Bru­der sein? Zu­mal solch ein kah­ler, brau­ner und baum­lo­ser Berg, mehr ei­ne Berg­ket­te, über die im Herbst und Win­ter der Wind pfeift? Hät­te der al­te Mann, der vom Berg als sei­nem Bru­der spricht, nicht deut­li­che Ähn­lich­keit mit Osa­ma bin La­den, man wür­de ihn so­fort ins Herz schlie­ßen. Man wür­de an­däch­tig sei­nen Ge­schich­ten fol­gen, wenn er er­zählt, wie er vor den Ter­ro­ris­ten hier­hin auf den Berg ge­flo­hen ist und was er un­ten, am Fu­ße des Shin­galGe­bir­ges, zu­rück­ge­las­sen hat.

Aber so dau­ert es eben ein paar Mi­nu­ten län­ger, in de­nen wir auf dem Bo­den sei­nes Hau­ses sit­zen, ihm zu­hö­ren, um dann bald zu ver­ste­hen, dass hier ein alter Wei­ser sitzt. Ei­ner, der wie vie­le an­de­re aus der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft der Je­si­den, an die Kraft der Er­de glaubt und der ei­gent­lich nie sei­ne Schol­le ver­las­sen woll­te. Sei­ne Be­hau­sung oben in den Ber­gen, ab­seits der asphal­tier­ten Stra­ße, ist aus Lehm ge­baut, das Dach mit Plas­tik­pla­nen ab­ge­deckt. Mi­lik heißt die An­samm­lung von Lehm­häu­sern, es sind un­ge­plant er­rich­te­te Not­un­ter­künf­te, selbst ge­baut aus Lehm und ei­ni­gen Holz­bret­tern. Es ist der Ver­such, sich per­ma­nent hier ein­zu­rich­ten, auch wenn das Le­ben in den Ber­gen viel här­ter ist als un­ten im Tal. Die we­ni­gen ter­ras­sier­ten Fel­der an den Hän­gen kön­nen un­mög­lich al­le Men­schen hier oben satt ma­chen.

Dat­teln als Le­bens­grund­la­ge

Was ihm von sei­nem ir­di­schen Be­sitz bei der Flucht ge­blie­ben ist, hat Ba­ra­kat Ras­ho in die­ses Zim­mer ge­stellt. Durch zwei win­zi­ge, in die Lehm­wand ge­bau­te Fens­ter, fällt Ta­ges­licht auf ei­ne Kühl­tru­he und den Fern­se­her. Da­ne­ben steht ein Ventilator. Ein jun­ger Mann bringt ge­süß­ten Tee. Und der Bau­er Ba­ra­kat Ras­ho er­zählt.

Es ging ihm gut, bis zu je­nem Tag im Au­gust vor zwei Jah­ren. In Tal Azer, ei­nem Dorf na­he der Stadt Shin­gal, leb­te er als Bau­er, pfleg­te sei­ne Dat­tel­bäu­me und ern­te­te de­ren Früch­te, um sie zu ver­kau­fen. Als er ein biss­chen Geld zu­sam­men­hat­te, ließ er ei­nen Brun­nen boh­ren, „dann ha­be ich be­gon­nen, To­ma­ten und Kar­tof­feln an­zu­bau­en“. Mit dem Ge­mü­se woll­te er sich ein zu­sätz­li­ches Stand­bein auf­bau­en, sich we­ni­ger ab­hän­gig ma­chen von den Dat­teln. Von Tal Azer aus blickt man weit hin­ein in die schier end­los wir­ken­de Ni­ni­ve-Ebe­ne, die sich von der Stadt Mos­sul bis nach Sy­ri­en hin­ein er­streckt. Doch an je­nem Tag An­fang Au­gust 2014 grif­fen die Män­ner mit den schwar­zen Fah­nen an, Ter­ro­ris­ten des Is­la­mi­schen Staa­tes.

Sie hat­ten es be­son­ders auf Män­ner wie Ba­ra­kat ab­ge­se­hen, sie be­zeich­ne­ten sie als „Un­gläu­bi­ge“. Er ist Je­si­de und die gel­ten ra­di­ka­len Mus­li­men als Teu­fel­s­an­be­ter, als Aus­sät­zi­ge, weil ih­re Re­li­gi­on eben kein Buch hat wie den Tal­mud, den Koran oder die Bi­bel.

Da­mals leb­ten 2500 je­si­di­sche Fa­mi­li­en in Tal Azer. Der IS mas­sa­krier­te Män­ner und Jun­gen und ver­scharr­te sie in Mas­sen­grä­bern. Vie­le je­si­di­sche Frau­en und Mäd­chen wur­den ver­ge­wal­tigt, mehr als 4000 wur­den ver­schleppt. Ba­ra­kat aber flüch­te­te sich mit sei­ner Fa­mi­lie hier hin­auf auf den Berg. Sei­ne Dat­teln ern­tet nun der Is­la­mi­sche Staat. Aus der Fer­ne wir­ken die Shin­gal-Ber­ge, als ha­be der lie­be Gott ein­fach ei­nen gro­ßen Klum­pen Er­de auf ei­nen fla­chen Tel­ler ge­wor­fen und ihn dann dort ver­ges­sen.

Ber­gre­lief von Öca­lan

Nä­hert man sich den Ber­gen aus den von ira­ki­schen Pe­schmer­ga kon­trol­lier­ten Ge­bie­ten, ist ein rie­sen­gro­ßes Por­trät von Ab­dul­lah Öca­lan wie ein Re­lief in den Berg­hang ge­baut. Der Kur­de Öca­lan ist der in­haf­tier­te Chef der ver­bo­te­nen kur­di­schen Ar­bei­ter­par­tei in der Tür­kei. Ob­wohl wir im Irak sind, ha­ben sich die tür­ki­schen Kur­den hier ein­ge­nis­tet, ei­nen Mär­ty­rer­fried­hof er­rich­tet. An ei­ner Stra­ßen­sper­re ste­hen zwei ab­ge­ris­sen wir­ken­de PKK-Kämp­fer. Dann gibt es auch noch ei­ne sy­ri­sche Kur­den­grup­pe, die ge­gen das Re­gime von Bas­har al-As­sad kämpft, Sy­ri­en ist nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt.

In den Shin­gal-Ber­gen ver­su­chen al­le die­se Grup­pen ir­gend­wie ein biss­chen mit­zu­mi­schen, An­sprü­che gel­tend zu ma­chen oder sich als Schutz­macht der Je­si­den dar­zu­stel­len. Die Nä­he der PKK be­hagt vie­len Ira­kern hier nicht, denn wo die PKK ist, kön­nen auch tür­ki­sche Spe­zi­al­kräf­te schnell an­grei­fen.

Als Shin­gal an­ge­grif­fen wur­de, flo­hen Tau­sen­de zu Fuß in die Ber­ge. Kur­den ga­ben ih­nen Feu­er­schutz, wäh­rend die IS-Leu­te ih­nen nach­stell­ten. Tau­sen­de hat­te der IS mas­sa­kriert, um sie spä­ter in Mas­sen­grä­bern zu ver­schar­ren. Je­ne, wie Ba­ra­kat, de­nen es in To­des­angst ge­ra­de ge­lang, noch hier her­auf zu kom­men, konn­ten sich glück­lich schät­zen. Ge­mein­sam mit 500 an­de­ren Fa­mi­li­en kam Ba­ra­kat auf den Berg. Drei Mo­na­te wur­den sie vom IS be­la­gert. Spen­der char­ter­ten He­li­ko­pter, aus de­nen die be­droh­ten Men­schen mit Le­bens­mit­teln und Was­ser­fla­schen ver­sorgt wur­den. Fünf­zehn oder zwan­zig von Ba­ra­kats Ver­wand­ten aus Tal Azer sind ver­misst oder wur­den ge­tö­tet. Drei Frau­en sei­nes Clans sind im­mer noch in den Hän­den des IS. Sie wur­den ver­schleppt und ver­mut­lich zu Skla­vin­nen ge­macht. Vie­le der Ver­schlepp­ten muss­ten zum Is­lam kon­ver­tie­ren, vie­le sind von ih­ren Pei­ni­gern ge­schwän­gert wor­den. Nie­mand weiß, wie es sein wird, wenn sie ei­nes Ta­ges zu ih­ren Fa­mi­li­en zu­rück­keh­ren soll­ten, mit ei­nem Kind des Man­nes, der die El­tern oder den Bru­der mas­sa­kriert hat. „Wir wer­den un­se­ren ara­bi­schen Nach­barn nie ver­ge­ben“, sagt der Bau­er Ba­ra­kat und streicht sich durch sei­nen im­po­san­ten Bart.

„Sie ha­ben uns an den IS ver­ra­ten und wie soll es da je­mals wie­der ein Mit­ein­an­der ge­ben?“

Ba­ra­kat Ras­ho ist ein ar­mer Mann. Aber nach Tal Azer ge­he er nicht zu­rück, sagt er, das kön­ne er nicht, zu­min­dest nicht, so lan­ge der IS noch dort sei. „In die Stadt wer­de ich auch nicht ge­hen, dies hier ist mein Land“, sag­te er und schaut freund­lich die Be­su­cher an, die auf Mat­ten am Bo­den sei­nes Lehm­hau­ses sit­zen. Ge­ra­de wie­der hät­ten die Ter­ro­ris­ten ei­nen Ort in der Nach­bar­schaft an­ge­grif­fen. „Aber ich blei­be hier“, sagt er. Der Berg sei sein Bru­der, der ihn be­schützt ha­be. Ba­ra­kat Ras­ho ist si­cher, dass der Berg das auch wei­ter tun wer­de.

FO­TOS: CHRIS­TOPH PLA­TE

Der Bau­er Ba­ra­kat Ras­ho im Shin­gal-Ge­bir­ge im Nord­irak. Der Berg, auf dem er nun lebt, ha­be ihn in der Not be­schützt.

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