Der Krieg in Alep­po geht wei­ter

Eva­ku­ie­rung ver­zö­gert sich – As­sad wi­der­setzt sich of­fen­bar ei­ner Waf­fen­ru­he

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

ALEP­PO/DA­MAS­KUS (dpa) - Die sy­ri­sche Re­gie­rung will auch nach der Rück­er­obe­rung Alep­pos mit mi­li­tä­ri­scher Här­te ge­gen ih­re Geg­ner vor­ge­hen. Mit Mil­de könn­ten nur „Ter­ro­ris­ten“rech­nen, die sich er­ge­ben oder den Kampf­ort ver­las­sen, sag­te Prä­si­dent Ba­schar al-As­sad dem rus­si­schen Staats­fern­se­hen.

Ge­mein­sam mit den Ver­bün­de­ten Russ­land und Iran wol­le die sy­ri­sche Füh­rung die wei­te­ren Plä­ne er­ör­tern. Zu­nächst müs­se je­doch Alep­po ge­si­chert wer­den. „Die Ter­ro­ris­ten feu­ern täg­lich Ra­ke­ten und Gra­na­ten ab“, sag­te er. Zu­vor wa­ren ei­ne Waf­fen­ru­he und der Ab­zug der Re­bel­len aus der um­kämpf­ten nord­sy­ri­schen Stadt Alep­po ge­schei­tert. Sy­ri­sche Re­gie­rungs­trup­pen und Re­bel­len lie­fer­ten sich dort nach An­ga­ben von Be­ob­ach­tern und Ak­ti­vis­ten er­neut hef­ti­ge Ge­fech­te.

Sy­ri­sche Re­bel­len­grup­pen mel­de­ten am Abend ei­ne neue Über­ein­kunft über ei­ne Waf­fen­ru­he, um Ver­letz­te und Zi­vi­lis­ten aus den letz­ten Re­bel­len­ge­bie­ten in Alep­po in Si­cher­heit zu brin­gen. Ver­tre­ter der Grup­pen Nured­din al-Sin­ki und Ahrar al-Scham sag­ten der Nach­rich­ten­agen­tur AFP, nach Ver­hand­lun­gen zwi­schen Russ­land und dem tür­ki­schen Ro­ten Halb­mond sei die Waf­fen­ru­he be­reits in Kraft ge­tre­ten. Ei­ne der Re­gie­rung in Da­mas­kus na­he­ste­hen­de Qu­el­le de­men­tier­te die An­ga­ben je­doch. Es ge­be kei­ne Ei­ni­gung, die Ver­hand­lun­gen lie­fen noch, hieß es. Die Sy­ri­sche Be­ob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te er­klär­te der­weil, die Kämp­fe dau­er­ten an.

Ak­ti­vis­ten und Be­woh­ner in den noch ver­blie­be­nen Re­bel­len­ge­bie­ten Alep­pos sen­de­ten am Mitt­woch er­neut SOS-Ru­fe in so­zia­len Netz­wer­ken. „Die Ver­letz­ten und To­ten lie­gen auf dem Bo­den“, schrieb ein Be­woh­ner in ei­ner Nach­richt. „Die Ge­bäu­de wer­den über ih­ren Köp­fen zer­stört. Helft uns!“

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) for­der­te ei­ne so­for­ti­ge Waf­fen­ru­he für Alep­po. „Es ist nicht zu spät, mehr sinn­lo­ses Blut­ver­gie­ßen zu ver­hin­dern“, sag­te Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert. Am Di­ens­tag ha­be Mer­kel mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin te­le­fo­niert und sich für ei­ne Waf­fen­ru­he so­wie den un­ge­hin­der­ten Zu­gang hu­ma­ni­tä­rer Hel­fer ein­ge­setzt. Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er plä­dier­te für ei­nen po­li­ti­schen Pro­zess zur Be­en­di­gung des Sy­ri­en­krie­ges, füg­te aber hin­zu, er kön­ne sich „nicht vor­stel­len“, dass die po­li­ti­sche Zu­kunft Sy­ri­ens mit As­sad ge­stal­tet wer­den kön­ne.

In der Nacht wa­ren die Kämp­fe um Alep­po zu­nächst ab­ge­flaut, nach­dem sich die Re­bel­len mit der sy­ri­schen Füh­rung auf ei­nen Ab­zug aus dem Os­ten der Stadt ge­ei­nigt hat­ten. Die sy­ri­sche Re­gie­rung be­or­der­te in­zwi­schen aber al­le Bus­se, die zur Eva­ku­ie­rung be­reit­ge­stellt wor­den wa­ren, wie­der zu­rück. Si­gnal an Russ­land Die Sy­ri­sche Be­ob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te be­rich­te­te, dass re­gie­rungs­treue Trup­pen die ver­blie­be­nen Re­bel­len­ge­bie­te in Alep­po un­ter schwe­ren Be­schuss ge­nom­men hät­ten. Zu­dem flo­gen auch Kampf­flug­zeu­ge wie­der Luft­an­grif­fe, wie es heißt. Re­bel­len feu­er­ten den An­ga­ben zu­fol­ge Gra­na­ten auf die vom Re­gime kon­trol­lier­ten Ge­bie­te im Wes­ten der Stadt und tö­te­ten min­des­tens acht Men­schen.

As­sad will laut der Be­ob­ach­tungs­stel­le sei­nem Ver­bün­de­ten Russ­land zei­gen, dass er mit der Eva­ku­ie­rung nicht völ­lig ein­ver­stan­den sei. Den An­ga­ben nach be­vor­zugt As­sad die „mi­li­tä­ri­sche Ak­ti­on als ers­te Wahl“. Russ­land und die Tür­kei hät­ten sich auf die Eva­ku­ie­rung ge­ei­nigt, oh­ne As­sad ein­zu­bin­den.

Die rus­si­sche Nach­rich­ten­agen­tur Tass be­rich­te­te un­ter Ver­weis auf das rus­si­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, dass Re­bel­len ver­sucht hät­ten, die Be­la­ge­rung der sy­ri­schen Trup­pen zu durch­bre­chen. Als die Bus­se zum Ab­trans­port der Kämp­fer und Zi­vi­lis­ten am ver­ein­bar­ten Punkt an­ge­kom­men sei­en, hät­ten die Auf­stän­di­schen das Feu­er er­öff­net, mel­de­te Tass.

Die Schwei­zer Ju­ris­tin Car­la Del Pon­te ver­lang­te ein Son­der­tri­bu­nal für Kriegs­ver­bre­cher. Nach mehr als fünf Jah­ren Krieg in Sy­ri­en sei die „Zahl der Ver­bre­chen so groß“, dass ein Son­der­ge­richt wie im Fal­le Ju­go­sla­wi­ens nö­tig sei, sag­te die frü­he­re Chef­an­klä­ge­rin der Tri­bu­na­le für Ju­go­sla­wi­en und Ruan­da. Del Pon­te ist auch Mit­glied der Un­ab­hän­gi­gen In­ter­na­tio­na­len UN-Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on für Sy­ri­en.

Der schei­den­de UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ban Ki-moon hat das Ver­sa­gen der Ver­ein­ten Na­tio­nen im Sy­ri­enK­rieg als die größ­te Ent­täu­schung sei­ner Amts­zeit be­zeich­net.

„Was ich am meis­ten be­reue, jetzt, wo ich aus dem Amt schei­de, ist der an­hal­ten­de Alp­traum in Sy­ri­en“, sag­te Ban Ki-moon am Mitt­woch in New York bei ei­ner Ver­an­stal­tung zu sei­nen Eh­ren.

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