Der Grü­ne mit dem Kult­sta­tus

Hans-Chris­ti­an Strö­be­le hört auf – Par­tei­en fürch­ten jetzt Al­ters­prä­si­dent Gau­land

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BER­LIN - Hans-Chris­ti­an Strö­be­le (Grü­ne) hät­te so gut Heinz Rie­sen­hu­ber (CSU) be­er­ben kön­nen, den schei­den­den Al­ters­prä­si­den­ten des Bun­des­tags. Strö­be­le hät­te im nächs­ten Jahr die neue Le­gis­la­tur­pe­ri­ode er­öff­nen kön­nen, ei­ne Auf­ga­be, die die­sem Amt zu­kommt. Sei­ne oft un­be­que­men Ge­dan­ken wä­ren fast al­len Be­tei­lig­ten lie­ber ge­we­sen als die jetzt dro­hen­de Re­de des stell­ver­tre­ten­den AfD-Chefs Alex­an­der Gau­land, der so ger­ne un­ter­schwel­lig frem­den­feind­li­che Tö­ne an­klin­gen lässt. Doch dar­aus wird jetzt nichts, Strö­be­le hört auf.

In Ber­lin den­ken vie­le weit vor­aus – und dar­an, dass die AfD ziem­lich si­cher in den nächs­ten Bun­des­tag ein­zie­hen dürf­te. Und dass sie dann mit dem 75-jäh­ri­gen Alex­an­der Gau­land den wohl äl­tes­ten Ab­ge­ord­ne­ten stellt. Wenn nicht die FDP ein­zieht, de­ren Her­mann-Ot­to Solms mit sei­nen 76 Jah­ren Gau­land noch über­trä­fe.

So re­de­ten in den letz­ten Wo­chen ei­ni­ge auf Strö­be­le ein, doch bit­te noch ein­mal zu kan­di­die­ren. Zu­mal Strö­be­le zu je­nen ge­hört, die sich die geis­ti­ge Ju­gend­lich­keit be­wahrt ha­ben. Doch er will sich den Stress nicht noch ein­mal an­tun, hat er vor sei­nem Kreis­ver­band ge­sagt.

Hans-Chris­ti­an Strö­be­le, einst der Bür­ger­schreck der Grü­nen, ist längst von al­len Par­tei­en an­er­kannt. Kult­sta­tus er­rang er, als er 2002 als ers­ter und ein­zi­ger Grü­nen-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter ein Di­rekt­man­dat hol­te und dies drei­mal er­folg­reich ver­tei­dig­te. Der weiß­haa­ri­ge Strö­be­le mit dem li­la Fahr­rad wur­de be­lä­chelt, wenn er in Kreuz­berg und Fried­richs­hain im Wahl­kampf durch die Kn­ei­pen zog und Milch trank, und be­wun­dert für sei­ne Ener­gie, sei­nen Kamp­fes­wil­len, sein Durch­hal­te­ver­mö­gen. Trotz sei­ner Krebs­er­kran­kung zog er 2013 noch ein­mal in den Bun­des­tag ein. Der In­be­griff des Alt-68ers Strö­be­le war als eins­ti­ger RAF-An­walt der In­be­griff ei­nes Alt-68ers. Von 1970 bis 1975 war er bei der SPD, 1985 kam er als Nach­rü­cker für die Grü­nen in den Bun­des­tag und blieb bis 1987. Da­nach be­rei­te­te er die ers­te rot-grü­ne Ko­ali­ti­on in der Stadt Ber­lin mit vor. 1998 kehr­te er zu­rück in den Bun­des­tag und mach­te sich im Par­tei­spen­den-Un­ter­su­chungs­aus­schuss ei­nen Na­men, in­dem er gna­den­los Hel­mut Kohls schwar­ze Kas­sen durch­leuch­te­te. In den letz­ten Jah­ren wur­de er im NSA-Aus­schuss be­rühmt, als er 2013 den USGe­heim­dienst­mit­ar­bei­ter Ed­ward Snow­den in Mos­kau be­such­te und sich da­für ein­setz­te, ihm Asyl in Deutsch­land zu ge­wäh­ren.

Strö­be­le, ein lin­ker Grü­ner, nerv­te jahr­zehn­te­lang die Rea­los mit sei­nem stän­di­gen Kampf für ei­ne Ver­mö­gen­steu­er, für mehr Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit, ge­gen ei­nen Über­wa­chungs­staat und na­tür­lich ge­gen Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr. „Strö­be­le wäh­len heißt Fi­scher quä­len“, so warb er in Zei­ten des grü­nen Au­ßen­mi­nis­ters Josch­ka Fi­scher selbst um sein Man­dat. Ot­to Schi­ly nann­te ihn spaß­haft mal ei­nen „Al­ters­ra­di­ka­len“. Das stimmt nicht ganz, denn er war im­mer ra­di­kal, ob in sei­ner Ju­gend, als Er­wach­se­ner oder jetzt im Alter. Er wird im Bun­des­tag feh­len.

FO­TO: DPA

Hans-Chris­ti­an Strö­be­le (Grü­ne) kan­di­diert nicht mehr für den Bun­des­tag.

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