Heu­te sieht der Park­wäch­ter Wan­de­rer statt Schwes­tern

Der Fel­sen im In­zig­ko­fer Park, der die Form ei­nes Ge­sichts hat, schil­dert sei­ne Be­ob­ach­tun­gen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - RUND UM SIGMARINGEN - Von Wil­li Röß­ler

IN­ZIG­KOFEN - Der Park­wäch­ter von In­zig­kofen lebt seit Jahr­mil­lio­nen im Obe­ren Do­nau­tal und be­ob­ach­tet das Ge­sche­hen. Er war un­be­kannt, bis ein Wan­de­rer ihn ent­deck­te. Die­ser ver­trau­te ihm dar­auf­hin vie­le Be­ge­ben­hei­ten an. Der Park­wäch­ter er­zählt sei­ne Ge­schich­te.

Vor Mil­lio­nen Jah­ren rausch­te zu sei­nen Fü­ßen die Do­nau mit un­ge­heu­ren Was­ser­mas­sen, den leich­tes­ten Weg nach Sig­ma­rin­gen su­chend. Auf dem ge­gen­über­lie­gen­den Ke­gel­berg, die Leu­te nen­nen ihn heu­te Ere­mi­ta­ge, sam­mel­ten sich vor über 3000 Jah­ren vie­le Men­schen aus nah und fern, um hier der Frucht­bar­keits­göt­tin Epo­na Ga­ben zu hin­ter­le­gen. Sie brach­ten bron­ze­ne Si­cheln, die da­mals ei­nen ho­hen Wert hat­ten. So soll­ten ih­re Frau­en und ih­re Äcker in den nächs­ten Jah­ren wie­der gu­te Frucht brin­gen. Die Jah­re gin­gen da­hin. Dann ka­men aus Sig­ma­rin­gen zwei Bür­gers­frau­en und woll­ten an mei­ner Gren­ze hoch oben ei­ne Klau­se er­rich­ten. Mehr und mehr Frau­en ka­men hin­zu und grün­de­ten ein Klos­ter. Sie ar­bei­te­ten und be­te­ten. Ich sah sie in ih­rem Gar­ten spa­zie­ren ge­hen. Sie er­zähl­ten sich, dass die Schwes­ter Obe­rin ein stren­ges Re­gi­ment führ­te.

In die­sen Jah­ren, es mag auch frü­her ge­we­sen sein, war auf dem Um­lauf­berg ge­gen­über ein gro­ßes Be­gräb­nis. Drei ade­li­ge Kämp­fer wur­den dort be­gra­ben und viel Volk kam hier­zu. War­um sie kei­nen Gr­ab­stein und kei­ne Ka­pel­le er­hiel­ten, fra­ge ich mich noch heu­te.

In spä­te­rer Zeit drang ei­ne Frau in mein Reich ein, ei­ne Fürs­tin von Sig­ma­rin­gen. Sie wohn­te in den Ge­bäu­den des Klos­ters, das in­zwi­schen auf­ge­löst wor­den war. Sie ließ frem­de Bäu­me auf meine Be­sit­zun­gen set­zen und We­ge an­le­gen. Dar­auf­hin ka­men vie­le Be­su­cher. Der An­drang wur­de noch grö­ßer als ei­ne Brü­cke über die tie­fe Schlucht ge­baut wur­de und das kam so: Ein Zim­mer­mann soll­te auf Be­fehl der Fürs­tin die Brü­cke bau­en. Das war ihm nicht ge­heu­er, war die Schlucht doch tief und fins­ter. Er sin­nier­te, wie er es am bes­ten an­fan­gen soll­te und hat­te Tag und Nacht kei­ne Ru­he. Da er­schien ihm der Teu­fel und sag­te: „Ich wer­de Dir bis mor­gen früh ei­ne Brü­cke bau­en, aber Du musst mir die See­le des Ge­schöp­fes ver­spre­chen, das als ers­tes über die Brü­cke geht.“Nun kam der Zim­mer­mann in noch grö­ße­re Ver­le­gen­heit. Angst und Zwei­fel jag­ten ihn. Letz­ten En­des schlug er ein, die Brü­cke stand am nächs­ten Mor­gen da . Nun wur­den die Ängs­te noch grö­ßer: Wen soll­te er als ers­ten über die Brü­cke ge­hen las­sen? Dann kam ihm ei­ne Idee, er jag­te ei­nen Hund über die Brü­cke und so hielt er sein Ver­spre­chen und über­lis­te­te den Teu­fel. Seit­her nen­nen die Leu­te die­se Brü­cke „Teu­fels­brü­cke“.

Zur glei­chen Zeit tum­mel­ten sich wie­der Leu­te auf dem Um­lauf­berg. Die Fürs­tin hat­te ei­nen Lust­gar­ten dort er­rich­ten las­sen und lud im­mer wie­der ih­re Ge­sel­lin­nen zu Fes­ten ein. Mit ei­nem Kahn fuh­ren sie über die Do­nau. Es war ein Tan­zen und ein Sin­gen. Als nach Jah­ren die­ses Lust­haus ab­ge­ris­sen wur­de, hat man ei­ne Ka­pel­le er­baut, die heu­te noch im­mer steht. Heu­te kom­men Wall­fah­rer dort­hin zum Be­ten, auch Sol­da­ten, die der Ge­fal­le­nen aus Sta­lin­grad ge­den­ken. Was hat Meß­kirch mit dem Tri­umph­bo­gen in Pa­ris zu tun? Was kommt ei­gent­lich in die Stet­tener Bock­milch hin­ein, und was ver­birgt sich hin­ter dem Ta­pe­ten­tür­chen im Sig­ma­rin­ger Schloss? Die Re­dak­ti­on hat ih­re Le­ser in den ver­gan­ge­nen Wo­chen auf We­ge, die sonst im Ver­bor­ge­nen lie­gen, ge­führt, und in ei­ner gleich­na­mi­gen Se­rie „Schwä­bi­sche Ge­heim­nis­se“ge­lüf­tet. Nun ge­hen wir mit drei wei­te­ren Ge­heim­nis­sen in die Ver­län­ge­rung.

Üb­ri­gens, so er­zäh­len die Leu­te, soll die ge­nann­te Fürs­tin Ama­lie Ze­phe­ri­ne mit ei­nen Schim­mel aus Lie­bes­kum­mer über den Blau­en Fel­sen ge­rit­ten, ab­ge­stürzt und tot an der Do­nau ge­fun­den wor­den sein. Das ent­spricht aber nicht der Wahr­heit, das hät­te ich se­hen müs­sen.

Die Land­schaft hat sich ver­än­dert, Laiz und In­zig­kofen wur­den grö­ßer, vie­le Wan­de­rer strei­fen nun an mei­nen Fü­ßen vor­bei. Der Park wird ge­pflegt, und neu­er­dings hat man Ta­feln an­ge­bracht, die auf die Er­eig­nis­se der Jahr­hun­der­te hin­wei­sen. Ich wer­de wei­ter­hin das Ge­sche­hen im Do­nau­tal be­ob­ach­ten und mir hier­über meine Ge­dan­ken ma­chen.

FO­TO: WIL­LI RÖSS­LER

Be­ob­ach­tet das Ge­sche­hen im Do­nau­tal: der Park­wäch­ter von In­zig­kofen.

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