„Pö­be­lei­en sind noch im­mer an der Ta­ges­ord­nung“

Da­ni­el Schuh­ma­cher bringt ein neu­es Al­bum her­aus – Dar­auf geht es un­ter an­de­rem um sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - OBERSCHWABEN UND DONAU -

PFULLENDORF - Neu­er Look, neue Mes­sa­ge, neu­es Al­bum: Für den Pful­len­dor­fer Sän­ger Da­ni­el Schuh­ma­cher dreht sich zur­zeit al­les um sein Pro­jekt DSFZKE. Mit SZ-Re­dak­teur Se­bas­ti­an Korinth spricht er über das Auf­wach­sen als Ho­mo­se­xu­el­ler in der Kle­in­stadt, Be­lei­di­gun­gen und dar­über, war­um das al­les über­haupt noch ei­ne Rol­le spielt. Die ers­te Sing­le aus dem neu­en Al­bum ist ei­ne Co­ver­ver­si­on von „Small­town Boy“von Bron­ski Beat. Da­rin geht es um ei­nen ho­mo­se­xu­el­len Jun­gen in der Kle­in­stadt. Wie war das für Sie als Ju­gend­li­cher in Pfullendorf? Schreck­lich. Man traut sich in dem Alter na­tür­lich nicht, groß dar­über zu re­den. Man weiß ja, wie Leu­te in der Schu­le be­han­delt wer­den, wenn sie an­ders sind. Au­ßer­dem fragt man sich stän­dig: Was stimmt mit mir nicht? Man be­ginnt, an sich selbst zu zwei­feln. Auch, weil man denkt, man sei der ein­zi­ge auf der gan­zen Welt, dem es so geht. Der Jun­ge in „Small­town Boy“ver­lässt sein El­tern­haus, weil er sich von sei­nen El­tern nicht ver­stan­den fühlt. Wie war das bei Ih­nen? Ich ha­be es mei­nen El­tern er­zählt, als ich 18 war. Meine Mut­ter hat ge­sagt: Das ha­be ich mir schon ge­dacht. Mein Va­ter hat nicht viel da­zu ge­sagt, aber ich glau­be, das ist bei Vä­tern ein­fach so. Er ist aber cool da­mit um­ge­gan­gen. Mei­nem klei­nen Bru­der ha­ben wir es erst spä­ter ge­sagt, weil er da­mals noch so jung war. Vor drei Jah­ren Jah­ren wur­de Ih­re Ho­mo­se­xua­li­tät groß in der Öf­fent­lich­keit dis­ku­tiert. Hat es Sie über­rascht, dass das im­mer noch so ein The­ma ist? Er­staun­lich fin­de ich das schon. Für mich war das zu die­sem Zeit­punkt kein gro­ßes The­ma – und für meine wirk­li­chen Freun­de auch nicht. Ich ha­be das we­der ver­heim­licht noch an die gro­ße Glo­cke ge­hängt. Auf je­den Fall woll­te ich das The­ma nicht aus­schlach­ten. Es ist ja auch eher zu­fäl­lig, am Ran­de ei­ner Ver­an­stal­tung, raus­ge­kom­men. Im Pres­se­text zu Ih­rem neu­en Al­bum heißt es, Sie sei­en für Ihr Co­m­ing-out „oft übel be­han­delt“wor­den. Wie hat sich das ge­äu­ßert? Ich kann hier in der Re­gi­on zum Bei­spiel nicht auf Par­tys oder Fes­te ge- hen. Da sind Pö­be­lei­en noch im­mer an der Ta­ges­ord­nung. Mich är­gert au­ßer­dem, auf meine Ho­mo­se­xua­li­tät re­du­ziert zu wer­den. Für mich per­sön­lich war das Co­m­ing-out aber eher ei­ne Er­leich­te­rung. Da­mit konn­te ich den Leu­ten, die mich an­ge­pö­belt ha­ben, auch ein Stück weit den Wind aus den Se­geln neh­men. Ins­ge­samt hat mich das al­les stär­ker ge­macht. Ich ha­be ge­lernt, mit dem The­ma um­zu­ge­hen. Sie ha­ben ei­ne Zeit lang auch in Ber­lin und in Köln ge­wohnt. War es da als Ho­mo­se­xu­el­ler leich­ter? Das kann ich schwer sa­gen, weil ich mich da­mals noch nicht ge­ou­tet hat­te. In die­ser Zeit hat das The­ma kei­ne be­son­ders gro­ße Rol­le ge­spielt. Glau­ben Sie, dass es in der Groß­stadt heu­te ein­fa­cher wä­re? Ei­gent­lich nicht. Au­ßer­dem wür­de ich mir oh­ne­hin ei­nen eher bo­den­stän­di­gen Part­ner wün­schen. Je­man­den, der ge­nau­so hei­mat­ver­bun­den und ein Fa­mi­li­en­mensch ist wie ich. Wä­re es in Köln oder Ber­lin nicht zu­min­dest leich­ter, über­haupt ei­nen Part­ner zu fin­den? Auf je­den Fall. Die meis­ten Schwu­len, die ich von hier ken­ne, sind in­zwi­schen weg­ge­zo­gen. Aber meine Fa­mi­lie und meine Freun­de sind hier und ich füh­le mich hier wohl. Zu­rück zur Mu­sik: Drei Jah­re ha­ben Mar­cus Lo­eber und Sie am ge­mein­sa­men Al­bum ge­ar­bei­tet, seit Mit­te No­vem­ber ist es auf dem Markt. War­um hat das so lan­ge ge­dau­ert? Aus ver­schie­de­nen Grün­den. In den ers­ten zwei Jah­ren ha­ben wir vor al­lem nach dem rich­ti­gen Sound ge­sucht. Die De­mos von da­mals sind heu­te kaum wie­der­zu­er­ken­nen. Am En­de hat­ten wir dann 25 Songs. Auch die Ent­schei­dung, wel­che da­von aufs Al­bum kom­men, hat viel Zeit in An­spruch ge­nom­men. Wir woll­ten ein­fach zu­frie­den sein, aber wir hat­ten ja auch kei­nen Druck. Nie­mand hat drin­gend auf ein neu­es Al­bum von Da­ni­el Schuh­ma­cher ge­war­tet. An­hand wel­cher Kri­te­ri­en ha­ben Sie dann ent­schie­den, wel­che Songs auf das Al­bum kom­men? Drei der Songs er­zäh­len zum Bei­spiel ei­ne Ge­schich­te. Die muss­ten aufs Al­bum – und zwar auch in ei­ner ent­spre­chen­den Rei­hen­fol­ge. Je­der von uns hat ei­ne Lis­te mit den Songs ge­schrie­ben, die sei­ner Mei­nung nach aufs Al­bum soll­ten. Die­se ha­ben sich dann er­staun­li­cher­wei­se gar nicht groß un­ter­schie­den. Die end­gül­ti­ge Aus­wahl stand al­ler­dings erst we­ni­ge Wo­chen vor der Ver­öf­fent­li­chung fest. Wer von Ih­nen hat jetzt ge­nau was ge­macht? Mar­cus Lo­eber und ich ha­ben ge­mein­sam die Songs ge­schrie­ben. Er hat sie pro­du­ziert und ei­nen Groß­teil der Mu­sik ein­ge­spielt. Ich sin­ge bei al­len – und zwar et­was tie­fer und sou­li­ger als bis­her. Ins­ge­samt ist das Al­bum nicht so me­lan­cho­lisch ge­wor­den wie das Da­ni­el-Schuh­ma­cher-Al­bum da­vor. Wir sind mit dem Er­geb­nis echt hap­py und die Ar­beit am nächs­ten Al­bum hat schon be­gon­nen. War­um ist die Mu­sik un­ter dem Na­men DSFZKE er­schie­nen? Weil wir bei­de in­ten­siv dar­an ge­ar­bei­tet ha­ben. Wir ha­ben nicht ge­sagt: Wir müs­sen jetzt al­les än­dern. Aber ich ha­be mich na­tür­lich als Mensch wei­ter­ent­wi­ckelt, mein Style ist ein an­de­rer und ich se­he ein­fach an­ders aus als vor ein paar Jah­ren. Ins­ge­samt war ich bei der Ar­beit to­tal frei: Nie­mand hat mir ge­sagt, wie ich aus­se­hen muss. Nie­mand hat mir ge­sagt, wie die Mu­sik klin­gen muss. Und trotz­dem steckt im neu­en Al­bum na­tür­lich auch viel Da­ni­el Schuh­ma- cher drin – zum Bei­spiel durch meine Art, Songs zu schrei­ben. Ich lie­be die Mu­sik der 80er und mir ist es ge­lun­gen, das mit ein­zu­brin­gen. Ich tre­te ja aber auch noch als Da­ni­el Schuh­ma­cher auf. Auch so ge­se­hen muss ich mich als Künst­ler al­so nicht auf­ge­ben. Knapp drei Jah­re ha­ben Da­ni­el Schuh­ma­cher und Mar­cus Lo­eber am Al­bum „You Want It“ge­ar­bei­tet. In die­ser Zeit ent­stand auch der Pro­jekt­na­me DSFZKE, des­sen Be­deu­tung die Künst­ler bis­lang nicht Preis ge­ben wol­len. Bei der Ar­beit an den Songs ori­en­tier­ten sich Schuh­ma­cher und Lo­eber an den elek­tro­ni­schen Sounds der 80er-Jah­re, die sie mit Soul und Pop misch­ten. Für die Pro­duk­ti­on griff Lo­eber auf ein enor­mes Netz­werk an Stu­di­os und Mu­si­kern zu­rück, so­dass an den Songs un­ter an­de­rem in Los An­ge­les, Pitts­burgh, Lon­don und Düsseldorf ge­ar­bei­tet wur­de. Den Text zur Bal­la­de „Cry­ing Over You“lie­fer­te Ma­ry Apple­ga­te, die un­ter an­de­rem den Welt­hit „The Po­wer Of Lo­ve“– be­kannt ge­wor­den durch Jen­ni­fer Rush – tex­te­te. Seit dem 16. No­vem­ber steht „You Want It“zum Down­load be­reit. Vor­aus­sicht­lich ab kom­men­dem Sams­tag soll es das Al­bum auch auf CD ge­ben. (sz/SeK)

FO­TO: PRI­VAT

Für sein neu­es Al­bum hat Da­ni­el Schuh­ma­cher (vor­ne) mit Mar­cus Lo­eber zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Seit Mit­te No­vem­ber steht „You Want It“zum Down­load be­reit, die CD folgt in we­ni­gen Ta­gen.

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