Kel­ti­sches Grä­ber­feld ge­fun­den

Archäo­lo­gen le­gen in Un­lin­gen au­ßer­ge­wöhn­li­che Bron­ze­fi­gur aus der Hall­statt­zeit frei

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - OBERSCHWABEN UND DONAU - Von Kers­tin Schell­horn

UN­LIN­GEN - Es ist ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on: Archäo­lo­gen ha­ben beim Bau der Un­lin­ger Orts­um­fah­rung drei kel­ti­sche Gr­ab­hü­gel aus der Hall­statt­zeit – ach­tes bis fünf­tes Jahr­hun­dert vor Chris­tus – ent­deckt. Die Sied­lung, de­ren Be­woh­ner in den Grä­bern be­stat­tet wur­den, war bis­lang noch nicht be­kannt. Des­halb rückt nun der Bus­sen als mög­li­cher Sied­lungs­ort ne­ben der Heu­ne­burg in Hun­der­sin­gen noch stär­ker als bis­her in den Fo­kus der For­schung. Ein Teil der Fun­de soll im nächs­ten Jahr in ei­ner Son­der­aus­stel­lung ge­zeigt wer­den, sagt Archäo­lo­ge Dr. Mar­cus Mey­er vom Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge.

„Ins­ge­samt las­sen sich bis­lang min­des­tens fünf Grä­ber di­rekt und in­di­rekt nach­wei­sen“, er­klärt Mey­er, der in Sa­chen Vor- und Früh­ge­schich­te als Ge­biets­re­fe­rent für den Land­kreis Bi­be­rach zu­stän­dig ist. Je­der der drei Gr­ab­hü­gel be­her­bergt ei­ne zen­tra­le Gr­ab­kam­mer. Der kleins­te der Hü­gel hat ei­nen Durch­mes­ser von 16 Me­tern, der größ­te ei­nen Durch­mes­ser von 31 Me­tern. „Ur­sprüng­lich wa­ren sie et­wa fünf Me­ter hoch“, so der Archäo­lo­ge. Jetzt sind noch 50 Zen­ti­me­ter da­von üb­rig. Wahr­schein­lich Frau­en In ei­nem der Hü­gel wur­den zwei Per­so­nen na­he­zu über­ein­an­der lie­gend be­stat­tet. Die Fun­de aus ei­nem der an­de­ren wei­sen zu­dem auf ei­ne Nach­be­stat­tung hin – et­was ab­seits der zen­tra­len, ur­sprüng­lich aus Holz ge­zim­mer­ten, Gr­ab­kam­mer. „Auf­grund der Schmuck­bei­ga­ben dürf­te es sich wahr­schein­lich um Frau­en ge­han­delt ha­ben“, sagt Mar­cus Mey­er. Da der Bo­den im Be­reich „Tie­fes Ried“, in dem die Gr­ab­hü­gel ent­deckt wur­den, recht sau­er ist, sind die Er­hal­tungs­be­din­gun­gen für Kno­chen schlecht. Die Ske­let­te hät­ten sich des­halb nur noch in Tei­len er­hal­ten. „Die Be­stat­tun­gen in den Zen­tral­grä­bern der an­de­ren bei­den Hü­gel wa­ren nicht mehr nach­weis­bar, da die mensch­li­chen Über­res­te sehr wahr­schein­lich voll­stän­dig ver­gan­gen sind.“Den­noch hat das Aus­gra­bungs­team ei­nen 0,7 mal ein Me­ter gro­ßen Erd­block aus dem Bo­den ge­ho­ben, in dem sich der Kie­fer ei­ner der Frau­en be­fin­det. Er wird der­zeit in ei­ner der Werk­stät­ten des Denk­mal­amts frei­ge­legt. Als man den Block ent­fernt hat­te, stell­te man fest, dass dar­un­ter wei­te­re mensch­li­che Kno­chen la­gen und ent­deck­te so die Dop­pel­be­stat­tung, so Mey­er.

Der Archäo­lo­ge kann auch Aus­sa­gen zum ge­sell­schaft­li­chen Stand der be­stat­te­ten Frau­en ma­chen: „Auf­grund der Grö­ße der Gr­ab­hü­gel und der Grö­ße der höl­zer­nen Gr­ab­kam­mern so­wie der viel­fäl­ti­gen, teils wert­vol­le­ren und au­ßer­ge­wöhn­li­che­ren Bei­ga­ben ha­ben wir hier Men­schen vor uns, die ei­ner her­vor­ge­ho­be­nen Be­völ­ke­rungs­schicht, mög­li­cher­wei­se der Ober­schicht der zu­ge­hö­ri­gen Sied­lung an­ge­hör­ten.“Zu den Gr­ab­bei­ga­ben, die ge­fun­den wur­den, ge­hö­ren et­wa Per­len, die von ei­ner Ket­te stam­men, ein Gür­tel­blech aus Bron­ze und ei­ne Haar­na­del aus Ei­sen, die mit ei­nem Ga­gat­kopf ver­se­hen ist. Ga­gat wird auch Pech­koh­le ge­nannt und ist ein fos­si­les Holz, dass sich im Über­gangs­sta­di­um von Braun- zu St­ein­koh­le be­fin­det. Das au­ßer­ge­wöhn­lichs­te Fund­stück ist je­doch ein klei­nes bron­ze­nes Rei­ter­fi­gür­chen. Es wur­de bei der Frau ge­fun­den, die in ei­nem der Gr­ab­hü­gel nach­be­stat­tet wor­den war. Die zen­tra­le Gr­ab­kam­mer hat­te man in­des be­raubt – wahr­schein­lich schon in der An­ti­ke. Die Fi­gur ist 8,5 Zen­ti­me­ter lang und 6,8 Zen­ti­me­ter hoch und gut er­hal­ten. Sie zeigt ei­nen Rei­ter oder ei­ne Rei­te­rin in ste­hen­der Hal­tung auf ei­nem Dop­pel­pferd. Die Bruch­kan­ten an den un­voll­stän­di­gen Bei­nen las­sen er­ken­nen, dass die Sta­tu­et­te ur­sprüng­lich wohl an ei­nem an­de­ren Ob­jekt an­ge­bracht war, wie et­wa auf ei­nem Ge­fäß. „Das klei­ne Rei­ter­fi­gür­chen ist der be­deu­tends­te Fund, den wir bis­her hier ge­macht ha­ben“, be­tont Mar­cus Mey­er. Auf­grund der Mit­fun­de lässt sich das Fi­gür­chen in die Stu­fe Hall­statt C da­tie­ren, al­so et­wa in den Zei­t­raum ach­tes bis sieb­tes Jahr­hun­dert vor Chris­tus. „Aus die­ser Zeit sind plas­ti­sche Darstel­lun­gen aus früh­kel­ti­schen Fund­zu­sam­men­hän­gen in Ba­den-Würt­tem­berg ei­ne sehr gro­ße Sel­ten­heit“, er­gänzt der Archäo­lo­ge. Es könn­te sich so­gar um ei­ne der äl­tes­ten Rei­ter­dar­stel­lun­gen Süd­deutsch­lands han­deln. Hei­mi­sche Ar­beit Die Her­kunft der Klein­plas­tik ist bis­lang noch nicht ein­deu­tig ge­si­chert, da im Au­gen­blick noch nach Par­al­le­len ge­sucht wird. Auf­grund der Gestal­tung dürf­te es sich um ei­ne ein­hei­mi­sche Ar­beit han­deln, be­ein­flusst von Vor­bil­dern aus dem Raum süd­lich der Al­pen. Da­mit be­sitzt das Stück in je­dem Fall ei­ne über­re­gio­na­le Be­deu­tung.

Die Chan­cen, dass auch die Be­völ­ke­rung vor Ort das Auf­se­hen er­re­gen­de Fi­gür­chen zu se­hen be­kommt, ste­hen gut. „Es ist ge­plant, im Jahr 2017 Tei­le der Fun­de in ei­ner Son­der­aus­stel­lung in der Re­gi­on zu zei­gen“, kün­digt Mey­er an. Mo­men­tan lau­fe noch die Frei­le­gung der Block­ber­gun­gen so­wie die Re­stau­rie­rung der teils recht fra­gi­len Ob­jek­te, was noch ei­ni­ge Zeit in An­spruch neh­men wird. „Über den letzt­end­li­chen Ver­bleib der Ob­jek­te ist noch nichts ent­schie­den.“

Für die wei­te­re For­schung über die früh­kel­ti­sche Be­sied­lung im Um­feld der Heu­ne­burg in Hun­der­sin­gen sind die Un­lin­ger Fun­de eben­falls von gro­ßer Be­deu­tung. „Bei Aus­gra­bun­gen ist es oft so, dass ei­ne Fra­ge be­ant­wor­tet wird und sich fünf neue auf­tun“, sagt Mar­cus Mey­er. So et­wa die Fra­ge nach der Sied­lung, de­ren Be­woh­ner in den Grä­bern be­stat­tet wur­den. Die­se dürf­te ver­mut­lich nicht all­zu weit ent­fernt ge­le­gen ha­ben. Da die Ge­gend je­doch schon seit Jahr­hun­der­ten – und auch noch heu­te – in­ten­siv land­wirt­schaft­lich ge­nutzt wird, sei es mög­lich, dass die Spu­ren die­ser Sied­lung be­reits zum größ­ten Teil oder voll­stän­dig be­sei­tigt sind, er­klärt der Archäo­lo­ge.

Al­ler­dings soll der span­nen­den Fra­ge, ob auf dem Bus­sen ei­ne zeit­glei­che, mög­li­cher­wei­se zu­ge­hö­ri­ge Sied­lung be­stand, im Rah­men des von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) ge­för­der­ten Lang­zeit­pro­jekts „Be­sied­lungs-und Kul­tur­land­schafts­ent­wick­lung im Um­feld der Heu­ne­burg wäh­rend der Hall­statt- und Früh­latè­ne­zeit“in den nächs­ten Jah­ren durch ar­chäo­lo­gi­sche For­schun­gen noch wei­ter nach­ge­gan­gen wer­den, sagt Mey­er. Der Be­ginn der elf Ki­lo­me­ter ent­fern­ten be­deu­ten­den Sied­lung auf der Heu­ne­burg wird in die Zeit um 620 vor Chris­tus da­tiert. Die Grä­ber in Un­lin­gen stam­men so­wohl aus der Zeit vor der Er­rich­tung der Heu­ne­burg als auch aus der Zeit ih­res Be­ste­hens. Wel­che Be­zie­hun­gen der Be­stat­te­ten aus den Un­lin­ger Grä­bern zur Heu­ne­burg be­stan­den ha­ben, lässt sich der­zeit nicht be­ant­wor­ten. Al­lein auf­grund der räum­li­chen Nä­he sind Kon­tak­te zur dor­ti­gen Be­völ­ke­rung aber an­zu­neh­men.

FO­TO: KERS­TIN SCHELL­HORN

Zwi­schen der Wirt­schafts­we­ge­brü­cke (im Hintergrund), die Un­lin­gen mit der Ei­chen­au ver­bin­det, und der Brü­cke über die Kan­zach sind die Archäo­lo­gen fün­dig ge­wor­den. Das Fo­to zeigt den Zu­stand kurz nach der Gra­bung. In­zwi­schen ist der Be­reich mit der künf­ti­gen Fahr­bahn der B 311 über­baut.

FO­TO: LAN­DES­AMT FÜR DENK­MAL­PFLE­GE /JAN KÖ­NIG

Das obe­re Frau­en­grab aus Hü­gel 1 im Auf­fin­dungs­zu­stand. Er­kenn­bar sind ein bron­ze­ner Hals­ring, Tei­le des Kie­fers, gro­ße und klei­ne Ku­geln aus Ga­gat.

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