IS soll Zwölf­jäh­ri­gen für Ter­ror re­kru­tiert ha­ben

Ge­ne­ral­bun­des­an­walt er­mit­telt ge­gen Hin­ter­män­ner, die über das In­ter­net Kon­takt auf­ge­nom­men ha­ben sol­len

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Andreas Her­holz

BER­LIN/LUD­WIGS­HA­FEN - Ein Zwölf­jäh­ri­ger, der im Ver­dacht steht, Bom­ben­an­schlä­ge auf den Weih­nachts­markt und das Rat­haus von Lud­wigs­ha­fen ge­plant zu ha­ben, ein Kind als mut­maß­li­cher Is­la­mist und Ter­ror­ver­däch­ti­ger – es wä­re ei­ne neue Di­men­si­on.

„Der Jun­ge ist an ei­nem si­che­ren Ort“, er­klär­te die Ober­bür­ger­meis­te­rin Eva Loh­se ges­tern in Lud­wigs­ha­fen. Von ihm ge­he kei­ne Ge­fahr aus. Die Bun­des­an­walt­schaft in Karls­ru­he er­mit­telt und hat ei­nen Aus­kunfts­vor­be­halt ver­hängt. Die Be­hör­den vor Ort dür­fen sich nicht mehr zu dem Fall des mut­maß­li­chen Is­la­mis­ten und sei­nen At­ten­tats­plä­nen äu­ßern. We­ni­ge Mi­nu­ten nur, dann war die Pres­se­kon­fe­renz der Stadt­ver­wal­tung auch schon wie­der vor­bei. Er­mitt­lun­gen ge­gen Hin­ter­män­ner Der mut­maß­li­che is­la­mis­ti­sche At­ten­tä­ter, in Lud­wigs­ha­fen ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen mit deut­scher und ira­ki­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, soll zu­nächst am 26. No­vem­ber ei­ne selbst­ge­bau­te Na­gel­bom­be in ei­nem Ruck­sack auf dem Weih­nachts­markt im Zen­trum von Lud­wigs­ha­fen ab­ge­legt ha­ben und neun Ta­ge spä­ter auch ei­nen Spreng­satz am Rat­haus. In bei­den Fäl­len schlug der Ver­such of­fen­bar fehl, die Spreng­sät­ze zu zün­den. Die Bom­ben sei­en mit py­ro­tech­ni­schem Ma­te­ri­al ge­füllt ge­we­sen, so die Po­li­zei. Die­ses sei zwar brenn­bar, aber nicht ex­plo­siv ge­we­sen, hieß es.

Der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt hat den Fall über­nom­men. Er er­mit­telt we­gen ei­ner „schwe­ren staats­ge­fähr­den­den Ge­walt­tat“, be­stä­tig­te ein Spre­cher. Der Jun­ge sei of­fen­bar von un­be­kann­ten Mit­glie­dern der Ter­ror­mi­liz „Is­la­mi­scher Staat“an­ge­stif­tet und über ei­nen ver­schlüs­sel­ten Mes­sen­ger-Di­enst im In­ter­net an­ge­lei­tet wor­den. Weil der mut­maß­li­che Tä­ter un­ter 14 Jah­ren ist, ist er nicht straf­mün­dig. Die Er­mitt­lun­gen rich­ten sich ge­gen die Hin­ter­män­ner. Ex­per­ten be­ob­ach­ten seit Län­ge­rem, dass der IS nicht nur auf Pro­pa­gan­da-Vi­de­os, son­dern auch auf Kon­takt in den So­zia­len Netz­wer­ken setzt, um Ju­gend­li­che an­zu­wer­ben und zu ge­win­nen. Ge­ra­de bei ei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on über ver­schlüs­sel­te Mes­sen­ger-Di­ens­te sei es für Er­mitt­ler schwie­rig, dies zu er­ken­nen und zu über­wa­chen. Oft wer­de der „Hei­li­ge Krieg ge­gen Un­gläu­bi­ge“als Aben­teu­er sti­li­siert. Laut Bun­des­zen­tra­le für Po­li­ti­sche Bil­dung gibt es so­gar Apps für Smart­pho­nes und Ta­blets, die spe­zi­ell für Kin­der und Ju­gend­li­che von Is­la­mis­ten ent­wi­ckelt wor­den sei­en. Nach An­sicht des Ter­ro­ris­mus­ex­per­ten Pro­fes­sor Pe­ter Ne­u­mann vom Lon­do­ner King’s Col­le­ge wer­be der IS zwar nicht ge­zielt Kin­der an. „Aber An­spra­che und Auf­ma­chung – Vi­de­os, Pa­ro­len, Ide­en von Macht und Stär­ke, im­mer ge­rin­ge­re theo­lo­gi­sche An­sprü­che – ma­chen die Grup­pe ge­ra­de auch für im­mer jün­ge­re Re­kru­ten zu­gäng­lich“, er­klär­te Ne­u­mann. Auch ver­wen­de der IS häu­fig Mo­ti­ve aus Com­pu­ter­spie­len, die ge­ra­de Te­enager und Kin­der sehr at­trak­tiv fän­den.

Die Deut­sche Po­li­zei­ge­werk­schaft sieht hier vor al­lem El­tern­haus und Leh­rer ge­for­dert: „Es wä­re nicht neu, dass Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­su­chen, Kin­der zu re­kru­tie­ren und zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Wir wer­den sol­che Vor­komm­nis­se nicht mit po­li­zei­li­chen Mit­teln ver­hin­dern kön­nen“, er­klär­te der Vor­sit­zen­de Rai­ner Wendt. Not­wen­dig sei­en auf­merk­sa­me El­tern und Schu­len und das so­zia­le Um­feld. Nach deut­schem Straf­recht kön­nen Kin­der un­ter 14 Jah­ren nicht für ein Ver­bre­chen be­straft wer­den. Das Straf­ge­setz­buch spricht von der „Schuld­un­fä­hig­keit des Kin­des“bis zu die­sem Al­ter. Al­ler­dings muss ei­ne Straf­tat für die­ses Kind nicht fol­gen­los blei­ben. Das Ju­gend­amt oder der Vor­mund­schafts­rich­ter kön­nen sich ein­schal­ten, den El­tern kann auch das Sor­ge­recht ent­zo­gen wer­den. Hat ein Straf­tä­ter das 14., aber noch nicht das 18. Le­bens­jahr voll­endet, gilt er als Ju­gend­li­cher und da­mit als „be­dingt straf­mün­dig“. Sach­ver­stän­di­ge prü­fen dann meist in ei­nem Pro­zess, ob der An­ge­klag­te sitt­lich und geis­tig reif ge­nug ist, um das Un­recht sei­ner Tat ein­zu­se­hen. „Voll straf­mün­dig“ist man vom 18.Le­bens­jahr an. Hat der Straf­tä­ter bei der Tat noch nicht das 21. Le­bens­jahr voll­endet, wird aber ge­prüft, ob Ju­gend­straf­recht oder all­ge­mei­nes Straf­recht an­zu­wen­den ist. Ein Spre­cher des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums sag­te, nur weil je­mand nicht straf­mün­dig sei, be­deu­te dies noch lan­ge nicht, „dass kei­ne Straf­bar­keit vor­liegt“. Schließ­lich sei es, wenn ein Hund ei­nen Men­schen bei­ße, auch nicht so, dass da­für dann nie­mand be­straft wer­den kön­ne. (dpa)

FO­TO: DPA

Hier auf dem Lud­wigs­ha­fe­ner Weih­nachts­markt soll­te ei­ne von zwei Na­gel­bom­ben de­to­nie­ren.

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