„Hu­ma­ni­tär ei­ne Groß­macht sein“

Ent­wick­lungs­hil­fe­mi­nis­ter Gerd Mül­ler ruft zur Hil­fe für Not­lei­den­de in Alep­po auf

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BER­LIN - Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU) ruft da­zu auf, jetzt al­les an hu­ma­ni­tä­ren Maß­nah­men für Alep­po ein­zu­lei­ten, was mög­lich ist. Sa­bi­ne Lenn­artz hat mit Gerd Mül­ler ge­spro­chen. Herr Mi­nis­ter Mül­ler, se­hen Sie in Alep­po jetzt ein En­de mit Schre­cken? Es ist un­säg­lich, was wir er­le­ben müs­sen. Es zeigt lei­der die Hand­lungs­un­fä­hig­keit Eu­ro­pas. Jetzt kommt es dar­auf an, dass Hun­dert­tau­sen­de Men­schen, die seit Mo­na­ten To­des­angst er­le­ben muss­ten, über­le­ben kön­nen. Es ist wich­tig, dass al­les an hu­ma­ni­tä­ren Maß­nah­men ein­ge­lei­tet wird, dass kei­ner ster­ben muss, weil die me­di­zi­ni­sche Leis­tung oder Es­sen fehlt. Dar­an ar­bei­ten auch wir ge­ra­de. Kann dann der Wie­der­auf­bau be­gin­nen? Der Krieg in Sy­ri­en ist nicht be­en­det. Der IS ist nicht be­siegt, ich ha­be ge­ra­de heu­te mit Je­si­den ge­spro­chen, die be­rich­tet ha­ben, dass 3000 Frau­en in Ver­ge­wal­ti­gungs­la­gern ge­fan­gen sind, die nicht be­freit wur­den. Wir kön­nen kei­ne Ent­war­nung ge­ben. Wir müs­sen hu­ma­ni­tär ei­ne Groß­macht sein, nach­dem Eu­ro­pa nicht im­stan­de und nicht be­reit ist, mi­li­tä­risch ak­tiv zu wer­den. Da­bei hat Eu­ro­pa sich in den letz­ten zwei Jah­ren hu­ma­ni­tär von sei­ner gu­ten Sei­te ge­zeigt. Des­halb kön­nen acht Mil­lio­nen Flücht­lin­ge das Weih­nachts­fest er­le­ben und ha­ben zu­min­dest ein Zelt über dem Kopf. Wir in­ves­tie­ren be­son­ders in die Zu­kunft der Kin­der, in­dem wir in Jor­da­ni­en, im Li­ba­non und der Tür­kei meh­re­re Tau­send Leh­rer für Flücht­lings­kin­der fi­nan­zie­ren, 8000 al­lein in der Tür­kei. Ins­ge­samt kön­nen in der Re­gi­on ei­ne Mil­li­on Kin­der mit deut­scher Hil­fe zur Schu­le ge­hen. Hu­ma­ni­tär ei­ne Groß­macht zu sein, be­deu­tet das auch, wie Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Michael Mül­ler for­dert, mehr Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en nach Deutsch­land zu ho­len? Wir müs­sen mehr vor Ort in­ves­tie­ren. Die Men­schen wol­len, so­bald der Krieg be­en­det ist, zu­rück in ih­re Hei­mat und nicht zu uns. Wir müs­sen da­bei auch nicht nur auf den Staat set­zen, son­dern auch auf die deut­sche Öf­fent­lich­keit, auf die vie­len, die spen­den und sich en­ga­gie­ren. Auch die Le­ser der „Schwä­bi­schen Zei­tung“hel­fen mit ei­ner Spen­den­ak­ti­on den Flücht­lin­gen im Nord­irak. Wie wich­tig ist ein sol­ches En­ga­ge­ment? Sehr wich­tig. Pri­va­te Spen­den dop­peln das staat­li­che En­ga­ge­ment. Wir ha­ben je­des Jahr auf je­den staat­li­chen Eu­ro ei­nen pri­va­ten Eu­ro. Be­son­ders hilf­reich sind auch Part­ner- schaf­ten zwi­schen Städ­ten und Ge­mein­den, auf de­ren Ba­sis ganz prak­ti­sche Un­ter­stüt­zung oder ein Ju­gend­aus­tausch statt­fin­det. Sol­che Kom­mu­nal­part­ner­schaf­ten för­dern wir ge­nau­so wie Kli­nik-Part­ner­schaf­ten: Je­de deut­sche Stadt hat ei­ne Kli­nik, die Enor­mes vor Ort ein­brin­gen kann. Da­zu ha­ben wir ein Pro­gramm auf­ge­legt. Wie viel Geld ist nö­tig? Zur Fi­nan­zie­rung der Not der Flücht­lin­ge vor Ort sind sechs bis acht Mil­li­ar­den Eu­ro nö­tig. Das klingt viel, aber wir rech­nen in Deutsch­land für ei­ne Mil­li­on Flücht­lin­ge mit 20 Mil­li­ar­den Eu­ro. Es ist al­so viel güns­ti­ger und hu­ma­ner, vor Ort zu hel­fen. Ni­ge­ria, Irak, Sy­ri­en, Ägyp­ten, die Kri­sen­her­de wach­sen täg­lich. Wer­den noch mehr Flücht­lin­ge nach Deutsch­land kom­men? Der Flücht­lings­druck wird blei­ben, denn die Not nimmt nicht ab. Aber wir kön­nen die Pro­ble­me der Welt nicht durch die Auf­nah­me ei­ner wei­te­ren Mil­li­on in Deutsch­land lö­sen. Die Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge in Eu­ro­pa funk­tio­niert nicht, Eu­ro­pa muss schnel­ler wer­den mit ei­nem Ge­samt­kon­zept für die Fra­ge, wie vie­le Flücht­lin­ge die 28 Län­der auf­neh­men und wie sie ver­teilt und ver­sorgt wer­den. Wir kön­nen nicht Grie­chen­land und Ita­li­en am An­fang der Ket­te al­lei­nelas­sen und am En­de zwei Drit­tel der Flücht­lin­ge in Deutsch­land auf­neh­men. Wo liegt für Sie ei­ne Ober­gren­ze? Ich bin CSU-Po­li­ti­ker, und ich er­le­be sie vor Ort. Hel­fer­krei­se be­rich­ten, dass die Hälf­te aus ih­ren Rei­hen auf­ge­hört hat, weil sie nach zwei Jah­ren nicht mehr die Kraft ha­ben. Wir kön­nen nicht auf dem Rü­cken der eh­ren­amt­li­chen Hel­fer für die Zu­kunft Ver­spre­chen ma­chen, dass wir ei­ne sol­che Auf­ga­be noch ein­mal schul­tern. Sie wa­ren ge­ra­de in den Ma­ghre­bStaa­ten, Al­ge­ri­en, Tu­ne­si­en, Ma­rok­ko. Wie ist ih­re Er­fah­rung, kann man Flücht­lin­ge dort­hin zu­rück­füh­ren? Ein­deu­tig ja. Und wir bie­ten da­zu Pro­gram­me an, dass sie nicht als Ver­lie­rer zu­rück­kom­men. Be­vor sie zwei bis drei Jah­re in Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land sind, bie­ten wir die frei­wil­li­ge Rück­kehr und die In­te­gra­ti­on von Aus­bil­dungs- und Be­schäf­ti­gungs­pro­gram­men vor Ort an. Muss Eu­ro­pa sich mehr um Afri­ka küm­mern? Ja, schließ­lich sind wir al­le Afri­ka­ner, vor 40 000 Jah­ren ha­ben sich die ers­ten Men­schen aus Afri­ka in Rich­tung Eu­ro­pa auf­ge­macht. Wir soll­ten nicht so ar­ro­gant sein. Die Ko­lo­ni­al­mäch­te ha­ben Afri­kas Be­völ­ke­rung un­ter­drückt und aus­ge­beu­tet und dar­auf Eu­ro­pas Wohl­stand auf­ge­baut. Wir ha­ben ei­ne ge­schicht­li­che Ver­ant­wor­tung, auch Deutsch­land. Afri­ka könn­te zu ei­nem Ti­ger-Kon­ti­nent wer­den. Schließ­lich ha­ben wir dort nicht nur Elend, son­dern auch jun­ge Staa­ten, die er­folg­reich wirt­schaf­ten, es gibt Auf­schwung, Chan­cen und Reich­tum. Die deut­sche Wirt­schaft soll­te sich auf Part­ner­re­gio­nen kon­zen­trie­ren.

FO­TO: THOMAS TRUTSCHEL/PHOTOTHEK.NET

Gerd Mül­ler (CSU) zu Gast in ei­ner Mäd­chen­schu­le im jor­da­ni­schen Ir­bid. Durch Fi­nan­zie­rung von Leh­rer­ge­häl­tern sol­len mehr Flücht­lings­kin­der die Schu­le be­su­chen kön­nen.

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