Ver­zwei­fel­tes War­ten in Alep­po

Wei­te­re Eva­ku­ie­rung der zer­bomb­ten Stadt aus­ge­setzt – Oba­ma greift As­sad und Pu­tin an

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Wee­dah Ham­zah

ALEP­PO/NEW YORK (AFP/dpa) - Die Zi­vi­lis­ten in den letz­ten Re­bel­len­ge­bie­ten in Ost-Alep­po wer­den auf ei­ne grau­sa­me Ge­dulds­pro­be ge­stellt: Nach ta­ge­lan­ger Un­ge­wiss­heit wur­den die Eva­ku­ie­run­gen aus der sy­ri­schen Stadt so­wie aus den von Re­bel­len be­la­ger­ten Ort­schaf­ten Fua und Kaf­ra­ja am Sonn­tag­abend aus­ge­setzt, wie die Sy­ri­sche Be­ob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te mit­teil­te. Of­fen­sicht­lich ver­hin­der­te der An­griff auf Bus­se in der Pro­vinz Id­lib wei­te­re Eva­ku­ie­run­gen.

An­schei­nend sei­en die Bus­se, die für Eva­ku­ie­run­gen aus Fua und Kaf­ra­ja vor­ge­se­hen wa­ren, von ei­nem Ab­le­ger des Ter­ror­netz­wer­kes alKai­da, an­ge­grif­fen wor­den, sag­te der Lei­ter der Sy­ri­schen Be­ob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te, Ra­mi Ab­del Rah­man. Die Be­ob­ach­tungs­stel­le be­rich­te­te, dass es Ge­sprä­che zwi­schen Russ­land, dem Iran und der Tür­kei ge­ge­ben ha­be, um die Eva­ku­ie­rung trotz des An­griffs auf die Bus­se durch­zu­füh­ren.

Es wird da­von aus­ge­gan­gen, dass sich noch meh­re­re Zehn­tau­send Men­schen in dem mo­na­te­lang be­la­ger­ten Os­ten Alep­pos auf­hal­ten. Die Re­bel­len­ge­bie­te wa­ren von sy­ri­schen Re­gie­rungs­trup­pen mit Un­ter­stüt­zung Russ­lands und des Irans fast voll­stän­dig er­obert wor­den.

Der UN-Si­cher­heits­rat woll­te noch am Sonn­tag über ei­ne mög­li­che Ent­sen­dung von Be­ob­ach­tern nach Alep­po dis­ku­tie­ren. Russ­land kün­dig­te je­doch an, den von Frank­reich vor­ge­leg­ten Re­so­lu­ti­ons­ent­wurf blo­ckie­ren und statt­des­sen ei­nen ei­ge­nen Text vor­le­gen zu wol­len. Die Ab­stim­mung wur­de schließ­lich auf Mon­tag (15 Uhr MEZ) ver­scho­ben.

Der schei­den­de US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma mach­te Sy­ri­ens Macht­ha­ber Ba­schar al-As­sad und des­sen Ver­bün­de­te Russ­land und Iran mit dras­ti­schen Wor­ten für das Leid in Alep­po ver­ant­wort­lich. Die Welt sei „ge­eint in dem Ent­set­zen über den grau­sa­men An­griff des sy­ri­schen Re­gimes“und sei­ner rus­si­schen und ira­ni­schen Ver­bün­de­ten in Alep­po, sag­te Oba­ma bei sei­ner Jah­res­ab­schluss-Pres­se­kon­fe­renz in Wa­shing­ton.

Am Wo­che­n­en­de de­mons­trier­ten meh­re­re Tau­send Men­schen in ver­schie­de­nen deut­schen Städ­ten ge­gen den Krieg in Syrien. Al­lein in Stutt­gart gin­gen da­bei rund 2200 Men­schen auf die Stra­ße.

BEIRUT (dpa) - Ost-Alep­po ist ge­fal­len, die eins­ti­ge Hoch­burg der Op­po­si­ti­on fast voll­stän­dig von der sy­ri­schen Re­gie­rung er­obert. Nach der Eva­ku­ie­rung plagt frü­he­re Be­woh­ner der weit­ge­hend zer­stör­ten Stadt das Heim­weh.

Abu Ta­jem und sein Bru­der Alaa ha­ben in ei­nem der grü­nen Bus­se ge­ses­sen, de­ren Bil­der um die Welt gin­gen. Nach­dem sie aus dem zer­stör­ten Ost-Alep­po her­aus­ge­bracht wur­den, sind sie nun vor Ar­til­le­rie­gra­na­ten und Luft­an­grif­fen re­la­tiv si­cher. Aber ih­re Er­leich­te­rung dar­über wird vom Heim­weh ge­trübt und von dem Be­dau­ern, dass ih­re Träu­me von Frei­heit aus­ge­träumt sind. Här­tes­te Ent­schei­dung des Le­bens „Ich weiß, wir sind jetzt Ver­trie­be­ne, und wir ha­ben kei­ne Ah­nung, wo wir als nächs­tes hin­ge­hen, aber wir ha­ben star­kes Heim­weh“, sagt Abu Ta­jem. Der 23-Jäh­ri­ge, der nicht wirk­lich so heißt, mel­det sich te­le­fo­nisch aus ei­nem Ort in dem von Re­bel­len ge­hal­te­nen Ge­biet west­lich von Alep­po. „Wir füh­len uns hoff­nungs­los, ob­wohl wir nach ei­ner furcht­ba­ren Rei­se jetzt in Si­cher­heit sind“, sagt er und denkt an sei­nen neu­ge­bo­re­nen Sohn, der nicht bei ihm ist.

Der Ak­ti­vist und Jour­na­list hat­te Ost-Alep­po ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der, ei­nem Kran­ken­pfle­ger, vo­ri­gen Mitt­woch in ei­nem der ers­ten Bus­se ver­las­sen, be­vor die Eva­ku­ie­rung wie­der zum Still­stand kam. Alaa und Abu le­ben jetzt bei Ver­wand­ten in dem Dorf Kfar Na­ha süd­west­lich von Alep­po. Doch sie sind von ih­ren engs­ten An­ge­hö­ri­gen ge­trennt.

Nach­dem Re­gie­rungs­kräf­te un­ter hef­ti­gen Ge­fech­ten, Luft­an­grif­fen und Ar­til­le­rie­feu­er ein Vier­tel nach dem an­de­ren in Ost-Alep­po ein­ge­nom­men hat­ten, galt es herz­zer­rei­ßen­de Ent­schei­dun­gen dar­über zu tref­fen, was für je­den am si­chers­ten war. „Als das Re­gime un­ser Vier­tel ein­nahm, zo­gen wir in ver­schie­de­ne an­de­re Vier­tel, aber nir­gend­wo war es mehr si­cher, so muss­te ich die här­tes­te Ent­schei­dung mei­nes Le­bens tref­fen“, sagt Abu Ta­jem.

Zu dem Zeit­punkt war noch nicht klar, ob die Zi­vi­lis­ten aus der Stadt ge­bracht wür­den oder ret­tungs­los ver­lo­ren wä­ren, wenn die letz­ten Re­bel­len­ge­bie­te Auf­grund der La­ge in Alep­po hat der Vor­sit­zen­de der EVP-Frak­ti­on im Eu­ro­pa­par­la­ment, Man­fred We­ber (CSU), die Auf­nah­me ei­nes Kon­tin­gents von 20 000 sy­ri­schen Flücht­lin­gen durch die EU ge­for­dert. „Eu­ro­pa muss viel ent­schie­de­ner han­deln, auch in hu­ma­ni­tä­rer Hin­sicht“, sag­te We­ber der „Bild am Sonn­tag“. „Da­zu ge­hört vor al­lem EU-So­fort­hil­fe vor Ort, fie­len. „Ich schick­te mei­ne Frau, mei­nen Sohn, Mut­ter, Va­ter und Schwes­tern in die vom Re­gime kon­trol­lier­ten Ge­bie­te und blieb zu­rück“, er­zählt er. Als Jour­na­list und Ak­ti­vist fürch­te­te er, in den Ker­kern der Re­gie­rung zu ver­schwin­den, soll­te er selbst die Front­li­nie über­que­ren. Vie­le Men­schen, die bis zu­letzt in Ost-Alep­po aus­harr­ten, hät­ten ähn­li­che Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen, er­zählt er.

Die Men­schen in Kfar Na­ha hät­ten die Ver­trie­be­nen mit of­fe­nen Ar­men in ih­ren Häu­sern auf­ge­nom­men, be­rich­ten die Brü­der. „Ges­tern ging ich los, ein Sand­wich zu kau­fen, nach­dem ich schon lan­ge kein gu­tes Brot mehr ge­ges­sen hat­te“, er­zählt Alaa, der nur sei­nen Vor­na­men nen­nen will. „Der Wirt wei­ger­te sich, von mir Geld an­zu­neh­men, als er er­fuhr, dass ich ein Ver­trie­be­ner aus Ost-Alep­po bin.“ aber mög­li­cher­wei­se auch ein fes­tes eu­ro­päi­sches Kon­tin­gent für Flücht­lin­ge. Eu­ro­pa kann sich nicht nur mit dem Scheck­buch frei­kau­fen.“Die EU-Staa­ten soll­ten nach An­sicht von We­ber ein „be­grenz­tes Kon­tin­gent“für 20 000 Sy­rer zur Ver­fü­gung stel­len. Ziel müs­se sein, „ei­ne hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe in­fol­ge der Ero­be­rung Alep­pos zu ver­mei­den“. (KNA)

Die ört­li­chen Ge­mein­de­rä­te tä­ten ihr Bes­tes, die Hei­mat­lo­sen in lee­ren Häu­sern, Schu­len oder an­de­ren Ge­bäu­den un­ter­zu­brin­gen. „Aber ich den­ke, in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen soll­ten sich stär­ker ein­schal­ten, vor al­lem, weil wir ja noch mehr Flücht­lin­ge er­war­ten“, fügt Alaa hin­zu. Men­schen, die un­ter­ein­an­der ver­wandt sei­en, wür­den ge­mein­sam ein­quar­tiert, in man­chen Häu­sern leb­ten 15 Men­schen. Kin­der sind nun si­cher Fa­ti­ma, ei­ne Ver­wand­te der bei­den Brü­der, sagt, selbst auf ei­nem Fuß­weg im Frei­en sei es im­mer noch himm­lisch im Ver­gleich zu dem, was da­vor war. We­nigs­tens sei­en ih­re Kin­der jetzt si­cher vor den un­ab­läs­si­gen Luft­schlä­gen, dem Ge­schütz­feu­er, mit dem Re­gie­rungs­trup­pen auf die be­la­ger­te En­kla­ve ein­d­rosch. „Für mich ist ein Bür­ger­steig, oder zwi­schen al­len mei­nen Kin­dern un­ter ei­nem Baum zu sit­zen, al­les, was ich will in die­sem Au­gen­blick“, sagt sie.

Aber Abu Ta­jem kommt nicht um­hin, an die Stadt zu­rück­zu­den­ken, die er hin­ter sich ge­las­sen hat und an die Hoff­nun­gen, die dort auf­keim­ten, als die Pro­test­be­we­gung ge­gen den sy­ri­schen Prä­si­den­ten Ba­schar al-As­sad 2011 be­gann. „Sie ha­ben die Stra­ßen ein­ge­nom­men, wo wir lach­ten und wein­ten. Sie ha­ben uns die Träu­me von der Frei­heit ge­stoh­len, die wir vor fünf Jah­ren aus vol­lem Her­zen aus­ge­ru­fen hat­ten.“

FO­TO: AFP

Als die Bus­se am Sonn­tag nach Alep­po ein­fuh­ren, war die Hoff­nung auf ei­ne schnel­le Eva­ku­ie­rung bei den Ein­ge­schlos­se­nen noch groß. Doch die Ret­tung aus der zer­stör­ten und win­ter­lich kal­ten Stadt ließ am Abend noch auf sich war­ten.

FO­TO: AFP

Die­ser jun­ge Be­woh­ner packt für die Eva­ku­ie­rung aus Alep­po sein Hab und Gut zu­sam­men.

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