Da flirrt, gurrt und zischt es

Urauf­füh­rung von Ni­ko­laus Brass’ Kom­po­si­ti­on „Der gol­de­ne Steig“wird be­geis­tert auf­ge­nom­men

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Kat­ha­ri­na von Gla­sen­app Am Mitt­woch, 18. Ja­nu­ar 2017, um 20.03 Uhr wird der Mit­schnitt des Kon­zerts im Ra­dio­pro­gramm BR-Klas­sik ge­sen­det.

MÜN­CHEN – Drei Kom­po­nis­ten aus drei Ge­ne­ra­tio­nen, drei Wer­ke und zwei Urauf­füh­run­gen konn­te man am Frei­tag in der Rei­he „Mu­si­ca vi­va“im Her­ku­les­saal der Münch­ner Re­si­denz er­le­ben: Die 32-jäh­ri­ge kroa­ti­sche Kom­po­nis­tin Mi­li­ca Djordje­vic, die in Ber­lin lebt, Ni­ko­laus Brass, 1949 in Lin­dau ge­bo­ren und bei Mün­chen le­bend, so­wie der un­ga­ri­sche Kom­po­nist Györ­gy Li­ge­ti, 1923 in Sie­ben­bür­gen ge­bo­ren, der 1956 in den Wes­ten kam und vor zehn Jah­ren ver­stor­ben ist. Auf ver­blüf­fen­de Wei­se pass­ten die Wer­ke in ih­rer so in­di­vi­du­el­len Ton­spra­che zu­sam­men. Die­se Be­spre­chung be­zieht sich al­ler­dings nur auf das Stück von Brass, der ja wei­ter­hin mit der Bo­den­see­re­gi­on ver­bun­den ist und sich zum Kom­po­nie­ren im­mer wie­der nach Lin­dau zu­rück­zieht.

„Der gol­de­ne Steig. Ei­ne Er­zäh­lung für So­pran und Orches­ter auf ei­nen Text von Pe­ter Kurz­eck“lau­tet der voll­stän­di­ge Ti­tel des Kom­po­si­ti­ons­auf­trags, der von „Mu­si­ca vi­va“ver­ge­ben wor­den war. Die so ei­gen­tüm­li­che Spra­che des 2013 ver­stor­be­nen Au­tors Pe­ter Kurz­eck, der Rhyth­mus, die oft „un­voll­stän­di­gen Sät­ze“, die „un­ver­gleich­li­che Art, wie ein Satz dem an­dern die Hand gibt“(Brass über Kurz­eck) hat­ten den Kom­po­nis­ten an­ge­spro­chen. Es sind Sät­ze, die mit dem Er­in­nern spie­len, die viel Raum las­sen für As­so­zia­tio­nen – für Bil­der und eben auch für Mu­sik. Ein Nach­ruf auf den in Böh­men ge­bo­re­nen, in Frank­furt wir­ken­den Schrift­stel­ler hat­te Brass den Im­puls für die Aus­ein­an­der­set­zung mit ihm und da­mit für die Kom­po­si­ti­on ge­ge­ben. Stim­men der Er­in­ne­rung In Kurz­ecks au­to­bio­gra­fisch ge­präg­tem Ro­man „Ok­to­ber und wer wir selbst sind“, dem Brass ei­nen Aus­schnitt ent­nom­men hat, blitzt die Er­in­ne­rung an den Va­ter und des­sen Er­in­ne­rung an sei­ne ei­ge­ne Wan­der­schaft auf, als er da­mals auf Ar­beits­su­che „ins Tsche­chi­sche hin­ein“ging. Die Or­te, Jah­res­zei­ten, Mo­na­te ver­schwim­men. Als Hand­wer­ker und Ka­pel­len­ma­ler ist der Va­ter un­ter­wegs. Ge­dan­ken­strö­me, bald vom Va­ter, bald vom Sohn, er­gän­zen ein­an­der. Schließ­lich er­scheint wie ei­ne Vi­si­on in kla­rer Luft die ho­he Ta­tra, ein Sehn­suchts­ort, vi­el­leicht das Land des To­des.

Ni­ko­laus Brass greift die Ener­gie der Wor­te auf, das „gleich se­he ich ihn vor mir“, mit dem der Text­aus­schnitt be­ginnt. Die So­pra­nis­tin Sa­rah Ma­ria Sun, Spe­zia­lis­tin für zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik, die auch in Brass’ Oper „Som­mer­tag“vor zwei Jah­ren die Par­tie der jun­gen Frau ge­stal­tet hat­te, hat die So­lo­par­tie auf be­wun­derns­wer­te Wei­se ver­in­ner­licht: Da flirrt, gurrt und zischt es. La­chen, Zwit­schern, Spre­chen ge­hö­ren da­zu eben­so wie Ko­lo­ra­tu­ren und In­ter­vallsprün­ge im höchs­ten Re­gis­ter. Mit gan­zem Kör­per­ein­satz ver­wirk­licht Sun die schwie­ri­ge, auf ihr Kön­nen zu­ge­schrie­be­ne Stim­me. Liest man den Text mit, so kann man ein­zel­ne Zei­len ver­ste­hen, man­che Wor­te sind her­aus­ge­ho­ben, man­che zer­dehnt, fin­den ihr Echo im groß be­setz­ten Orches­ter. Au­ßer­ge­wöhn­li­che Ein­sät­ze Far­ben­rei­ches Schlag­werk, Hol­zund Blech­blä­ser in ho­hen und tie­fen Re­gis­tern und ei­ne gro­ße Strei­cher­grup­pe grei­fen das klein­glied­ri­ge Er­zäh­len mu­si­ka­lisch auf. Im­mer wie­der er­he­ben sich So­lis­ten aus dem Orches­ter, kor­re­spon­die­ren mit der Sän­ge­rin. Au­ßer­ge­wöhn­lich ist der Ein­satz ei­ner „sin­gen­den Sä­ge“, die mit ih­rem ober­ton­rei­chen Klang die Sing­stim­me um­spielt, kom­men­tiert, auch iro­nisch als „klei­ner ge­mei­ner Schat­ten“(Brass im Ein­füh­rungs­ge­spräch) bricht. Auf ei­gen­tüm­li­che Wei­se spie­gelt sich die Ar­beit des Ma­lers, das Strei­chen und Wi­schen, im Ein­satz der In­stru­men­te wie­der. Auch das Ti­cken der ver­strei­chen­den Zeit – ein Haupt­the­ma in Kurz­ecks Text – ist als Grund­puls hör­bar. Zwei Sch­wirrhöl­zer, über dem Kopf ge­schwun­gen, ste­hen für den Wind, der den Wan­de­rer auf sei­nem „gol­de­nen Steig“um­gibt.

Im Schluss­teil wird die Mu­sik zu­neh­mend zer­brech­lich, sphä­risch, das Hin­über­ge­hen in ei­ne an­de­re Welt zu Klang. Der ge­bür­ti­ge Fried­richs­ha­fe­ner Pe­ter Run­del, auch er ein sou­ve­rä­ner Spe­zia­list für neue Mu­sik, und das Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks wur­den für ih­re en­ga­gier­te In­ter­pre­ta­ti­on ge­mein­sam mit der So­lis­tin und dem Kom­po­nis­ten be­geis­tert ge­fei­ert.

FO­TO: AS­TRID ACKER­MANN

Ein Spe­zia­list für neue Mu­sik: Kom­po­nist Ni­ko­laus Brass, der sich zum Ar­bei­ten im­mer wie­der in sei­ne Hei­mat­stadt Lin­dau zu­rück­zieht.

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