Ba­sis­de­mo­kra­tie

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SIGMARINGEN -

Weih­nachts­ge­schen­ke wer­den in mei­ner Fa­mi­lie seit ei­ni­gen Jah­ren zu mei­nem gro­ßen Be­dau­ern als läs­ti­ges Übel ab­ge­tan. Ich se­he das an­ders, ich schen­ke gern. Weil aber bei uns al­les ba­sis­de­mo­kra­tisch ent­schie­den wird, beug­te ich mich sei­ner­zeit selbst­re­dend der Mehr­heit im Fa­mi­li­en­rat. Im­mer­hin: Ich konn­te durch­set­zen, dass zwar nicht mehr je­der je­dem et­was schenkt, wir aber we­nigs­tens noch wich­teln. Au­ßer­dem sind Kin­der von die­ser Re­ge­lung aus­ge­nom­men. Seit ei­ni­gen Jah­ren lost al­so mei­ne in­zwi­schen 16-jäh­ri­ge Nich­te je­dem ein Fa­mi­li­en­mit­glied zu, das er oder sie zu be­schen­ken hat. Die­ses Jahr läuft das so ab: Ich be­schen­ke mei­ne Schwes­ter, wor­über ich na­tür­lich Still­schwei­gen be­wah­re. Mei­ne Schwes­ter be­schenkt mei­nen Freund. Kei­ne zwei Mi­nu­ten nach der Aus­lo­sung fragt sie mich via WhatsApp, was sie ihm schen­ken kann. Kei­ne fünf Mi­nu­ten nach der Aus­lo­sung kommt der Vor­schlag aus dem Haus­halt mei­nes Va­ters, doch an­onym zu schen­ken. Der Be­schenk­te sol­le doch am bes­ten gar nicht mehr er­fah­ren, von wem Schal, Dusch­pee­ling und Co. un­term Baum stam­men. Wei­te­re 180 Mi­nu­ten wird im Fa­mi­li­en­chat hit­zig dis­ku­tiert, wie wir es nun ma­chen. Ich le­se ge­las­sen mit und mi­sche mich nicht ein. Denn wenn das so ist, kann ich ja heim­lich doch noch je­dem ein Ge­schenk un­ter den Baum le­gen – mich kann ja nie­mand über­füh­ren. (wob)

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