An­ony­me Brie­fe be­las­ten An­ge­klag­te

Ver­tei­di­gung stellt 18 neue Be­weis­an­trä­ge zur Auf­klä­rung des ver­such­ten Mor­des in Her­ber­tin­gen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Mar­kus Repp­ner

18 Be­weis­an­trä­ge zur Auf­klä­rung des ver­such­ten Mor­des in Her­ber­tin­gen.

HER­BER­TIN­GEN/RAVENSBURG Der Pro­zess we­gen ver­such­ten Mor­des am Land­ge­richt Ravensburg zieht sich wei­ter in die Län­ge. Nun hat Ver­tei­di­ger Mo­ritz Da­vid Sch­mitt 18 neue Be­weis­an­trä­ge ge­stellt, um die Un­schuld sei­nes Man­dan­ten zu be­wei­sen. Al­ler­dings lehn­te das Ge­richt ges­tern al­le Ver­su­che von Rechts­an­walt Sch­mitt ab, den Ta­ther­gang mit wei­te­ren Zeu­gen und Gut­ach­ten in ei­nem an­de­ren Licht er­schei­nen zu las­sen, als die Be­weis­auf­nah­me es bis zu die­sem Zeit­punkt na­he­legt.

Die Staats­an­walt­schaft wirft zwei Män­nern aus Her­ber­tin­gen im Al­ter von 22 und 27 Jah­ren vor, in der Nacht zum 19. März die­ses Jah­res zwei Män­ner schwer miss­han­delt zu ha­ben. Mit in So­cken ge­pack­ten, faust­gro­ßen St­ei­nen sol­len die An­ge­klag­ten ge­gen 0.30 Uhr in ei­nem Hof in der Haupt­stra­ße von Her­ber­tin­gen die Män­ner ge­schla­gen und sie zum Teil le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt ha­ben. Ein Schlag mit die­ser Waf­fe ha­be ein Op­fer – ein 35-jäh­ri­ger Be­woh­ner des Hau­ses – am Kopf ge­trof­fen. Er er­litt da­bei ei­nen of­fe­nen Schä­del­bruch, der laut ei­nes me­di­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen zum Tod hät­te füh­ren kön­nen. Das an­de­re Op­fer, ein 42-Jäh­ri­ger, ha­be ein Schlag mit die­ser Waf­fe im Brust­be­reich ge­trof­fen. Die­se Ver­let­zung hät­te le­bens­be­droh­lich wer­den kön­nen. Die ei­gent­li­che Tat sah nie­mand Zeu­gen, die die­se Schlä­ge be­ob­ach­tet ha­ben, gibt es nicht. Ein Be­woh­ner des Hau­ses, der von lau­ten Ge­räu­schen hoch­ge­schreckt war, sah von sei­nem Fens­ter aus, wie zwei Män­ner mit Fuß­trit­ten und Faust­schlä­gen zwei an­de­re Män­ner miss­han­del­ten. Auf sein Ru­fen und Schimp­fen, sie sol­len auf­hö­ren, re­agier­ten die Tä­ter zu­nächst nicht. Erst als er droh­te hin­un­ter­zu­kom­men, flüch­te­te ei­ner der bei­den. Der an­de­re nahm ei­ne am Bo­den lie­gen­de Lapt­op­ta­sche auf und ver­schwand eben­falls. Wer die Tä­ter wa­ren, konn­te der Zeu­ge nicht sa­gen. Er kann­te aber die bei­den Op­fer.

Zu den bei­den An­ge­klag­ten führ­te die Aus­sa­ge des 35-Jäh­ri­gen, der die Tä­ter an der Spra­che er­kannt ha­ben will, und ei­ne Blut­spur, die ein Lei­chen­spür­hund der Po­li­zei bis zur Woh­nung der bei­den An­ge­klag­ten ver­folg­te. Den Tat­ver­dacht er­här­te­te ein Ab­gleich von si­cher­ge­stell­ten DNA-Spu­ren auf den So­cken mit DNA-Ma­te­ri­al der An­ge­klag­ten. Als mög­li­ches Mo­tiv für die Tat kom­me Hab­gier in Be­tracht, wie das Ge­richt be­reits durch­bli­cken ließ. Dem­nach hät­ten es die An­ge­klag­ten auf den In­halt der Ta­sche ab­ge­se­hen, die ei­ner der Tä­ter mit­ge­nom­men hat.

Aus Sicht der Ver­tei­di­gung ist der Ta­ther­gang je­doch kei­nes­wegs so ein­deu­tig, wie Ver­tei­di­ger Mo­ritz Da­vid Sch­mitt mit sei­nen Be­weis­an­trä­gen zu ver­ste­hen gab. Aus sei­ner Sicht sei das Mo­tiv kei­nes­wegs greif­bar, zu­mal die ent­wen­de­te Ta­sche bis­lang nicht ge­fun­den wer­den konn­te. Bei­de An­ge­klag­ten le­ben in ge­ord­ne­ten fi­nan­zi­el­len Ver­hält­nis­sen. Auch leg­ten sie kein Ge­ständ­nis ab. Der 22-Jäh­ri­ge äu­ßer­te bei der Po­li­zei, er kön­ne sich an die Tat­nacht nicht mehr er­in­nern. Der 27-Jäh­ri­ge leug­ne­te, mit dem Ver­bre­chen et­was zu tun zu ha­ben.

Au­ßer­dem be­stün­den Zwei­fel an der Glaub­wür­dig­keit des 35-jäh­ri­gen Op­fers, das zum Tat­zeit­punkt knapp drei Pro­mil­le Al­ko­hol im Blut hat­te. Die Licht­ver­hält­nis­se im Hof sei­en zu­dem so dif­fus, dass Zwei­fel be­stün­den, ob man dort über­haupt et­was hät­te se­hen kön­nen. Ob die Tat­waf­fen tat­säch­lich die bei­den in So­cken ge­pack­ten St­ei­ne sind, sei eben­falls nicht ge­si­chert. Wenn die Op­fer tat­säch­lich mit die­sen Waf­fen ge­schla­gen wor­den wä­ren, hät­ten die Ver­let­zun­gen laut der Ver­tei­di­gung zu­min­dest beim 35-Jäh­ri­gen an­ders aus­se­hen müs­sen.

Und da sind noch zwei an­ony­me Schrei­ben, die wäh­rend des Pro­zes­ses bei Ge­richt be­zie­hungs­wei­se der Staats­an­walt­schaft ein­gin­gen. Dar­in wer­den die An­ge­klag­ten dif­fa­miert. Wer die Brie­fe ver­fasst hat, konn­te bis­lang nicht er­mit­telt wer­den. Für die Ver­tei­di­ger sind die bei­den Schrei­ben ein Hin­weis auf ein Aus­sa­gen­kom­plott ge­gen ih­re Man­dan­ten.

Die An­zahl der Be­weis­an­trä­ge – am Don­ners­tag wa­ren es ins­ge­samt 18 – lässt das Be­mü­hen der Ver­tei­di­gung er­ken­nen, wei­te­re Er­kennt­nis­se zum Ta­ther­gang zu ge­win­nen. Von ei­ner Pro­zess­ver­zö­ge­rung kann je­doch noch lan­ge nicht die Re­de sein. Al­ler­dings hat das Ge­richt bei den bis­lang ge­stell­ten Be­weis­an­trä­gen noch kei­nen wei­te­ren Hand­lungs­be­darf ge­se­hen. Die Kam­mer lehn­te al­le Be­weis­an­trä­ge ab. Am mor­gi­gen Mitt­woch, 21. De­zem­ber, wird die Ver­hand­lung am Land­ge­richt Ravensburg fort­ge­setzt.

FOTO: ARCHIV

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