Ver­folg­te Chris­ten im Nord­irak

100 000 Chris­ten im Nord­irak le­ben als Flücht­lin­ge – Sie se­hen sich nicht nur vom Is­la­mi­schen Staat be­droht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Chris­toph Pla­te, Er­bil

ER­BIL (sz) - Die Chris­ten im Nord­irak sind ei­ne be­droh­te Min­der­heit. Ähn­lich wie die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft der Je­si­den wer­den sie vor al­lem von den Ter­ro­ris­ten des Is­la­mi­schen Staa­tes be­drängt. Zahl­rei­che Kir­chen wur­den von ih­nen zer­stört, 100 000 Chris­ten le­ben in Flücht­lings­camps.

Zählt Yo­han­na Pe­tros Mou­che all die Kir­chen auf, die der Is­la­mi­sche Staat in den letz­ten zwei Jah­ren zer­stört hat, muss er bei­de Hän­de be­nut­zen. So vie­le sind es ge­we­sen, die die Ter­ro­ris­ten in Mos­sul oder in Ka­ra­kosch über­rannt ha­ben. Mou­che ist sy­risch-or­tho­do­xer Erz­bi­schof von Mos­sul und sitzt im gro­ßen Emp­fangs­raum sei­ner Re­si­denz in Er­bil. „Wir dan­ken euch für eu­re Ge­be­te“, sagt der Mann mit den blau­en Au­gen zu Be­su­chern aus Eu­ro­pa. Er trägt schwar­ze Tom­my-Hil­fi­ger-So­cken in of­fe­nen San­da­len.

Mou­che ist es ge­wohnt, dass den Chris­ten im Irak das Le­ben schwer ge­macht wird. Seit­dem vor 13 Jah­ren in Bag­dad der Dik­ta­tor Sad­dam Hus­sein ge­stürzt wur­de, sind vie­le Chris­ten aus Bas­ra, aus Ra­ma­di oder Ti­krit in den Nord­irak ge­flo­hen. Un­ter der kur­di­schen Au­to­no­mie­re­gie­rung füh­len sie sich si­che­rer als im Rest des Lan­des, wo Min­der­hei­ten von den do­mi­nan­ten Schii­ten aus­ge­grenzt wer­den. Rei­che und Flücht­lin­ge Heu­te le­ben im ge­sam­ten Nord­irak ge­ra­de mal 400 000 Chris­ten, dar­un­ter 100 000 Flücht­lin­ge. Ei­ni­ge von ih­nen sind im Flücht­lings­camp An­ka­wa II un­ter­ge­bracht. Im christ­li­chen Stadt­teil An­ka­wa in Er­bil, wo auch der Erz­bi­schof emp­fängt, le­ben die ge­ho­be­ne Mit­tel­schicht, die Rei­chen und die Flücht­lin­ge. Der Stadt­teil An­ka­wa ist so et­was wie das wirt­schaft­li­che Zen­trum des Nord­irak: Es gibt An­walts­kanz­lei­en, me­tall­ver­ar­bei­ten­de Be­trie­be und Arzt­pra­xen. In den Shop­ping-Malls wer­den die neu­es­ten Sport­schu­he ver­kauft, in den Kn­ei­pen wird Al­ko­hol aus­ge­schenkt. Bald soll ein Zen­trum für Er­leb­nis­gas­tro­no­mie, das Ame­ri­can Buf­fet Corner, er­öff­net wer­den: In elf Re­stau­rants kön­nen dort die Gäs­te ge­gen ei­nen Fest­preis so viel Ra­vio­li, Fala­fel, Hum­mus, Gar­ne­len oder Su­shi es­sen, wie sie wol­len.

Vie­le Chris­ten eint das Be­wusst­sein der Ge­fahr und ein Miss­trau­en ge­gen­über den Mus­li­men. Man will nicht fort aus die­sem schö­nen Land, in dem die Chris­ten seit mehr als 2000 Jah­ren le­ben, und vie­le von ih­nen zu Wohl­stand ge­kom­men sind. Die Chris­ten wis­sen aber auch, dass sich die Ge­schich­te im­mer wie­der ge­gen sie ge­wandt hat, dass es Po­gro­me gab, in Da­mas­kus, in Bag­dad, auch in Er­bil. Es eint sie al­so auch das Be­wusst­sein über die Ver­fol­gung von ih­ren Glau­bens­brü­dern im Na­hen Os­ten.

Der Bi­schof Mou­che in sei­nem wei­ten Ses­sel in An­ka­wa möch­te, dass al­le ira­ki­schen Chris­ten an ih­ren an­ge­stamm­ten Plät­zen blei­ben. Nicht ein­mal aus der Haupt­stadt Bag­dad soll­ten sie flie­hen, son­dern ge­fäl­ligst dort blei­ben, wo sie sind, sagt er, da­mit je­ne, die sie ver­fol­gen, nicht die Ober­hand ge­win­nen. „Wir wol­len kein christ­li­ches Home­land, kein Re­ser­vat für Chris­ten im Na­hen Os­ten“, er­klärt er bei­na­he trot­zig und fährt sich prü­fend mit der Hand über sei­nen Bart.

Was der Bi­schof for­dert, hö­ren vie­le, die sich um die Si­cher­heit ih­rer Frau­en und die Zu­kunft ih­rer Kin­der sor­gen, nicht gern. Die drei christ­li­chen Fa­mi­li­en­vä­ter je­den­falls, die in ei­nem Bü­ro im Flücht­lings­camp An­ka­wa II sit­zen, wol­len auf kei­nen Fall dort­hin zu­rück, von wo sie ge­flo­hen sind. Die­se Män­ner in ak­ku­rat ge­bü­gel­ten Hem­den ka­men aus Mos­sul und Ka­ra­kosch. Man ha­be ih­nen an­ge­bo­ten zum Is­lam zu kon­ver­tie­ren, an­dern­falls wer­de man sie um­brin­gen. „Sie mal­ten ein halb­run­des Zei­chen mit ei­nem Punkt auf un­se­re Häu­ser, was be­deu­te­te, dass hier Chris­ten woh­nen, die man tö­ten und de­ren Häu­ser man be­set­zen kann“, sagt ei­ner der Män­ner ver­bit­tert.

Sie sind 2014 und 2015 ge­flo­hen, mit nicht viel mehr als dem, was sie am Lei­be tru­gen. „Der Irr­sinn mit dem IS ist doch, dass sie be­haup­ten, Gott ge­hö­re ih­nen, nur ih­nen al­lein“, schimpft ei­ner und sagt dann noch, was vie­le hier glau­ben, die lan­ge fried­lich mit ih­ren mus­li­mi­schen Nach­barn zu­sam­men­ge­lebt ha­ben: „Die vom IS, das sind doch kei­ne Mus­li­me, die ken­nen den Koran nicht ein­mal.“

Das La­ger An­ka­wa II wur­de ge­baut, als im­mer mehr Flücht­lin­ge, oder, wie es in der Hel­fer­spra­che heißt, „in­tern Ver­trie­be­ne“nach Er­bil ka­men. Heu­te woh­nen 5500 Men­schen dort, es gibt 13 Kir­chen. Vie­le von de­nen, die heu­te in An­ka­wa in Con­tai­nern le­ben, ha­ben zu­vor mo­na­te­lang in Roh­bau­ten ge­haust. Doch in ei­nem Roh­bau ist man den Ge­wal­ten des Wet­ters fast eben­so schutz­los aus­ge­lie­fert wie im Frei­en. „Der Irak hat uns da­mals kein Glas Was­ser ge­bracht, al­les hier in die­sem Camp wur­de aus Eu­ro­pa be­zahlt, vie­les von der Ca­ri­tas“, sagt ei­ner der Män­ner. Eis­die­le und Fri­seur Das Schlimms­te ne­ben der Un­ge­wiss­heit dar­über, ob und wann sie in ih­re Hei­mat­or­te zu­rück­kön­nen, sei das Nichts­tun, sa­gen die Män­ner im Flücht­lings­camp An­ka­wa II. Sie ha­ben frü­her in der ira­ki­schen Ver­wal­tung ge­ar­bei­tet und kom­men sich jetzt nutz­los vor. Da­bei ist An­ka­wa ein Camp, in dem es vor Initia­ti­ve nur so bro­delt: Ein Fri­seur hat sein Ge­schäft er­öff­net, we­ni­ge Me­ter wei­ter be­treibt ein Mann ei­ne Eis­die­le. Man­che Flücht­lin­ge ha­ben sich Ter­ras­sen vor die Wohn­con­tai­ner ge­baut und Blu­men ge­pflanzt.

Ab­dul­lah Lou­is aus Ka­ra­kosch hat sein Er­spar­tes zu­sam­men­ge­kratzt, um ein Re­stau­rant zu er­öff­nen. Frü­her ha­be er in sei­nem Hei­mat­ort na­he Mos­sul ei­nen Fisch­la­den be­trie­ben, sagt der 32-Jäh­ri­ge mit dem ein­jäh­ri­gen Sohn Yus­sef auf dem Arm. So wie Ab­dul­lah Lou­is ha­ben vie­le der Chris­ten in An­ka­wa sich nicht in ihr Flücht­lings­schick­sal ge­fügt. Vie­le, die heu­te in Con­tai­nern le­ben, hat­ten frü­her gro­ße Häu­ser mit rie­si­gen Gär­ten. Fast al­le ha­ben Ver­wand­te ir­gend­wo auf der Welt.

Der Sch­wa­ger von Ab­dul­lah Lou­is ist nach Deutsch­land ge­flo­hen und lebt in Bre­men. Aber er selbst will blei­ben, so wie vie­le an­de­re auch. Weil dies Hei­mat ist. Und weil es die his­to­ri­sche Er­fah­rung gibt, wei­ter­ge­ge­ben von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on, dass man als Min­der­heit krie­ge­ri­sche Zei­ten durch­ste­hen muss, um am En­de fried­lich wei­ter­le­ben zu kön­nen. Auch wenn sich Bi­schof Mou­che et­was an­de­res für sei­ne Chris­ten wünscht, sieht es so aus, als müss­ten die Men­schen im Camp An­ka­wa II noch lan­ge aus­har­ren.

FOTOS: JAS­MIN OFF (3)

Ei­gen­in­itia­ti­ve – Flücht­lin­ge be­trei­ben ei­nen Ge­mü­se­la­den im Flücht­lings­camp An­ka­wa II.

Bi­schof Mou­che

Ab­dul­lah Lou­is

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.