Aus­fall auf gan­zer Li­nie

Seit Wo­chen kommt es im Re­gio­nal­ver­kehr zu mas­si­ven Ver­spä­tun­gen – Bahn ge­lobt Bes­se­rung auch für die Stre­cke Lin­dau-Ulm

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Mark Häns­gen

STUTTGART - Ver­kehrs­mi­nis­ter Win­fried Her­mann (Grü­ne) hat ein per­sön­li­ches Früh­warn­sys­tem: Blei­ben bei der mor­gend­li­chen La­ge­be­spre­chung im Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um Stüh­le leer, war­tet das Per­so­nal oft noch am Bahn­steig. Und zwar auf ih­ren Zug, der wie­der mal un­pünkt­lich oder gar nicht kommt. Seit Herbst schrill­ten die Alarm­glo­cken im Her­mann­schen Früh­warn­sys­tem stän­dig. Denn die Deut­sche Bahn hat die Ge­duld Zehn­tau­sen­der Pend­ler im Meh­re­re Zug­ver­bin­dun­gen in Oberschwaben, die als Teil­netz „Au­len­dor­fer Kreuz“zu­sam­men­ge­fasst sind, wer­den wei­te­re sechs Jah­re von der Deut­schen Bahn be­trie­ben. Die DB-Toch­ter RAB ha­be den Zu­schlag für das Netz er­hal­ten, teil­te das ba­den­würt­tem­ber­gi­sche Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um am Mon­tag mit. Das be­trifft et­wa die Re­gio­nal­zü­ge auf den Stre­cken Ulm-Au­len­dorf, Sig­ma­rin­gen-Au­len­dor­fKiß­legg-Mem­min­gen und Kiß­leg­gLin­dau, Re­gio­nal­ver­kehr noch mehr stra­pa­ziert als sonst.

Vor al­lem auf Stre­cken im Raum Stuttgart kam es über­mä­ßig häu­fig zu Zu­g­aus­fäl­len und Ver­spä­tun­gen. Auch vie­le Fahr­gäs­te der Süd- und der Gäu­bahn muss­ten lan­ge War­te­zei­ten in Kauf neh­men. In ei­ner Pres­se­kon­fe­renz am Mon­tag hat der Mi­nis­ter die Bahn noch­mals auf­ge­for­dert, die gra­vie­ren­den Män­gel so schnell wie mög­lich zu be­sei­ti­gen.

Zu kei­nem an­de­ren The­ma wird Her­mann zur­zeit häu­fi­ger per­sön­lich an­ge­spro­chen. Täg­lich be­kommt auf der Bo­den­see­gür­tel­bahn zwi­schen Lin­dau und Ra­dolf­zell und auf der Hoch­rhein­bahn zwi­schen Lauch­rin­gen und Ba­sel. Der Ver­trag sieht vor, dass ab De­zem­ber 2017 in den Zü­gen kos­ten­lo­ses WLAN an­ge­bo­ten wird. Für ei­ne wei­te­re Stre­cke zwi­schen Er­zin­gen und Schaffhausen ging der Zu­schlag an die Schwei­ze­ri­schen Bun­des­bah­nen – da­ge­gen kann die Bahn noch Ein­spruch ein­le­gen. (ume) der grü­ne Po­li­ti­ker Brie­fe und EMails zu­ge­schickt, in de­nen Be­trof­fe­ne kla­gen. Sie be­rich­ten et­wa von ver­dreck­ten, über­füll­ten Wag­gons und feh­len­den In­for­ma­tio­nen. Dass die Kla­gen nicht halt­los sind, zeigt ei­ne Sta­tis­tik von Land und Bahn. 87 Zü­ge aus­ge­fal­len Da­nach sind al­lein in der ver­gan­ge­nen Wo­che 87 Zü­ge auf Teil­stre­cken und 78 Zü­ge kom­plett aus­ge­fal­len. Das sind rund 1,5 Pro­zent al­ler Ver­bin­dun­gen im Re­gio­nal­ver­kehr. Die Bahn will die Aus­fall­quo­te un­ter ein Pro­zent drü­cken. Auch bei der Pünkt­lich­keit ha­pert es teils ge­wal­tig – für Her­mann ei­ne „un­zu­mut­ba­re“Si­tua­ti­on. Auf man­chen Stre­cken wie der Süd­bahn, der Fran­ken­bahn zwi­schen Stuttgart und Würz­burg so­wie der Rems­bahn zwi­schen Stuttgart und Do­nau­wörth sind bis zu 20 Pro­zent al­ler Zü­ge ver­spä­tet ge­fah­ren. Da­bei gel­ten sie erst dann als un­pünkt­lich, wenn sie mehr als sechs Mi­nu­ten län­ger brau­chen.

Bis Sep­tem­ber hat­te die Deut­sche Bahn das Re­gio­nal­netz zu­meist al­lein be­trie­ben. Im Rah­men des neu­en Ver­kehrs­ver­trags über­neh­men ab 2019 die pri­va­ten An­bie­ter Abel­lio und Go-Ahead ein­zel­ne Stre­cken. Weil der al­te Kon­trakt aber be­reits die­ses Jahr en­det, hat die Bahn ei­nen Über­gangs­ver­trag mit dem Land Ba­den-Würt­tem­berg ge­schlos­sen. Dar­in ver­pflich­tet sie sich, bis zum Ein­stieg der pri­va­ten Be­trei­ber wei­ter­hin ih­re Qua­li­täts­stan­dards zu ge­währ­leis­ten. Da­von kann an­ge­sichts der Pro­ble­me nicht die Re­de sein. „Wir ha­ben nicht das ge­bracht, was wir uns sel­ber vor­stel­len“, räumt DBRe­gio­nal­chef Da­vid Welt­zi­en ein. Bahn spricht von Fahr­zeug­schä­den Schon vor vier Wo­chen hat­te sich ein Team aus Bahn­ma­na­gern und Mi­nis­te­ri­al­be­am­ten dar­an ge­macht, et­li­che Pro­ble­me zu lö­sen. Ver­tre­ter der Bahn muss­ten wö­chent­lich zum Rap­port ins Mi­nis­te­ri­um. Bis­her hat sich die La­ge nur leicht ent­spannt. „Ei­nem so gro­ßen und er­fah­re­nen Un­ter­neh­men darf so et­was nicht pas­sie­ren“, be­klag­te Her­mann. Das Land müs­se dar­auf be­ste­hen, dass die ver­spro­che­nen Leis­tun­gen auch ein­ge­hal­ten wer­den. Weil dies nicht pas­sie­re, sol­le die Bahn nun erst­mals ei­ne Stra­fe zwi­schen fünf und sie­ben Mil­lio­nen Eu­ro zah­len. Die Bahn führt die Be­hin­de­run­gen im be­trieb­li­chen Ablauf auf ei­nen un­er­war­tet ho­hen Kran­ken­stand beim Per­so­nal und Fahr­zeug­schä­den zu­rück. Auch, dass sie in kur­zer Zeit zwei Fahr­plan­wech­sel zu be­wäl­ti­gen hat­te, ha­be sich ne­ga­tiv aus­ge­wirkt. „Je­der Fahr­plan­wech­sel bringt Un­ru­he ins Sys­tem, da sich Ab­läu­fe erst ein­spie­len müs­sen“, sagt Welt­zi­en. Der letz­te Wech­sel am 11. De­zem­ber ha­be aber be­reits re­la­tiv rei­bungs­los funk­tio­niert.

Laut Her­mann ar­bei­ten die Mit­ar­bei­ter un­ter ho­hem Druck dar­an, die Miss­stän­de zeit­nah ab­zu­stel­len. In den nächs­ten Mo­na­ten sol­len „zahl­rei­che mo­der­ne Fahr­zeu­ge aus an­de­ren Re­gio­nen Deutsch­lands“ein­ge­setzt wer­den – nach­dem sie aus­gie­big ge­tes­tet wur­den. Denn Bahn­töch­ter aus an­de­ren Bun­des­län­dern stell­ten bis­lang oft de­fek­te Wag­gons und Loks zur Ver­fü­gung. Des­halb ver­stär­ken rund 20 Mit­ar­bei­ter aus ganz Deutsch­land die Werk­stät­ten im Land. Es wird Son­der­schich­ten zum Jah­res­wech­sel ge­ben, au­ßer­dem sol­len mehr Lok­füh­rer in Be­reit­schaft sein.

Bei den durch Ver­spä­tun­gen be­son­ders be­trof­fe­nen Fahr­gäs­ten der Rems- und Fran­ken­bahn ent­schul­dig­te sich die Deut­sche Bahn be­reits mit ei­ner Gut­schein­ak­ti­on.

FOTO: DPA

Ver­kehrs­mi­nis­ter Win­fried Her­mann üb­te har­te Kri­tik an der Bahn.

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