Schin­del­mei­ser baut den VfB um

Der Ma­na­ger sucht Ver­stär­kun­gen, will ei­nen neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil – Andre­as Hin­kel über­nimmt die U23

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Jür­gen Schat­t­mann

STUTTGART - „Wir brau­chen Mit­ar­bei­ter, die ih­re Mei­nung sa­gen, Kri­tik äu­ßern und kei­ne Angst ha­ben müs­sen, da­für sank­tio­niert zu wer­den. Wir wol­len ei­ne of­fe­ne Kul­tur, denn wir müs­sen ei­ni­ges än­dern, über­all im Ver­ein.“Wenn die Mit­ar­bei­ter des VfB Stuttgart die am Mon­tag ge­tä­tig­ten An­re­gun­gen des VfB-Ma­na­gers Jan Schin­del­mei­ser ernst neh­men, dürf­te ei­ni­ges über Schin­del­mei­ser her­ein­bre­chen.

Nach dem 0:3 am Sonn­tag in Würz­burg, dem ein 1:2 ge­gen Han­no­ver vor­an­ging, könn­ten di­ver­se inund ex­ter­ne Fach­kräf­te schließ­lich der Mei­nung sein, dass der VfB al­les kann – au­ßer ver­tei­di­gen. Wer in der Hin­run­de bei den Auf­stei­gern aus Un­ter­fran­ken und zu­vor schon Dresden mit ins­ge­samt 0:8 To­ren und null Punk­ten vom Platz geht, muss an sei­nen Ab­wehr­kräf­ten ar­bei­ten. Tat­säch­lich be­kla­gen Schin­del­mei­ser und Trai­ner Han­nes Wolf die „feh­len­de Ba­lan­ce“im VfB-Spiel. „Wir ha­ben ei­ne or­dent­li­che Hin­run­de ge­spielt, aber Würz­burg sitzt tief. Ich wer­de die­se Ent­täu­schung ins neue Jahr mit­neh­men“, sag­te Schin­del­mei­ser. Der Ma­na­ger will den VfB um­bau­en, um ihn fit für das Un­ter­neh­men Wie­der­auf­stieg zu ma­chen.

Ka­der/Neu­zu­gän­ge: Der VfB hat Un­wuch­ten in der Mann­schaft: et­li­che ta­len­tier­te Of­fen­siv­kräf­te und Tech­ni­ker, aber nur we­ni­ge rus­ti­ka­le Ra­cke­rer. Zu­dem schei­nen ei­ni­ge Pro­ble­me mit der Ein­stel­lung zu ha­ben, schei­nen zu leicht zu­frie­den, nicht wehr­haft ge­nug, nicht be­reit, sich zu quä­len. „Wir brau­chen Spie­ler, die sich je­den Tag mit je­der Fa­ser ih­res Kör­pers ver­bes­sern wol­len, die Zie­le ha­ben, die im­mer ge­win­nen wol­len, im Trai­ning, auf dem Feld, au­ßer­halb. Die Fra­ge, ob ein Spie­ler mehr Ener­gie in die Grup­pe ein­bringt als er raus­zieht, ist für uns in der Per­so­nal­pla­nung ent­schei­dend“, sagt Schin­del­mei­ser. Und: „Es wird per­so­nell Ve­rän­de­run­gen ge­ben, al­les ein­fach lau­fen zu las­sen, ist kei­ne Op­ti­on. Der ei­ne oder an­de­re wird da­zu­kom­men, der ei­ne oder an­de­re ge­hen.“Die De­fen­si­ve – 21 Ge­gen­to­re, Platz zehn in der Li­ga – ist die Groß­bau­stel­le. Ein Sech­ser mit klu­ger Spiel­eröff­nung, der ne­ben Ka­pi­tän Chris­ti­an Gent­ner ab­räumt und an­treibt, tut eben­so not wie ein sta­bi­ler Ab­wehr­chef, der auch Kom­man­dos ge­ben kann. Al­ler­dings: Auch die Au­ßen­ver­tei­di­ger Emi­lia­no In­sua und Welt­meis­ter Ke­vin Groß­kreutz zei­gen de­fen­siv Schwä­chen.

Trai­ner: Auch nach drei Mo­na­ten ist noch nicht ganz klar, was Han­nes Wolf will. Der 35-Jäh­ri­ge fa­vo­ri­sier­te zu­letzt ei­ne Drei­er- re­spek­ti­ve Fün­fer­ket­te in der Ab­wehr, er schwört auf tak­ti­sche Fle­xi­bi­li­tät, scheint sei­ne wech­seln­den Ver­tei­di­ger da­mit aber zu über­for­dern. Wo­mög­lich wä­re die Rück­kehr zur Vie­rer­ket­te an­ge­bracht. „Un­ter Wolf hat sich je­der Spie­ler wei­ter­ent­wi­ckelt“, sag­te Prä­si­dent Wolf­gang Dietrich kürz­lich. Bloß: Auf dem Feld müs­sen die Ak­teu­re das noch nach­wei­sen.

Le­gio­nä­re: Nur zwei Deut­sche stan­den in Würz­burg in der Start­elf des VfB, bei Nach­bar und Ver­fol­ger Hei­den­heim wa­ren es zehn. Ei­ne ge­mein­sa­me Spra­che, ei­ne ähn­li­che So­zia­li­sa­ti­on, er­leich­tern ge­mein­hin Kom­mu­ni­ka­ti­on und In­te­gra­ti­on, Schin­del­mei­ser aber lehnt den Ver­gleich mit der Über­ra­schungs­mann­schaft ab. „Hei­den­heim ist zu­frie­den, wenn es in der Li­ga mit­spielt, von uns er­war­ten al­le den Auf­stieg“, sagt er. „Na­tür­lich wür­de ich am liebs­ten nur mit Spie­lern aus Bad Cann­statt, aus Würt­tem­berg, aus Süd­deutsch­land spie­len. Aber die ha­be ich der­zeit nicht, und ich muss schau­en, was dem VfB in die­ser Si­tua­ti­on am bes­ten wei­ter­hilft“, sagt der Ma­na­ger.

Fi­nan­zen: Durch gu­tes Haus­hal­ten und der Treue von Fans und Spon­so­ren hat der VfB rund zehn Mil­lio­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung, um den Ka­der zu stär­ken. Dass da­von al­les nun schon in der Win­ter­pau­se in­ves­tiert wird für das Ziel Wie­der­auf­stieg, ist nicht zu er­war­ten. Der Trans­fer­markt im Win­ter ist dif­fi­zil (Schin­del­mei­ser: „Die gu­ten Spie­ler ste­hen fast al­le lang­fris­tig un­ter Ver­trag“), zu­dem wer­de man kei­nen Ak­tio­nis­mus be­trei­ben. Der Ma­na­ger spricht von „be­grenz­ten Res­sour­cen“. Aber: „Wir sind hand­lungs­fä­hig.“

Nach­wuchs: Die Ju­gend des VfB, einst der größ­te Stolz des Ver­eins, steckt in der Kri­se. Die A-Ju­nio­ren sind als Re­kord­meis­ter der­zeit hin­ter In­gol­stadt und Karlsruhe Vor­letz­te in der U19-Bun­des­li­ga. Der di­rek­te Un­ter­bau, die U23, steckt nach dem Ab­stieg in die Re­gio­nal­li­ga als Li­ga­zwölf­ter er­neut im Ab­stiegs­kampf. „Wir brauch­ten Zeit, uns nach dem Ab­stiegs­stru­del wie­der­zu­fin­den“, sagt Schin­del­mei­ser, der aber mit Sport­ko­or­di­na­tor Marc Ki­en­le be­reits Kon­se­quen­zen ge­zo­gen hat: Ex-Na­tio­nal­spie­ler Andre­as Hin­kel (34), bis da­to Co-Trai­ner, wird ab so­fort Chef­coach der U23 und er­setzt In­te­rims­trai­ner Wal­ter Tho­mae. Hei­ko Ger­ber, 2007 mit dem VfB Meis­ter, über­nimmt die U19, Kai Os­wald die U16 – bei­de tau­schen da­mit ih­re Rol­len. Das prin­zi­pi­el­le Pro­blem aber ist ein grö­ße­res. Durch den Ab­gang der Trai­ner Frie­der Schrof und Tho­mas Al­beck, die 2012 zu­erst von Ex-Ma­na­ger Fre­di Bo­bic ver­grault und dann von Leip­zigs Sport­chef Ralf Rang­nick ab­ge­wor­ben wur­den, hat der VfB enor­me Fach­kom­pe­tenz ver­lo­ren – und da­mit auch das Ver­trau­en von El­tern und Jung­pro­fis, die es eher nach Hof­fen­heim zieht.

Fans: Sie hal­ten dem VfB die Treue. Mit 48 300 Zu­schau­ern im Schnitt – mehr als In­ter Mai­land – ist der Club die Nr. 16 in Eu­ro­pa. „Un­fass­bar“, fin­det Schin­del­mei­ser. „Wir wis­sen, wel­cher Auf­trag das ist und wel­che Ver­ant­wor­tung. Wir dür­fen die­se Men­schen nicht ent­täu­schen.“

FOTO: IM­A­GO

Zu­letzt, wie hier beim 0:2 wäh­rend des 0:3 in Würz­burg, war beim VfB Stuttgart in der Ab­wehr häu­fig Kon­fu­si­on an­ge­sagt. Das muss sich än­dern, will der Club den Wie­der­auf­stieg schaf­fen.

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