Land bleibt bei Plä­nen für LEAs

Kon­zept für Flücht­lings­un­ter­künf­te im Ka­bi­nett – Kri­tik aus Ell­wan­gen und Sig­ma­rin­gen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Kat­ja Korf

STUTTGART (tja) - Trotz Kri­tik aus den be­trof­fe­nen Kom­mu­nen will die Lan­des­re­gie­rung im ers­ten Halb­jahr 2017 ihr neu­es Kon­zept für die Un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen ver­ab­schie­den. Das sag­ten Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) und In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU) am Di­ens­tag in Stuttgart. An­ders als ge­plant sol­len die Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­len (LEAs) in Ell­wan­gen und Sig­ma­rin­gen be­ste­hen blei­ben. Da­ge­gen pro­tes­tie­ren Bür­ger und Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. SEI­TE 2

STUTTGART - Trotz der Pro­tes­te in Sig­ma­rin­gen und Ell­wan­gen bleibt es da­bei: Das Land will die Erst­auf­nah­me­stel­len (LEA) für Flücht­lin­ge auch über 2019 hin­aus er­hal­ten. Über ein ent­spre­chen­des Vor­ha­ben hat In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU) die Mi­nis­ter­run­de von Grü­nen und CDU am Di­ens­tag in Stuttgart in­for­miert. Die Ober­häup­ter der bei­den be­trof­fe­nen Städ­te äu­ßer­ten sich zu­rück­hal­tend.

Be­reits vor ei­ni­gen Wo­chen wa­ren die Plä­ne be­kannt ge­wor­den. Dem­nach fährt das Land die Un­ter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten für an­kom­men­de Flücht­lin­ge stark zu­rück. Statt wie bis­her 34 000 soll es nur noch 8000 Plät­ze ge­ben. Wei­te­re 8000 Plät­ze kön­nen kurz­fris­tig zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den. Sin­ken­de Flücht­lings­zah­len Grund sind sin­ken­de Flücht­lings­zah­len: So ka­men im Ok­to­ber 2015 noch 17 000 Men­schen nach Ba­den-Würt­tem­berg, ein Jahr spä­ter wa­ren es im sel­ben Zei­t­raum nur 1500. Wäh­rend im Jahr 2015 rund 98 000 Asyl­su­chen­de nach Ba­den-Würt­tem­berg ge­kom­men wa­ren, wa­ren es bis En­de No­vem­ber 2016 et­wa 31 000.

Als 2015 be­son­ders vie­le Flücht­lin­ge ins Land ka­men, gab es mehr als 20 LEAs. Da­von sol­len nur vier wei­ter­be­trie­ben wer­den, ne­ben Sig­ma­rin­gen und Ell­wan­gen auch Frei­burg und Karls­ru­he. Hin­zu kom­men zwei Stand­or­te in Tü­bin­gen und Gi­en­gen an der Brenz, die im Not­fall rasch in Be­trieb ge­nom­men wer­den kön­nen. Das An­kunfts­zen­trum, in dem die meis­ten neu­en Flücht­lin­ge re­gis­triert wer­den, soll zu­nächst im Patrick-Hen­ry-Vil­la­ge in Hei­del­berg blei­ben. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um prüft aber ei­ne Ver­le­gung nach Mann­heim oder Sch­wet­zin­gen. Post da­heim in Laiz Ge­gen die­se Plä­ne regt sich nach wie vor Pro­test. Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) hat­te persönlich Post im Brief­kas­ten sei­nes Pri­vat­hau­ses in Laiz. Dar­in fand Kret­sch­mann je­ne zwölf For­de­run­gen, die der Sig­ma­rin­ger Ge­mein­de­rat ein­stim­mig be­schlos­sen hat­te. Un­ter an­de­rem plä­die­ren die Kom­mu­nal­po­li­ti­ker da­für, die ört­li­che LEA bis 2020 zu schlie­ßen. Au­ßer­dem soll die Ein­rich­tung nur ma­xi­mal 500 Flücht­lin­gen Platz bie­ten. Das nun ver­ab­schie­de­te Kon­zept sieht vor, dass Sig­ma­rin­gen zur größ­ten LEA im Land wird – mit bis zu 1250 Plät­zen.

In Sig­ma­rin­gen hat­te sich auch dar­an Kri­tik ent­zün­det – als kleins­te Stadt be­kom­me man die größ­te LEA. Zu die­sen Be­den­ken aus sei­ner Hei­mat­stadt sag­te Kret­sch­mann am Di­ens­tag, er kön­ne die­se Ge­rech­tig­keits­de­bat­te nicht ganz nach­voll­zie­hen: „Wir nut­zen für die LEAs ge­eig­ne­te Lie­gen­schaf­ten wie Ka­ser­nen. Und die sind eben dort, wo sie sind.“Der Mi­nis­ter­prä­si­dent ver­tei­dig­te sei­nen In­nen­mi­nis­ter auch ge­gen die Vor­wür­fe der Kom­mu­nen, Strobl ha­be sei­ne Plä­ne nicht früh­zei­tig ge­nug mit ih­nen ab­ge­stimmt. „Po­li­tik des Ge­hört­wer­dens be­deu­tet nicht, dass Ba­den-Würt­tem­berg zum größ­ten De­bat­tier­club Deutsch­lands wird und man al­les mit je­dem be­spre­chen muss.“Be­vor man über ein Kon­zept dis­ku­tie­ren kön­ne, müs­se die­ses vor­lie­gen.

Strobl selbst be­ton­te er­neut, er ha­be aus sei­ner Sicht „zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt“mit den Städ­ten und Land­krei­sen ge­spro­chen. „Ich ha­be die Ver­ant­wort­li­chen fünf Wo­chen vor dem ge­sam­ten Ka­bi­nett in­for­miert“, so Strobl. Er hät­te auch erst ei­nen Be­schluss der Mi­nis­ter her­bei­füh­ren kön­nen, um da­nach erst die Kom­mu­nen mit­ein­zu­be­zie­hen. Bei­de Po­li­ti­ker be­ton­ten, es ge­be stets die Mög­lich­keit, das jet­zi­ge Kon­zept noch an­zu­pas­sen. „Wenn es zum Bei­spiel kon­kre­te In­ves­ti­ti­ons­zu­sa­gen oder Ide­en zur Kon­ver­si­on der Ka­ser­nen gibt, kann man mit uns je­der­zeit dar­über spre­chen“, so Kret­sch­mann.

Sig­ma­rin­gens Bür­ger­meis­ter Tho­mas Schä­rer (CDU) re­agier­te am Di­ens­tag ver­hal­ten auf die Nach­richt aus Stuttgart: „ Ent­schei­dend ist für uns im Mo­ment, dass wir be­reits gu­te Ge­sprä­che in an­ge­neh­mer At­mo­sphä­re zur Erst­auf­nah­me­kon­zep­ti­on des Lan­des ge­führt ha­ben. Da­für sind wir der Lan­des­re­gie­rung dank­bar und schau­en nun, was die wei­te­ren Ge­sprä­che brin­gen wer­den.“ Hil­sen­bek: Nichts ent­schie­den Skep­ti­scher äu­ßert sich der Ell­wan­ger Ober­bür­ger­meis­ter Karl Hil­sen­bek (par­tei­los). Er wi­der­spricht der Darstel­lung des Lan­des, Stadt und Ge­mein­de­rat sei­en vom Land früh­zei­tig in­for­miert wor­den. „Wenn ich ei­nen Ent­wurf ma­che, muss ich erst mit den Haupt­be­tei­lig­ten spre­chen.“

Für Hil­sen­bek ist in Sa­chen LEA noch nichts ent­schie­den. Das Land müs­se mit den Stand­or­ten, über die es noch kei­ne Ei­ni­gung ge­be, im ers­ten Quar­tal Ge­sprä­che füh­ren – und über ei­nen Wei­ter­be­trieb der LEA in Ell­wan­gen ge­be es kei­ne Ei­ni­gung. Zu­dem ha­be der Ell­wan­ger Ge­mei­ne­rat erst jüngst be­schlos­sen, dass er in Sa­chen LEA-Ver­län­ge­rung der­zeit null Hand­lungs­be­darf sieht. So lan­ge der Aus­gang der Ge­sprä­che of­fen sei, dürf­ten die Ka­pa­zi­tä­ten an­ders­wo nicht ab­ge­baut wer­den.

FOTO: THO­MAS WARNACK

Pro­test ge­gen die Plä­ne zur Erst­un­ter­brin­gung von Flücht­lin­gen: Bei ei­ner De­mons­tra­ti­on in Sig­ma­rin­gen un­ter­stütz­ten Bür­ger An­fang De­zem­ber den Ge­mein­de­rat, der sich da­ge­gen wehrt, dass die Stadt dau­er­haft zum Stand­ort der größ­ten Erst­auf­nah­me­stel­le im Land wird.

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