Kampf um die Grä­ber

Vie­le Ni­ge­ria­ner pil­gern trotz Angst vor Ter­ror­at­ta­cken an die Gr­ab­stät­ten von Ge­lehr­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - AUS ALLER WELT -

SOKOTO (AFP) - Die Grab­an­la­ge mit­ten in der nord­nige­ria­ni­schen Stadt Sokoto flößt Ehr­furcht ein: Drei Räu­me, ei­ne gro­ße Hal­le und ei­nen 200 Me­ter lan­gen Gang müs­sen die Pil­ger durch­schrei­ten, be­vor sie ei­ne schumm­rig be­leuch­te­te Kam­mer be­tre­ten. Dort lie­gen Us­man dan Fo­dio und zwei sei­ner Söh­ne be­gra­ben.

Dut­zen­de Pil­ger sit­zen mit nach oben ge­rich­te­ten Hand­flä­chen um die Grä­ber und be­ten zu Fo­dio. Ei­ner von ih­nen ist der Tex­til­händ­ler Sam­ma­ni Yus­uf. Mehr als 500 Ki­lo­me­ter ist er aus der Stadt Ka­no nach Sokoto ge­reist, um hier für sei­ne kran­ke Mut­ter und um bes­se­re Ge­schäf­te zu bit­ten. „Al­lah ist übe­r­all, aber bei den Grä­bern von Hei­li­gen wer­den dei­ne Ge­be­te durch ih­re Für­spra­che um­ge­hend von Gott er­hört“, sagt Yus­uf.

Auch As­ma'u Law­wa­li ver­traut auf den Hei­li­gen, der in Ni­ge­ra als She­hu be­kannt ist. „Mei­ne Bit­te um ein Kind beim letz­ten Be­such wur­de er­hört. Jetzt bin ich hier mit wei­te­ren Bit­ten und ich bin zu­ver­sicht­lich, dass Gott durch She­hus Ver­mitt­lung sie wie­der er­füllt“, sagt die Frau. „Wenn man hier am Gr­ab be­tet, er­hört Al­lah je­des An­lie­gen“, be­kräf­tigt Isa Abu­bakar, der die Be­su­cher durch die Gr­ab­stät­te ge­lei­tet. Gr­ab von is­la­mi­schem Ge­lehr­ten Us­man dan Fo­dio ist ei­ner der be­kann­tes­ten Na­men in der Ge­schich­te Ni­ge­ri­as. Der is­la­mi­sche Ge­lehr­te er­klär­te vor zwei Jahr­hun­der­ten den Dschi­had ge­gen die ty­ran­ni­schen Herr­scher je­ner Zeit. Fo­di­os Kampf ge­gen Kor­rup­ti­on und Ex­tre­mis­mus sei bis heu­te von Be­deu­tung, sag­te kürz­lich der ni­ge­ria­ni­sche Vi­ze­prä­si­dent Ye­mi Osin­ba­jo. Der Auf­stand des Re­li­gi­ons­ge­lehr­ten führ­te da­mals zur Grün­dung ei­nes is­la­mi­schen Staa­tes, des Ka­li­fats von Sokoto, das sich über den Nor­den Ni­ge­ri­as bis nach Ni­ger und Ka­me­run er­streck­te.

Heu­te lei­den die Men­schen im Nor­den Ni­ge­ri­as un­ter dem Ter­ror der Is­la­mis­ten­grup­pe Bo­ko Ha­ram. Ihr An­füh­rer Abu­bakar She­kau er­wähnt Fo­dio in sei­nen An­spra­chen zwar im­mer wie­der. Den­noch wer­den Gläu­bi­ge, die zu sei­nem Gr­ab pil­gern, von Kon­ser­va­ti­ven an­ge­grif­fen. Mus­li­me und Sun­ni­ten Die meis­ten Men­schen im Nor­den von Ni­ge­ria sind Mus­li­me, über­wie­gend Sun­ni­ten. Die Span­nun­gen mit der schii­ti­schen Min­der­heit ha­ben un­ter dem Ein­fluss der aus Sau­diA­ra­bi­en stam­men­den wah­ha­b­i­ti­schen Ideo­lo­gie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu­ge­nom­men. Bis in die 1980er-Jah­re herrsch­te in der Re­gi­on die mys­ti­sche Tra­di­ti­on der Su­fis vor, in der auch Hei­li­ge ver­ehrt wur­den. Büro ein­ge­rich­tet Wah­ha­bi­ten ver­ur­tei­len die Hei­li­gen­ver­eh­rung hin­ge­gen als Göt­zen­dienst. In Sokoto er­öff­ne­te die von Sau­di-Ara­bi­en fi­nan­zier­te Is­la­mi­sche Welt­li­ga ei­gens ein Büro, das die­se Auf­fas­sung pro­pa­giert.

2012 zer­stör­tan Is­la­mis­ten vom Ter­ror­netz­werk Al-Kai­da die Grä­ber is­la­mi­scher Hei­li­ger in Tim­buk­tu im Nor­den Ma­lis. In Sokoto wer­de es nicht so weit kom­men, sagt Ab­dur­rah­man, der Füh­rer am Gr­ab Fo­di­os. „Denn Fo­dio ist ein an­ge­se­he­ner is­la­mi­scher Ge­lehr­ter und ein Re­for­mer, der für den rei­nen Is­lam und Ge­rech­tig­keit kämpf­te.“Des­halb wer­de er selbst von je­nen ge­schätzt, die strikt ge­gen die­se Art von Hei­li­gen­ver­eh­rung sei­en.

„Es gibt hier Men­schen, die die An­sich­ten von al-Kai­da tei­len“, sagt Ab­dur­rah­man. „Aber es ist un­denk­bar, dass sie hier wie­der­ho­len, was ih­re Kol­le­gen in Tim­buk­tu an­ge­rich­tet ha­ben.“

FOTO: DPA

Der ni­ge­ria­ni­sche Prä­si­dent Mu­ham­ma­du Bu­ha­ri (li.) und der Sul­tan von Sokoto (re.) ma­chen sich Sor­gen um ih­re hei­li­gen Stät­ten.

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