Über die Pro­ble­me in Afri­ka ist we­nig be­kannt

Stadt möch­te in der Erst­auf­nah­me­stel­le nur Men­schen mit ho­her Blei­be­per­spek­ti­ve

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SIGMARINGEN - Von Co­rin­na Wol­ber

SIG­MA­RIN­GEN - Wenn es nach dem Wil­len der Stadt geht, sol­len in der Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le (LEA) in der frü­he­ren Ka­ser­ne nur Flücht­lin­ge mit ho­her Blei­be­per­spek­ti­ve un­ter­ge­bracht wer­den. Das geht aus dem For­de­rungs­ka­ta­log her­vor, den die Stadt vor knapp zwei Wo­chen dem In­nen­mi­nis­te­ri­um über­ge­ben hat und den die SZ zum Ge­gen­stand ei­ner Se­rie macht. Ne­ben der ab­so­lu­ten Be­le­gungs­zahl (die Stadt for­dert ei­ne Ober­gren­ze von 500 Men­schen) ste­he die „Ver­träg­lich­keits­gren­ze in en­gem Zu­sam­men­hang mit dem Ver­ständ­nis der Be­völ­ke­rung für die per­sön­li­che Si­tua­ti­on der auf­ge­nom­me­nen Per­so­nen“, heißt es in der Be­grün­dung, die Stadt, Ge­mein­de­rat und Land­rä­tin Ste­fa­nie Bürk­le mit­ein­an­der er­ar­bei­tet ha­ben. Soll hei­ßen: Für ei­nen Kriegs­flücht­ling aus Sy­ri­en sei das Ver­ständ­nis grö­ßer als für ei­nen Wirt­schafts­flücht­ling aus Ma­rok­ko. „Ei­ne Be­le­gung der Erst­auf­nah­me­stel­le durch Per­so­nen mit ho­her Blei­be­per­spek­ti­ve un­ter­stützt da­bei ei­ne po­si­ti­ve Wahr­neh­mung der Ein­rich­tung“, heißt es ab­schlie­ßend in der Be­grün­dung.

Jut­ta Wolf hat für die­se For­de­rung kein Ver­ständ­nis. Sie en­ga­giert sich für Flücht­lin­ge und be­treibt un­ter an­de­rem die Face­book-Sei­te „Für To­le­ranz in Sig­ma­rin­gen“. „Ich hal­te von dem Punkt nichts, weil man sich nicht nur die Ro­si­nen her­aus­pi­cken kann“, sagt sie. „Es kom­men nun­mal auch Men­schen oh­ne ho­he Blei­be­per­spek­ti­ve, und die müs­sen ge­nau­so un­ter­ge­bracht wer­den wie al­le an­de­ren auch.“Au­ßer­dem sei ei­ne der­ar­ti­ge For­de­rung an­de­ren Kom­mu­nen ge­gen­über „nicht fair“. Jut­ta Wolf merkt auch, dass „die Ak­zep­tanz für Kriegs­flücht­lin­ge hö­her ist“. In der Flücht­lings­ar­beit ma­che die Her­kunft al­ler­dings kei­nen Unterschied: „Wir sind für al­le glei­cher­ma­ßen da. Kei­ner kommt hier­her, weil es ihm in sei­ner Hei­mat gut ging.“

Stand Di­ens­tag le­ben in der LEA der­zeit 847 Men­schen, vor ei­ner Wo­che wa­ren es 790. Von die­sen wa­ren et­was mehr als die Hälf­te aus Ni­ge­ria und Gam­bia, ge­folgt von Ira­kern (91), Ma­rok­ka­nern (85) und Sy­rern (76). Die re­la­tiv gro­ße Zahl an Men­schen aus dem so­ge­nann­ten Schwarz­afri­ka fällt im Stadt­bild auf.

„Man fragt sich schon, wo die­se Men­schen auf ein­mal al­le her­kom­men“, sagt ei­ne 54-jäh­ri­ge Sig­ma­rin­ge­rin, die nicht na­ment­lich ge­nannt wer­den möch­te. Sie gibt gleich­zei­tig zu, nicht so viel über die Pro­ble­me in ei­ni­gen afri­ka­ni­schen Län­dern zu wis­sen. „Alep­po ist da schon deut­lich prä­sen­ter.“

Tat­säch­lich wird bei­spiels­wei­se Ni­ge­ria im Fra­gi­li­täts­in­dex des Fund for Pe­ace als ei­nes der in­sta­bils­ten Län­der der Welt auf­ge­lis­tet. Nach meh­re­ren Mi­li­tär­put­schen be­gann En­de der 1990er-Jah­re zwar ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung. Al­ler­dings ver­setzt die is­la­mis­ti­sche Ter­ror­grup­pe Bo­ko Ha­ram das Land seit 2010 in Angst und Schre­cken. Die Grup­pe ver­übt un­ter an­de­rem An­schlä­ge auf Si­cher­heits­kräf­te und Chris­ten. Die La­ge in Gam­bia be­zeich­net das Aus­wär­ti­ge Amt der­zeit als „un­über­sicht­lich“.

Vom In­nen­mi­nis­te­ri­um gibt es der­zeit kei­ne Ein­schät­zung zu der Fra­ge, ob es rea­lis­tisch ist, in der LEA nur Men­schen mit ho­her Blei­be­per­spek­ti­ve ein­zu­quar­tie­ren. Spre­cher Cars­ten Deh­ner ver­weist auf die Be­ra­tun­gen vor zwei Wo­chen. „Es wur­den sach­li­che und har­te, aber kon­struk­ti­ve Ver­hand­lun­gen ge­führt, aus de­nen sich ver­schie­de­ne Prü­fund Ar­beits­auf­trä­ge er­ge­ben“, teilt Deh­ner schrift­lich mit. Im Ja­nu­ar oder Fe­bru­ar sol­le es ei­ne wei­te­re Ar­beits­sit­zung ge­ben.

Jut­ta Wolf fin­det es wich­tig, dass über Men­schen aus ver­meint­lich si­che­ren Län­dern nicht pau­schal ge­ur­teilt wird. „Auch in Ma­rok­ko oder Tu­ne­si­en sind die Men­schen Re­pres­sio­nen aus­ge­setzt, et­wa weil sie ho­mo­se­xu­ell sind.“Man müs­se je­den Fall in­di­vi­du­ell be­trach­ten, da­her leh­ne sie die For­de­rung der Stadt ab.

Ver­trag zur LEA

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