Ter­ror­ver­däch­ti­ger Tu­ne­si­er ge­sucht

Aus­weis­pa­pie­re im An­schlags-Lkw ge­fun­den - Mann saß in Ravensburg in Haft

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Sa­bi­ne Lenn­artz und Bernd Ad­ler

BERLIN/RAVENSBURG - Der Tu­ne­si­er Anis Am­ri, nach dem das Bun­des­kri­mi­nal­amt fahn­det, hat sich im Som­mer 2016 in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Ravensburg auf­ge­hal­ten. Das BKA sucht den 24-Jäh­ri­gen we­gen des drin­gen­den Tat­ver­dachts, Ur­he­ber des Ter­ror­an­schlags an der Ber­li­ner Ge­dächt­nis­kir­che am Mon­tag­abend ge­we­sen zu sein. Für Hin­wei­se, die zu sei­ner Fest­nah­me füh­ren, ist ei­ne Be­loh­nung von 100 000 Eu­ro aus­ge­schrie­ben. Die Fahn­dung nach Am­ri wur­de ver­stärkt, nach­dem sei­ne Aus­weis­pa­pie­re in dem Last­wa­gen ge­fun­den wor­den wa­ren, der in den Weih­nachts­markt am Breit­scheid­platz ge­steu­ert wor­den war.

Mat­thi­as Grewe, Lei­ter des Ra­vens­bur­ger Amts­ge­richts, be­stä­tig­te der „Schwä­bi­schen Zei­tung“dass Am­ri bei ei­ner Per­so­nen­kon­trol­le im Ju­li 2016 in Fried­richs­ha­fen auf­ge­grif­fen wur­de. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Zei­tung wur­de er in ei­nem Fern­bus ver­haf­tet. Da bei ihm po­li­zei­lich ver­merkt war, dass der Mann ab­zu­schie­ben sei, nah­men ihn die Be­am­ten in Ge­wahr­sam. Weil er an ei­nem Sonn­tag fest­ge­nom­men wur­de, ord­ne­te der Be­reit­schafts­rich­ter die Un­ter­brin­gung in Ab­schie­be­haft bis zum nächs­ten Werk­tag an.

Dar­auf­hin kam Am­ri am 30. Ju­li in die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Ravensburg. Des­sen Lei­ter Tho­mas Mö­nig er­klär­te, dass ei­ne Per­son mit Na­men Anis A. an die­sem Tag in sein Ge­fäng­nis ein­ge­lie­fert wur­de. Nach Aus­sa­ge von Amts­ge­richts­lei­ter Grewe ver­ließ Am­ri das Ra­vens­bur­ger Ge­fäng­nis als frei­er Mann. Er sei auf An­trag der Aus­län­der­be­hör­de Kle­ve frei­ge­kom­men. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um von Ba­den-Würt­tem­berg woll­te sich auf An­fra­ge zu­nächst nicht äu­ßern und ver­wies auf die Er­mitt­lun­gen des Ge­ne­ral­bun­des­an­walts.

Durch die Fahn­dung wird in Berlin die De­bat­te um die Ab­schie­bung ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber be­feu­ert. Der CSU-In­nen­po­li­ti­ker Ste­phan May­er sag­te, wenn es sich be­wahr­hei­ten soll­te, dass der ver­däch­ti­ge Tu­ne­si­er der Tä­ter sei, ma­che sich deut­li­cher Hand­lungs­be­darf fest. Es han­de­le sich um den An­ge­hö­ri­gen ei­nes Ma­ghreb-Staa­tes, wel­che CDU und CSU seit Mo­na­ten als si­che­re Her­kunfts­staa­ten ein­stu­fen. Des­halb rich­te er ei­nen Ap­pell an die rot-grün re­gier­ten Län­der, dem zu­zu­stim­men.

LEIT­AR­TI­KEL/SEI­TE 4

BERLIN - Si­cher­heits­po­li­ti­ker in Berlin ha­ben am Mitt­woch mit Ent­set­zen re­agiert, als be­kannt wur­de, wer den An­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt ver­übt ha­ben soll: Un­ter „drin­gen­dem Tat­ver­dacht“steht Anis Am­ri, ein 24-jäh­ri­ger Tu­ne­si­er. „Vor­sicht, er könn­te ge­walt­tä­tig und be­waff­net sein“, heißt es im öf­fent­li­chen Fahn­dungs­auf­ruf, der am Abend ge­star­tet wird. 100 000 Eu­ro Be­loh­nung setzt der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt aus. Hin­wei­se kön­nen un­ter der Num­mer 0800 0130110 oder un­ter in­fo@bka.de ge­ge­ben wer­den.

Das Schlim­me für die Be­hör­den: Am­ri war seit ei­nem Jahr als ge­fähr­li­cher Is­la­mist be­kannt, er war durch meh­re­re Rausch­gift­de­lik­te auf­ge­fal­len und saß so­gar in Ab­schie­be­haft. Aus der kam er nach nur ei­nem Tag wie­der frei. An­schlie­ßend ge­lang es ihm ab­zu­tau­chen. Ein „tra­gi­sches“Ver­sa­gen der Be­hör­den, heißt es in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. „Un­fass­bar für die Be­völ­ke­rung“fin­det das Rai­ner Wendt, Chef der Deut­schen Po­li­zei­ge­werk­schaft (DPolG). Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re wies al­ler­dings dar­auf hin, dass der Ver­däch­ti­ge „nicht zwin­gend“der Tä­ter sein müs­se, der am Mon­tag­abend mit ei­nem Last­wa­gen in den Weih­nachts­markt auf dem Ber­li­ner Breit­scheid­platz ge­rast war und zwölf Men­schen ge­tö­tet hat­te.

Was hat die Er­mitt­ler auf sei­ne Spur ge­bracht? Un­ter dem Fah­rer­sitz des Last­wa­gens fan­den sie die Geld­bör­se von Am­ri samt Dul­dungs­aus­weis. Nord­rhein-West­fa­lens In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) be­stä­tigt: „Die ver­däch­ti­ge Per­son ist ver­schie­de­nen Si­cher­heits­be­hör­den durch Kon­takt zur is­la­mis­ti­schen Sze­ne auf­ge­fal­len.“Das Bun­des­land lei­te­te schon vor dem An­schlag ein Ver­fah­ren we­gen Vor­be­rei­tung ei­ner staats­ge­fähr­den­den Straf­tat ein, das Ver­fah­ren führ­te der Ge­ne­ral­staats­an­walt in Berlin. Von März bis Sep­tem­ber die­ses Jah­res sei Am­ri über­wacht wor­den, teil­te die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft am Mitt­woch­abend mit. Hin­wei­se auf Dro­gen­de­lik­te Es ha­be In­for­ma­tio­nen ge­ge­ben, wo­nach der in Nord­rhein-West­fa­len als „Ge­fähr­der“ge­führ­te Ver­däch­ti­ge ei­nen Ein­bruch pla­ne, um Geld für den Kauf au­to­ma­ti­scher Waf­fen zu be­schaf­fen, er­klär­te die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft. Die Ob­ser­vie­rung und Über­wa­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­on ha­be aber kei­ne Hin­wei­se auf ein staats­schutz­re­le­van­tes De­likt er­bracht, son­dern le­dig­lich Hin­wei­se ge­lie­fert, dass Am­ri als Klein­dea­ler im Gör­lit­zer Park tä­tig sein könn­te.

In­for­ma­tio­nen über Am­ri wur­den laut NRW-In­nen­mi­nis­ter Jä­ger auch im ge­mein­sa­men Ter­ror­ab­wehr­zen­trum des Bun­des aus­ge­tauscht. Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge be­weg­te sich Am­ri im Um­feld des Hass­pre­di­gers Abu Wa­laa, der im No­vem­ber fest­ge­nom­men wor­den war.

Ob der mut­maß­li­che Tä­ter tat­säch­lich im Auf­trag der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat han­del­te, wie es der IS selbst be­haup­tet, oder ob ein an­de­res Netz­werk da­hin­ter­steck­te, bleibt vor­erst of­fen. Auch auf die Fra­ge, wie es pas­sie­ren konn­te, dass der Tu­ne­si­er nach dem En­de der Ab­schie­be­haft ab­tauch­te, die Be­hör­den den ge­fähr­li­chen Is­la­mis­ten aus den Au­gen ver­lo­ren, bis er of­fen­bar in Berlin zu­schlug, dar­auf gibt am Mitt­woch nie­mand ei­ne be­frie­di­gen­de Ant­wort.

Am­ri sei „hoch mo­bil“ge­we­sen und ha­be meh­re­re fal­sche Iden­ti­tä­ten ver­wen­det, sagt NRW-In­nen­mi­nis­ter Jä­ger fast ent­schul­di­gend. Der Ver­däch­ti­ge sei nach sei­ner Ein­rei­se über Ita­li­en im Ju­li 2015 von Frei­burg nach Berlin ge­gan­gen, ha­be sich auch für kur­ze Zeit in Nord­rhein-West­fa­len auf­ge­hal­ten, aber über­wie­gend in Berlin ge­lebt. Im Ju­li 2016 war der Asyl­an­trag ab­ge­lehnt wor­den. Am 30. Ju­ni wur­de der Ver­däch­ti­ge dann of­fen­bar in Ravensburg nach ei­ner Rou­ti­ne­kon­trol­le in­haf­tiert, um ihn ab­zu­schie­ben. Die Kreis­ver­wal­tung Kle­ve ha­be aber sei­ne Frei­las­sung an­ge­ord­net, teil­te das Ra­vens­bur­ger Amts­ge­richt mit. Die für die Ab­schie­bung nach Tu­ne­si­en er­for­der­li­chen Pa­pie­re sei­en erst am Mitt­woch aus Tu­nis ein­ge­trof­fen, sag­te In­nen­mi­nis­ter Jä­ger.

Mit Hoch­druck wird nach Am­ri eu­ro­pa­weit ge­fahn­det. Im LKW war blut­ver­schmier­te Klei­dung ge­fun­den wor­den, des­we­gen schlie­ßen die Er­mitt­ler nicht aus, dass auch der Tä­ter ver­letzt sein könn­te. Der ei­gent­li­che Fah­rer des Last­wa­gens, ein 37-jäh­ri­ger Po­le, soll zur Tat­zeit noch ge­lebt ha­ben und nach ei­nem Kampf vom Tä­ter er­schos­sen wor­den sein.

Tu­ne­si­sche An­ti-Ter­ror-Er­mitt­ler be­frag­ten in­zwi­schen die Fa­mi­lie von Am­ri. Die El­tern le­ben in der Stadt Ou­es­la­tia. Sei­ne Ge­schwis­ter äu­ßer­ten Zwei­fel, dass er für den An­schlag ver­ant­wort­lich sein soll. „Als ich das Fo­to mei­nes Bru­ders in den Me­di­en gesehen ha­be, ha­be ich mei­nen Au­gen nicht ge­traut“, sag­te der Bru­der Ab­del­ka­der Am­ri in Tu­ne­si­en.

Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann ver­langt nun ei­ne Über­prü­fung sämt­li­cher Flücht­lin­ge, de­ren Iden­ti­tä­ten nicht ein­deu­tig ge­klärt sind. „Zu häu­fig ha­ben Ver­däch­ti­ge meh­re­re Na­men, meh­re­re Ge­burts­or­te und Ge­burts­da­ten. Das darf in ei­nem Rechts­staat nicht vor­kom­men“, sag­te der CSU-Po­li­ti­ker der „Schwä­bi­schen Zei­tung“.

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Am­ri ist auf der Flucht.

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Nach ihm wird ge­fahn­det: Anis Am­ri wird ver­däch­tigt, den An­schlag auf den Weih­nachts­markt in Berlin be­gan­gen zu ha­ben. Die Be­hör­den ver­öf­fent­lich­ten am Mitt­woch meh­re­re Por­trät­fo­tos.

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