EuGH de­fi­niert ho­he Hür­den

Vor­rats­da­ten­spei­che­rung wird ein­ge­schränkt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE -

LUXEMBURG (AFP) - Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat die auch in Deutsch­land prak­ti­zier­te an­lass­lo­se Spei­che­rung von Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten in der Eu­ro­päi­schen Uni­on ge­kippt. Die­se Vor­rats­da­ten­spei­che­rung las­se „sehr ge­naue Schlüs­se auf das Pri­vat­le­ben“der Men­schen zu und ver­let­ze so­mit das Grund­recht auf Ach­tung des Pri­vat­le­bens, ur­teil­te der EuGH in ei­nem am Mitt­woch in Luxemburg ver­kün­de­ten Ur­teil. Aus­nah­men sind dem­nach in kon­kre­ten Fäl­len zur Be­kämp­fung schwe­rer Straf­ta­ten wei­ter mög­lich (Az. C-203/15 und C-698/15).

Da­mit dürf­te auch Deutsch­land sein Ge­setz zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ein wei­te­res Mal über­ar­bei­ten müs­sen. Es schreibt vor, dass Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men al­le Te­le­fon- und In­ter­net­ver­bin­dungs­da­ten ih­rer Kun­den zehn Wo­chen lang spei­chern, da­nach müs­sen sie wie­der ge­löscht wer­den. SEI­TE 5

LUXEMBURG (dpa) - Da­ten­schüt­zer und Grü­ne ju­beln. „Die­ses Ur­teil ist der Ham­mer!“, er­klärt die Grü­nen­Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Re­na­te Kü­n­ast auf Twit­ter. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof hat am Mitt­woch ei­ne weit­rei­chen­de Vor­rats­da­ten­spei­che­rung für il­le­gal er­klärt. Per­sön­li­che Da­ten von Te­le­fon- und In­ter­net­nut­zern dürf­ten nicht all­ge­mein und un­ter­schieds­los ge­spei­chert wer­den, ent­schie­den die Lu­xem­bur­ger Rich­ter (Rechts­sa­chen C-203/15 und C-698/15). Die Ent­schei­dung ei­ni­ge Aus­wir­kun­gen ha­ben. Die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten zum The­ma:

Was be­deu­tet das Ur­teil für Deutsch­land? In Deutsch­land ver­pflich­tet ein Ge­setz von 2015 Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter, Nut­zer­da­ten spä­tes­tens ab dem 1. Ju­li 2017 bis zu zehn Wo­chen auf­zu­be­wah­ren. Bei An­ru­fen sol­len Zeit­punkt und Dau­er der Ge­sprä­che ge­spei­chert wer­den. Im In­ter­net sol­len IP-Adres­sen so­wie De­tails zu de­ren Ver­ga­be vor­ge­hal­ten wer­den – E-Mails sind aus­ge­nom­men. Im Kampf ge­gen Ter­ror und schwe­re Ver­bre­chen sol­len Er­mitt­ler auf die In­for­ma­tio­nen zu­grei­fen kön­nen. Aus Sicht der Bun­des­re­gie­rung ste­hen die deut­schen Re­ge­lun­gen nach dem EuGH-Ur­teil nicht grund­sätz­lich in­fra­ge. Die Ent­schei­dung müs­se zu­nächst sorg­fäl­tig aus­ge­wer­tet wer­den, sag­te ei­ne Spre­che­rin des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums am Mitt­woch in Berlin. Die hie­si­gen Re­ge­lun­gen sei­en aber auf je­den Fall re­strik­ti­ver als die jetzt vom Ge­richt ge­prüf­ten. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um äu­ßer­te eben­falls als ers­te Ein­schät­zung, dass die Re­geln im Lich­te des EuGH-Ent­scheids hal­ten. Das se­hen Da­ten­schüt­zer und man­che Po­li­ti­ker ganz an­ders: „Die Bun­des­re­gie­rung muss die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, wie sie der­zeit ge­re­rung, gelt ist, jetzt än­dern“, sagt Jan Phil­ipp Al­brecht von den Grü­nen im Eu­ro­pa­par­la­ment. „Die Spei­che­rung von Da­ten auf Vor­rat darf nur im Aus­nah­me­fall er­laubt sein und muss sich auf die je nach An­lass ab­so­lut not­wen­di­gen Da­ten be­schrän­ken.“Auch die Pi­ra­ten­par­tei und der Ver­ein Di­gi­ta­le Ge­sell­schaft hal­ten das deut­sche Ge­setz nun für rechts­wid­rig.

Wann ist Vor­rats­da­ten­spei­che­rung laut EuGH er­laubt? Die Rich­ter be­ton­ten, er­laubt sei nur ei­ne ge­ziel­te Vor­rats­da­ten­spei­che- die „auf das ab­so­lut Not­wen­di­ge be­schränkt ist“. So muss die Über­wa­chung auf Per­so­nen­krei­se be­grenzt wer­den, „de­ren Da­ten ge­eig­net sind, ei­nen zu­min­dest mit­tel­ba­ren Zu­sam­men­hang mit schwe­ren Straf­ta­ten sicht­bar zu ma­chen“. Der Kampf ge­gen schwe­re Kri­mi­na­li­tät oder die Ge­währ­leis­tung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit kön­nen Grün­de für die Spei­che­rung der Da­ten sein. Sie müs­sen zu­dem in­ner­halb der EU ge­spei­chert wer­den. Wer darf wann auf die Da­ten zu­grei­fen? Be­hör­den dür­fen laut EuGH in der Re­gel nur dann Zu­gang zu den auf Vor­rat ge­spei­cher­ten Da­ten er­hal­ten, wenn dies zu­vor von ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren un­ab­hän­gi­gen Stel­le er­laubt wur­de. Zu­dem ent­schied der EuGH, dass die Be­trof­fe­nen über ei­nen Zu­griff auf ih­re Da­ten in­for­miert wer­den müs­sen, wenn dies die Er­mitt­lun­gen nicht mehr ge­fähr­de.

War­um ist das The­ma so um­strit­ten? Wenn die Da­ten nach Be­lie­ben ver­wen­det wer­den dürf­ten, lie­ße sich

FO­TO: DPA

Wer im In­ter­net surft oder te­le­fo­niert, hin­ter­lässt ei­ne Da­ten­spur. Die Si­cher­heits­be­hör­den auch in Deutsch­land kön­nen dar­auf zu­grei­fen, wenn sie schwe­re Straf­ta­ten wit­tern. Doch die Re­ge­lun­gen könn­ten ge­gen EU-Recht ver­sto­ßen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.