„Viel­leicht sin­gen wir et­was trot­zi­ger und lau­ter als sonst“

Der EKD-Rats­vor­sit­zen­de Hein­rich Bed­ford-Strohm zum An­schlag in Berlin und zur De­bat­te über Flücht­lin­ge

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BERLIN - Der Rats­vor­sit­zen­de der Evang­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD), Hein­rich Bed­ford-Strohm (Fo­to: dpa), ap­pel­liert an die Men­schen in Deutsch­land, trotz des An­schlags in Berlin auf die Kraft der Weih­nachts­bot­schaft zu ver­trau­en. Das sag­te Bed­ford-Strohm im Ge­spräch mit Ras­mus Buch­stei­ner. Herr Bed­ford-Strohm, Weih­nach­ten ist das Fest der Lie­be, der Hoff­nung. Tritt das nach dem An­schlag von Berlin in den Hin­ter­grund? Ge­ra­de jetzt kann uns die Weih­nachts­bot­schaft Kraft spen­den. Got­tes Lie­be ist stär­ker als al­ler Hass. Die Ge­walt hat nicht das letz­te Wort. Je­sus von Na­za­reth, das Kind in der Krip­pe, stirbt ei­nen ge­walt­sa­men Tod am Kreuz. Und wird von den To­ten auf­er­weckt. Lie­be be­siegt den Hass. Viel­leicht sin­gen wir an die­sem Weih­nachts­fest in un­se­ren Kir­chen die Weih­nachts­lie­der et­was trot­zi­ger und lau­ter als sonst. Aber mit dem kla­ren Blick auf ei­ne Zu­kunft, in der das Licht über die Dun­kel­heit siegt. In den so­zia­len Netz­wer­ken ent­lädt sich jetzt der Hass. Wie lässt sich ge­gen­steu­ern? Wir müs­sen sehr viel stär­ker dar­über nach­den­ken, was sich da im In­ter­net und den so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en ent­wi­ckelt. Wie kön­nen wir ver­hin­dern, dass dort un­se­re Grund­maß­stä­be von Re­spekt und An­stand nicht mehr gel­ten? Wir ha­ben er­lebt, dass sich die Wer­te ver­schie­ben. Aber ich spü­re auch, dass vie­le Men­schen das nicht oh­ne Wei­te­res hin­neh­men wol­len. Selbst in der auf­ge­heiz­ten At­mo­sphä­re sol­cher In­ter­net-Dis­kus­sio­nen kön­nen klei­ne Wun­der ge­sche­hen. Dann näm­lich, wenn auf Hass­mails nicht mit Hass, son­dern mit Re­spekt und ei­ner Auf­for­de­rung zum Dia­log ge­ant­wor­tet wird. Wie ge­hen Sie selbst mit Hass­bot­schaf­ten um? Äu­ße­run­gen, die ei­ne Ver­let­zung der Men­schen­wür­de dar­stel­len und recht­lich nicht halt­bar sind, lö­sche ich von mei­ner Face­book-Sei­te. Das sind aber nicht vie­le. Bei al­len an­de­ren ver­su­chen ich oder an­de­re Teil­neh­mer an den Face­book-Dia­lo­gen zu ant­wor­ten und zu ar­gu­men­tie­ren. Ich ma­che deut­lich, wel­che Re­geln ich in sol­chen In­ter­net-Dis­kur­sen er­war­te. Es ist wich­tig, sich ein­zu­mi­schen, An­stand und Re­spekt im Um­gang mit­ein­an­der ein­zu­for­dern. Soll­te Deutsch­land of­fen blei­ben für die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen – oh­ne Ober­gren­ze? Wir ha­ben das Wort Ober­gren­ze im­mer kri­ti­siert und wer­den es wei­ter kri­ti­sie­ren. Ich sa­ge ja nicht, dass die 60 Mil­lio­nen Men­schen, die welt­weit auf der Flucht sind, al­le nach Deutsch­land kom­men sol­len. Aber es ist kei­ne Lö­sung, ei­ne Zahl fest­zu­set­zen. Wir brau­chen klu­ge Po­li­tik mit dem Ziel, dass Men­schen gar nicht erst ge­zwun­gen wer­den, nach Eu­ro­pa zu kom­men. Wenn Flücht­lin­ge kom­men, müs­sen al­le mit­hel­fen, die­se Last zu tei­len und ge­mein­sam zu tra­gen. Das ist der ein­zi­ge Weg, wenn wir un­se­re hu­ma­ni­tä­re Tra­di­ti­on und un­se­re Wer­te nicht über Bord wer­fen wol­len. Men­schen im Mit­tel­meer er­trin­ken zu las­sen, kann nicht un­se­re Lö­sung sein. An­schlä­ge und An­grif­fe auf Flücht­lin­ge ha­ben in ge­ra­de­zu dra­ma­ti­scher Wei­se zu­ge­nom­men. Wel­che Ver­ant­wor­tung tra­gen in die­ser Si­tua­ti­on die po­li­ti­schen Eli­ten? Wir soll­ten uns klar­ma­chen, aus wel­cher Kraft und mit wel­chen Grund­ori­en­tie­run­gen wir im nächs­ten Jahr le­ben wol­len. Da wird das Hö­ren auf die Weih­nachts­bot­schaft in den kom­men­den Ta­gen ei­ne wich­ti­ge Grund­la­ge sein. Gott nimmt Men­schen­ge­stalt an. Je­der Mensch hat Wür­de, ist kost­bar. Das muss die Grund­la­ge sein und soll­te auch die Wahl­kämp­fe im kom­men­den Jahr kenn­zeich­nen.

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