Mit un­be­irr­ba­rer Zärt­lich­keit

Fo­to­gra­fi­en von Ro­bert Dois­neau im Ber­li­ner Gro­pi­us-Bau

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BERLIN - Sein be­rühm­tes­tes Fo­to ist der Kuss vor dem Ho­tel de Vil­le, ein ge­stell­tes Fo­to. Ein Schau­spie­ler­paar po­sier­te für Dois­neau vor ei­nem Stra­ßen­ca­fe in Pa­ris, als er im Auf­trag des Li­fe-Ma­ga­zin „Lie­be in Pa­ris“dar­stel­len soll­te.

Dass es von ihm min­des­tens eben­so gu­te, wenn nicht weit schö­ne­re und an­rüh­ren­de­re Wer­ke gibt, zeigt die Aus­stel­lung im Mar­tin-Gro­pi­us-Bau in Berlin. Dois­neau ist ein Fo­to­graf von Sorg­lo­sig­keit und Glück, von den klei­nen Fluch­ten im All­tag, er fo­to­gra­fiert, was sonst kei­ner sieht. Und er tut dies mit ei­ner un­be­irr­ba­ren Zärt­lich­keit für sein Mo­tiv, die Men­schen. Das Klei­ne im Gro­ßen ent­de­cken Er fo­to­gra­fiert spie­len­de Kin­der, Pas­san­ten, Hoch­zeits­paa­re, Ak­kor­deo­nis­ten, Trin­ker, Bal­le­ri­nen, die sich ver­ren­ken. Dois­neau zeigt im Klei­nen das Le­ben im Gro­ßen. Zum Bei­spiel das ge­fal­le­ne Pferd, das ent­kräf­tet auf der Stra­ße liegt und bes­ser als al­les an­de­re den Krieg und die Not des von Na­zi-Deutsch­land be­setz­ten Frank­reich il­lus­triert. Oder das Fo­to von Kin­dern, die in ei­nem ge­schmol­ze­nen Au­to spie­len.

So­fern man mit Hu­mor fo­to­gra­fie­ren kann – Dois­neau tut es. Wenn zum Bei­spiel das Lo­kal „au bon co­in“, an der gu­ten Ecke, völ­lig al­lei­ne da­steht, weil rund­her­um al­les zer­bombt ist. Wenn der Hun­de­domp­teur Do­nie, ein er­wach­se­ner Mann mit ernst­haf­tem Ge­sicht, auf sei­nem Kopf ei­nen klei­nen ste­hen­den Hund trägt, der ge­ra­de Männ­chen macht. Dois­neau bleibt da­bei im­mer re­spekt­voll ge­gen­über sei­nen Mo­ti­ven, selbst dann, wenn es sich um ver­sof­fe­ne Ge­stal­ten wie Co­co in der Nacht­bar han­delt, oder um den ar­men Mon­sieur Ali, der ir­gend­wie stolz und ver­lo­ren gleich­zei­tig vor sei­ner klei­nen Schrott­bu­de steht. Oder um die Metz­ger mit ih­ren blut­be­spritz­ten Schür­zen, die an der Bar der Ak­kor­de­on­spie­le­rin lau­schen.

„Ich mag das Häss­li­che nicht“, hat Dois­neau ein­mal ge­sagt. „Nur das leicht Me­lan­cho­li­sche, das An­rüh­ren­de. Es sind die klei­nen Din­ge, die mich am meis­ten be­we­gen.“Dois­neau fo­to­gra­fiert fast im­mer in den Ban­lieues von Pa­ris, den Vo­r­or­ten mit ih­rer klein­bür­ger­li­chen Ku­lis­se, aus de­nen er selbst stammt. 1912 wur­de er im Süd­wes­ten von Pa­ris ge­bo­ren.

Mit 13 Jah­ren schon hat er das Li­tho­gra­fen-Hand­werk er­lernt, sei­ne ers­te Re­por­ta­ge galt ei­nem Floh­markt. Spä­ter, von 1934 bis 1939 war er fest an­ge­stell­ter Werk­fo­to­graf bei Re­nault. Als Agen­tu­ren auf sei­ne Bil­der auf­merk­sam wur­den, wech­sel­te er zur Agen­tur Ra­pho, um selb­stän­di­ger Bild­jour­na­list zu wer­den. Zwei Jah­re war er auch Mo­de­fo­to­graf für die Vo­gue, was we­nig zu ihm pass­te.

Sein Na­men ver­bin­det sich für im­mer mit den Fo­tos der Vo­r­or­te von Pa­ris. Mit der gro­ßen Frei­heit, her­ums­zu­strei­fen und sei­ne Mo­ti­ve zu su­chen und zu ent­de­cken. Er durch­streift mit sei­ner Rol­l­ei flex Pa­ris. Sei­ne Woh­nung im Stadt­teil Mon­trouge ist gleich­zei­tig sein Ate­lier, das La­bor ist im Ba­de­zim­mer, der Haus­meis­ter macht die Kon­takt­ab­zü­ge, küm­mert sich um die Kin­der, spielt Mo­dell und lie­fert spä­ter, als Dois­neau längst be­rühmt ist, die Fo­tos aus.

Die Aus­stel­lung all die­ser klei­ner Meis­ter­wer­ke kommt di­rekt aus Pa­ris, aus dem Stu­dio Dois­neau, das sich heu­te noch im al­ten Haus der Fa­mi­lie in Mon­trouge be­fin­det. Dort pfle­gen die bei­den Töch­ter sei­nen Nach­lass, der 350 000 Fo­to­gra­fi­en um­fasst. Im Zen­trum der Ber­li­ner Aus­stel­lung ste­hen Fo­tos der Kriegs­und Nach­kriegs­zeit aus den 1940er­und 1950er-Jah­ren.

Ro­bert Dois­neau, der 1994 starb, lieb­te die Men­schen, und die­ser Fun­ke springt über – ei­ne se­hens­wer­te Aus­stel­lung. Ro­bert Dois­neau – vom Hand­werk zur Kunst. Bis 5. März im Mar­tin-Gro­pi­us-Bau Berlin. Mi. bis Mo. 10 bis 19 Uhr, Di ge­schlos­sen.

FO­TO: RO­BERT DOIS­NEAU

„Le Bai­ser“ist Ro­bert Dois­ne­aus be­kann­tes­tes Fo­to.

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