Von der Ley­en in Af­gha­nis­tan

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin be­sucht deut­sche Sol­da­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Micha­el Fi­scher und Chris­ti­ne-Fe­li­ce Röhrs

KABUL/BER­LIN (AFP) - Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) hat kurz vor Weih­nach­ten deut­sche Sol­da­ten in Af­gha­nis­tan be­sucht. Im Feld­la­ger Ma­sa­ri-Scha­rif ge­dach­te sie am Don­ners­tag im Eh­ren­hain der Bun­des­wehr­sol­da­ten, die im Af­gha­nis­tan-Ein­satz ums Le­ben ge­kom­men sind.

Erst in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te der Bun­des­tag der Ver­län­ge­rung des Man­dats zur Teil­nah­me der Bun­des­wehr an dem in­ter­na­tio­na­len Ein­satz in Af­gha­nis­tan für ein wei­te­res Jahr bis En­de 2017 zu­ge­stimmt. Die Ober­gren­ze liegt da­bei un­ver­än­dert bei 980 Sol­da­ten. Deutsch­land nimmt an dem Na­to-ge­führ­ten Ein­satz Re­so­lu­te Sup­port teil, bei dem es vor al­lem um Aus­bil­dung, Be­ra­tung und Un­ter­stüt­zung der af­gha­ni­schen Si­cher­heits­kräf­te geht. In Ma­sar-iScha­rif hat­ten die Ta­li­ban-Kämp­fer im No­vem­ber das deut­sche Kon­su­lat an­ge­grif­fen und das Ge­bäu­de schwer be­schä­digt.

MA­SAR-I-SCHA­RIF (dpa) - Es gab Zei­ten, da ist der Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter al­le zwei Mo­na­te nach Af­gha­nis­tan ge­reist, um nach dem Rech­ten zu se­hen. Spä­ter wa­ren es al­le drei Mo­na­te, dann sank die Be­suchs­fre­quenz auf zwei Mal im Jahr. In­zwi­schen kommt die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin nur noch vor Weih­nach­ten vor­bei. Wie in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren steht sie am Don­ners­tag auf dem Ad­vents­markt des Camp Mar­mal, spricht mit Sol­da­ten.

Von der Ley­en war es wich­tig, trotz des An­schlags in Ber­lin nach Af­gha­nis­tan zu kom­men. Als am Mon­tag der Last­wa­gen in den Weih­nachts­markt ras­te und zwölf Men­schen star­ben, war sie im west­afri­ka­ni­schen Ma­li un­ter­wegs. Auf dem Rück­flug ent­schied sie sich da­für, trotz­dem nach Af­gha­nis­tan zu rei­sen – al­ler­dings mit klei­ner Pres­se­de­le­ga­ti­on und ver­kürz­tem Pro­gramm.

Der Be­such wirft ein sel­te­nes Schlag­licht auf ei­nen Ein­satz, der im­mer noch der größ­te der Bun­des­wehr ist. In Deutsch­land wird er aber kaum wahr­ge­nom­men. An­de­re Ein­sät­ze sind in den Vor­der­grund ge­tre­ten. In ih­rem Ta­ges­be­fehl zum Jah­res­en­de nennt von der Ley­en zu­erst Afri­ka, den Kampf ge­gen den Is­la­mi­schen Staat (IS) und die Ma­ri­ne-Ein­sät­ze im Mit­tel­meer. Af­gha­nis­tan wird erst spä­ter ge­nannt, ob­wohl es auch in die­sem Ein­satz um den Kampf ge­gen den Ter­ror und die Be­kämp­fung von Flucht­ur­sa­chen geht. Trau­er­fei­ern live im Fern­se­hen Frü­her war das an­ders. Da wa­ren noch mehr als 5000 Sol­da­ten am Hin­du­kusch. Stän­dig gab es Mel­dun­gen über An­schlä­ge auf Bun­des­wehr­pa­trouil­len, über Ge­fech­te, To­te und Ver­letz­te. Trau­er­fei­ern wur­den live im Fern­se­hen über­tra­gen. Im Bun­des­tag wur­de hef­tig über den Ein­satz ge­strit­ten und es gab De­bat­ten dar­über, wel­che Pan­zer und Ar­til­le­rie­ge­schüt­ze in den Ein­satz ge­hö­ren. Der Af­gha­nis­tan-Ein­satz hat die Bun­des­wehr und die Ge­sell­schaft ver­än­dert.

Und jetzt? „Wir wis­sen, dass sich in Deutsch­land nie­mand für uns in­ter­es­siert“, sagt ein Haupt­feld­we­bel im Camp Mar­mal. „Aber des­we­gen sind wir nicht hier. Wir wol­len den Men­schen hier hel­fen.“

Nach dem En­de des Kampf­ein­sat­zes vor zwei Jah­ren war die Trup­pe auf un­ter 1000 Sol­da­ten ge­schrumpft. Von den 800 Sol­da­ten, die jetzt in Ma­sar-i-Scha­rif sind, sind 37 für die Auf­ga­ben Be­ra­tung und Aus­bil­dung ab­ge­stellt. Die an­de­ren küm­mern sich um die Ver­wal­tung des Ein­sat­zes.

Da­bei ist das En­de der Ge­walt in Af­gha­nis­tan nicht nä­her ge­rückt – im Ge­gen­teil. Um 22 Pro­zent ist laut UN die Zahl der „be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen“2016 ge­gen­über 2015 an­ge­stie­gen (bis Ok­to­ber). Die Zahl der zi­vi­len Op­fer wächst wei­ter, die Kriegs­ver­trie­be­nen ge­hen in die Um 22 Pro­zent ist die Zahl der „be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen“in Af­gha­nis­tan 2016 ge­gen­über 2015 an­ge­stie­gen (bis Ok­to­ber) – der höchs­te Wert seit die Zäh­lung 2007 be­gon­nen hat. Das geht aus ei­nem Be­richt an den UN-Si­cher­heits­rat her­vor. Zwi­schen 16. Au­gust und 17. No­vem­ber sei­en 6261 „Si­cher­heits­vor­fäl­le“re­gis­triert wor­den. Zwar könn­ten die Re­gie­rungs­kräf­te al­le Pro­vinz­haupt­städ­te hal­ten, doch wür­den sie lan­des­weit von den Ta­li­ban her­aus­ge­for­dert. 8397 Af­gha­nen sind Hun­dert­tau­sen­de: Mit­te De­zem­ber sind es mit 580 000 Men­schen schon mehr als dop­pelt so vie­le wie zu An­fang des Jah­res noch be­fürch­tet. Ge­gen­den, die als recht si­cher gal­ten, sind es nicht mehr.

Im No­vem­ber hat­ten erst­mals seit lan­gem die Ta­li­ban wie­der Deut­sche an­ge­grif­fen. In Ma­sar-i-Scha­rif ver­such­ten sie, sich mit ei­nem Last­wa­gen vol­ler Spreng­stoff in das deut­sche Ge­ne­ral­kon­su­lat zu bom­ben. Sechs Men­schen wur­den ge­tö­tet, 128 2016 bis Ok­to­ber ge­tö­tet oder ver­letzt wor­den. 33 der 407 Be­zir­ke Af­gha­nis­tans ste­hen un­ter der Kon­trol­le oder dem Ein­fluss der Ta­li­ban. 116 wei­te­re Be­zir­ke sei­en um­kämpft, be­rich­te­te der Spe­zial­in­spek­teur des US-Se­nats für den Wie­der­auf­bau in Af­gha­nis­tan En­de Ok­to­ber. Da­mit sei­en nur noch rund 63 Pro­zent des Lan­des in Hän­den der Re­gie­rung. Mehr als 700 Luft­an­grif­fe sol­len die USA nach An­ga­ben aus Si­cher­heits­krei­sen 2016 auf Ta­li­ban und Ter­ror­mi­liz IS ge­flo­gen ha­ben. (dpa) ver­letzt. Der Knall war zwölf Ki­lo­me­ter weit zu hö­ren.

Erst 2013 war das Ge­ne­ral­kon­su­lat in ei­nem be­leb­ten Teil der Stadt er­öff­net wor­den. Als ein Sym­bol für die Wen­de vom Mi­li­tä­ri­schen zum Zi­vi­len war es ge­dacht. Jetzt zieht sich das Zi­vi­le wie­der ins Mi­li­tä­ri­sche zu­rück: Das Kon­su­lat liegt hin­ter den Mau­ern ei­nes Na­to-Feld­la­gers – ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on vor der Ge­walt.

Die mit von der Ley­en rei­sen­den Jour­na­lis­ten dür­fen die neue Be­hau­sung der Ver­tre­tung nicht se­hen. Es han­de­le sich um ei­nen „Hoch­si­cher­heits­be­reich“. Ei­gent­lich ist in ei­nem Kon­su­lat ganz nor­ma­ler Be­su­cher­ver­kehr zur Aus­ga­be von Vi­sa oder Päs­sen vor­ge­se­hen.

In ih­rer An­spra­che schlägt von der Ley­en den Bo­gen vom in­ter­na­tio­na­len Kampf ge­gen den Ter­ror zu den Er­eig­nis­sen in Ber­lin. „Sie ste­hen da­für ein, dass wir uns nicht un­ter­krie­gen las­sen vom Ter­ror, dass wir uns weh­ren, ge­gen die­je­ni­gen, die die Men­schen ter­ro­ri­sie­ren“, sagt sie. Die Sol­da­ten in Ma­sar-i-Scha­rif stimmt sie dar­auf ein, dass sie noch ei­ne Wei­le blei­ben müs­sen. „Es ist so viel er­reicht wor­den. Das dür­fen wir nicht da­durch ge­fähr­den, dass wir vor­schnell ab­zie­hen.“

FOTO: AFP

Ur­su­la von der Ley­en spricht bei ei­nem Kurz­be­such auf dem Stütz­punkt Camp Mar­mal in der Stadt Ma­sar-iScha­rif mit deut­schen und af­gha­ni­schen Ge­ne­rä­len.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.