Sil­ves­ter­schüt­ze ver­ur­teilt

Der Mann, der die Elf­jäh­ri­ge an Sil­ves­ter er­schoss, muss zwölf­ein­halb Jah­re hin­ter Git­ter

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von So­phie Rohr­mei­er

BAMBERG (dpa) - Der Mann, der in der Sil­ves­ter­nacht 2015/2016 die elf­jäh­ri­ge Ja­ni­na in Un­ter­fran­ken er­schoss, ist we­gen Mord zu zwölf Jah­ren und sechs Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt wor­den. Der 54-Jäh­ri­ge ha­be den El­tern den un­wie­der­bring­li­chen Ver­lust ih­res Kin­des zu­ge­fügt, sag­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter am Land­ge­richt Bamberg. In der Sil­ves­ter­nacht hat­te der Ver­ur­teil­te in ei­nem Dorf mit ei­nem Re­vol­ver in die Nacht ge­schos­sen und da­bei die Elf­jäh­ri­ge töd­lich ge­trof­fen.

BAMBERG (dpa) - Ja­ni­nas Mut­ter fi­xiert den Mann, der ih­re Toch­ter ge­tö­tet hat. Mit ei­ner Re­vol­ver­ku­gel, die er in die Nacht feu­ert – und die der elf­jäh­ri­gen Ja­ni­na in den Hin­ter­kopf dringt. Die Mut­ter ist nicht da­bei, als es pas­siert, in der Sil­ves­ter­nacht vor fast ei­nem Jahr in Fran­ken. Nun aber, im Pro­zess ge­gen den Schüt­zen, wen­det sie ih­ren Kopf im­mer wie­der die­sem Mann zu. Er er­wi­dert ih­ren Blick nicht – auch nicht nach dem Ur­teil.

Zwölf­ein­halb Jah­re soll der ge­lern­te Mau­rer ins Ge­fäng­nis – we­gen Mor­des. Da­zu ver­ur­teilt ihn das Land­ge­richt Bamberg am Don­ners­tag. Er ha­be den El­tern ei­nen un­wie­der­bring­li­chen Ver­lust zu­ge­fügt. Le­bens­lang be­kommt er nicht, weil das Ge­richt nicht aus­schlie­ßen kann, dass der kör­per­lich kran­ke und de­pres­si­ve Mann ver­min­dert schuld­fä­hig ist. Ja­ni­nas Mut­ter über den Ver­ur­teil­ten

Ei­nen Tag zu­vor sagt er mit ver­schränk­ten Hän­den vor dem Kör­per: „Ich bit­te die El­tern um Ver­zei­hung“– und blickt starr nach vor­ne zum Rich­ter. Die El­tern sieht er nicht an. Stil­le im Ge­richts­saal. „Das war's?“, fragt der Rich­ter. Das war's.

„Ich hof­fe, dass er es bis zum En­de sei­nes Le­bens be­reut und ihm be­wusst ist, was er uns an­ge­tan hat“, sagt Ja­ni­nas Mut­ter we­ni­ge St­un­den zu­vor. „Die Lü­cke wird sich nie schlie­ßen.“Sie sagt aus vor Ge­richt, spricht über den Kampf mit dem All­tag nach Ja­ni­nas Tod. Sie dreht ih­ren Kopf zum An­ge­klag­ten, er hält den sei­nen ge­senkt.

Ja­ni­nas Mut­ter trägt schwar­ze Klei­dung, wie an je­dem Ver­hand­lungs­tag. Wäh­rend der Ver­hand­lung bleibt sie meist ge­fasst – manch­mal aber er­trägt sie es nicht mehr, dann eilt sie aus dem Ge­richts­saal. Am vor­letz­ten Pro­zess­tag ist es dann der An­ge­klag­te, der weint. Aber nicht auf sei­nem Platz im Ge­richt. Statt­des­sen sieht man an der Saal­wand sei­ne Trä­nen, denn dort­hin wird ein Vi­deo pro­ji­ziert: von sei­ner Ver­neh­mung bei der Po­li­zei am 12. Ja­nu­ar. Er weint, weil die Spra­che auf sei­nen Sohn kommt.

Im Ge­richts­saal regt sich der Mann sel­ten. Rich­ter Schmidt hat Mü­he, ihm Ant­wor­ten zu ent­lo­cken. Auch in der Ver­neh­mung bei der Po­li­zei stren­gen sich die Be­am­ten an. Es geht um die Stra­ße, auf der Ja­ni­na fei­er­te. „Da hab’ ich frü­her auch ge­b­öl­lert“, sagt er. „Aber seit­dem der Sohn weg ist …“Er bricht ab. Sein Sohn ist heu­te 15 Jah­re alt und – so be­schrei­ben es Zeu­gen im Pro­zess – sein Ein und Al­les. Doch der Jun­ge lebt bei der Mut­ter, der Ex-Le­bens­ge­fähr­tin, seit die­se sich vom Va­ter En­de 2010 ge­trennt hat.

Der 54-Jäh­ri­ge, seit Jah­ren kör­per­lich krank und de­pres­siv, ist am Sil­ves­ter­abend al­lein. Er schläft vor dem Fern­se­her ein, nach­dem er sei­ne Schmerz- und Schlaf­mit­tel ge­nom­men hat. Doch er schläft nicht durch, kann Sil­ves­ter nicht ver­schla­fen. Das Ge­b­öl­ler der Nach­barn vor sei­nem Haus weckt ihn. Vor dem Haus, das er für sei­ne Fa­mi­lie ge­baut hat­te. Ein Schuss aus Är­ger In Jog­ging­ho­se und Haus­schu­hen geht er in den Kel­ler, nimmt ei­ne sei­ner vier Waf­fen, ei­nen Re­vol­ver, lädt ihn und geht in den Gar­ten. Hin­ten­rum, da­mit ihn die Men­schen auf der Stra­ße nicht se­hen kön­nen. Da steht er im Dun­keln – und feu­ert. Er sagt: in Rich­tung Wald, nach oben, nicht auf Men­schen. Der Rich­ter sagt: auf die Fei­ern­den, zu­min­dest mit ei­nem Schuss. Heim­tü­ckisch und aus Är­ger.

„Jetzt ist al­les ka­putt“, sagt der Be­schul­dig­te bei der Ver­neh­mung. In den Ta­gen nach den Schüs­sen ge­steht er nicht, ob­wohl die Po­li­zei ihn be­fragt. Er ha­be, er­klärt er spä­ter, im­mer ge­hofft, dass es nicht sein Schuss war, der Ja­ni­na ge­tö­tet hat. Er schweigt. „Aus Angst vor Kon­se­quen­zen für sich selbst“, wirft ihm der Ober­staats­an­walt vor. „Schlicht, weil er zu fei­ge ist“, be­tont er.

„Wir ge­hen nicht da­von aus, dass er kei­ne Reue hat“, sagt der Vor­sit­zen­de Rich­ter in sei­ner Ur­teils­be­grün­dung. „Wir hal­ten ihn auch nicht für ei­nen eis­kal­ten Men­schen.“Den­noch hat er ei­nem Kind das Le­ben ge­nom­men.

„Ich hof­fe, dass er es bis zum En­de sei­nes Le­bens be­reut.“

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FOTO: DPA

An ei­nem Kreuz in Un­ter­schleichach in Fran­ken zün­den Men­schen Lich­ter an zum Ge­den­ken an die elf­jäh­ri­ge Ja­ni­na.

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