Ex­per­te re­fe­riert über Jah­res­gut­ach­ten der Wirt­schafts­wei­sen

De­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung sei in Deutsch­land be­son­ders un­güns­tig – Wirt­schafts­wei­se emp­feh­len grund­le­gen­de Re­for­men

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SIGMARINGEN -

SIGMARINGEN/ALBSTADT (sz) - Se­bas­ti­an Breu­er, Re­fe­rent im wis­sen­schaft­li­chen Stab des Sach­ver­stän­di­gen­rats zur Be­gut­ach­tung der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, hat an der Hoch­schu­le das ak­tu­el­le Jah­res­gut­ach­ten „Zeit für Re­for­men“vor­ge­stellt. Dar­in plä­die­ren die fünf Wirt­schafts­wei­sen für Re­for­men in der Geld-, Haus­halts-, Ren­ten- und EU-Po­li­tik. Or­ga­ni­siert wur­de der Vor­trag von Prof. Dr. Mat­thi­as Pre­mer, Pro­rek­tor For­schung und Pro­fes­sor für Volks­wirt­schafts­leh­re im Stu­di­en­be­reich Be­triebs­wirt­schafts­leh­re.

Ins­ge­samt ge­he es der deut­schen Wirtschaft gut, sag­te Breu­er. Die Ar­beits­lo­sen­zah­len be­fän­den sich auf ei­nem Re­kord­tief, die deut­sche Wirtschaft sei im Auf­schwung und das Preis­ni­veau sta­bil. Doch die gu­te wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jah­re in Deutsch­land und den meis­ten Tei­len des Eu­ro-Raums sieht der Rat im We­sent­li­chen als ein Er­geb­nis der Geld­po­li­tik der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB). „Es sind mehr Struk­tur­re­for­men nö­tig, da­mit das Wachs­tum lang­fris­tig er­hal­ten bleibt“, sag­te Breu­er. Der Sach­ver­stän­di­gen­rat emp­feh­le, die ge­won­ne­nen Mit­tel nach­hal­ti­ger zu ver­wen­den: „Es wä­re schön, wenn die Län­der die güns­ti­ge Si­tua­ti­on nut­zen, um ih­re Haus­hal­te zu kon­so­li­die­ren.“ Hand­lungs­be­darf bei den Ban­ken Als wei­te­rer Schwer­punkt wur­de die Ent­schei­dung der Bri­ten zum EUAus­tritt dis­ku­tiert. Kurz­fris­ti­ge Fol­gen des Br­ex­it­vo­tums wer­te der Rat als mo­de­rat, lang­fris­ti­ge Fol­gen sei­en ab­hän­gig von der Gestal­tung der wirt­schaft­li­chen Beziehungen zwi­schen der EU und Groß­bri­tan­ni­en. Hier dür­fe sich Groß­bri­tan­ni­en nicht nur die Ro­si­nen her­aus­pi­cken, sag­te Breu­er. Wich­tig sei au­ßer­dem zu ver­hin­dern, dass das Mo­dell Schu­le ma­che. Um zu ver­hin­dern, dass die Men­schen sich zu­rück­ge­las­sen und von Brüssel fremd­be­stimmt füh­len, emp­fiehlt der Sach­ver­stän­di­gen­rat die Eu­ro­päi­sie­rung zu ent­schleu­ni­gen, das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip der ein­zel­nen Staa­ten zu stär­ken so­wie die EU-Fi­nan­zen neu zu ord­nen. Zu­dem sei es wich­tig, die wich­tigs­ten Vor­zü­ge der EU – Frie­den und Wohl­stand – bes­ser zu kom­mu­ni­zie­ren.

Hand­lungs­be­darf sieht der Sach­ver­stän­di­gen­rat auch im Ban­ken­sek­tor. „Das eu­ro­päi­sche Ban­ken­sys­tem ist im­mer noch in­sta­bil“, sag­te Breu­er. Vie­le Ban­ken sei­en nicht hin­rei­chend ka­pi­ta­li­siert. Ein ele­men­ta­res Pro­blem sei­en die so­ge­nann­ten not­lei­den­den Kre­di­te, al­so sol­che, die ab­ge­schrie­ben wer­den müss­ten, aber nicht ab­ge­schrie­ben wer­den, um ei­nen po­si­ti­ven Buch­wert zu be­hal­ten. Um dies zu ver­hin­dern, emp­fiehlt der Rat, die Ei­gen­ka­pi­tal­quo­te auf min­des­tens fünf Pro­zent zu er­hö­hen. Sys­tem­re­le­van­te Ban­ken soll­ten so­gar noch hö­he­ren Quo­ten un­ter­lie­gen. Zu­dem müs­se das Pro­blem der not­lei­den­den Kre­di­te ins­ge­samt an­ge­gan­gen wer­den.

In der an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on wur­de auch die Ent­wick­lung der Ren­te aus Sicht des Sach­ver­stän­di­gen­rats be­leuch­tet. Die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung in Deutsch­land sei be­son­ders un­güns­tig, sag­te Breu­er. Im Jahr 2050 stün­den 100 Per­so­nen im Al­ter von 20 bis 64 Jah­ren et­wa 60 Rent­nern ge­gen­über. Öf­fent­li­che Fi­nan­zen könn­ten das un­mög­lich tra­gen. Um die Ren­te auf gleich­blei­ben­dem Ni­veau zu hal­ten, er­ach­te der Sach­ver­stän­di­gen­rat da­her ei­ne suk­zes­si­ve Er­hö­hung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters bis 2080 auf 71 Jah­re als un­um­gäng­lich.

FOTO: HOCH­SCHU­LE

Se­bas­ti­an Breu­er (links) re­fe­riert auf Ein­la­dung von Prof. Dr. Mat­thi­as Pre­mer an der Hoch­schu­le.

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