Mer­kel will bes­se­re Si­cher­heits­po­li­tik

De­bat­ten nach dem Tod des mut­maß­li­chen Ber­lin-At­ten­tä­ters Anis Am­ri bei Mai­land

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Ras­mus Buch­stei­ner, Le­na Klim­keit (dpa) und To­bi­as Schmidt

BER­LIN (AFP/dpa) - Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) will nach dem Weih­nachts­markt-An­schlag die bis­he­ri­ge Si­cher­heits­po­li­tik schnell und um­fas­send über­prü­fen. Der Fall des von der ita­lie­ni­schen Po­li­zei ge­tö­te­ten tat­ver­däch­ti­gen Tu­ne­si­ers Anis Am­ri wer­fe „ei­ne Rei­he von Fra­gen auf“, sag­te Mer­kel am Frei­tag in Ber­lin. Sie dräng­te dar­auf, Ab­schie­bun­gen nach Tu­ne­si­en „deut­lich“zu be­schleu­ni­gen und zu er­hö­hen.

Sie ha­be Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) und Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) ge­be­ten, in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Bun­des­kanz­ler­amt, den Si­cher­heits­be­hör­den und den Bun­des­län­dern „je­den Aspekt“des Falls zu ana­ly­sie­ren, sag­te Mer­kel. „Wir wer­den jetzt mit Nach­druck prü­fen, in­wie­weit staat­li­che Maß­nah­men ver­än­dert wer­den müs­sen.“Dort, wo Be­darf für po­li­ti­sche und ge­setz­li­che Ve­rän­de­run­gen ge­se­hen wer­de, „wer­den wir not­wen­di­ge Maß­nah­men in der Bun­des­re­gie­rung zü­gig ver­ab­re­den und um­set­zen“, kün­dig­te die Kanz­le­rin an.

Auch de Mai­ziè­re sag­te, nach dem Tod des mut­maß­li­chen At­ten­tä­ters sei „jetzt auch die Zeit ge­kom­men, um über Kon­se­quen­zen zu re­den“. Da­zu wer­de er sich „sehr bald“mit Maas tref­fen. Der In­nen­mi­nis­ter wies dar­auf hin, dass er be­reits vor ei­ni­ger Zeit Ge­set­zes­vor­schlä­ge zur leich­te­ren Ab­schie­bung so­ge­nann­ter Ge­fähr­der so­wie für stren­ge­re Re­geln im Um­gang mit ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern vor­ge­legt ha­be. Zu­dem kön­ne es um das Durch­set­zen von Wohn­sitz­auf­la­gen ge­hen. Auch Maas sprach von Be­ra­tun­gen, die „sehr zü­gig im Ja­nu­ar“statt­fin­den soll­ten. Da­bei wer­de es „ins­be­son­de­re um die Fra­gen ge­hen, wie Aus­rei­se­pflich­ti­ge so schnell wie mög­lich ab­ge­scho­ben wer­den und wie Ge­fähr­der noch bes­ser über­wacht wer­den kön­nen“, sag­te auch er. „Klar ist: Un­se­re Si­cher­heit und un­se­re Frei­heit müs­sen wir mit al­len zur Ver­fü­gung ste­hen­den rechts­staat­li­chen Mit­teln schüt­zen“, be­ton­te der SPDPo­li­ti­ker.

Der Tu­ne­si­er Am­ri war in der Nacht zum Frei­tag bei Mai­land bei ei­nem Schuss­wech­sel mit der Po­li­zei ge­tö­tet wor­den. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen hat­te es im­mer wie­der kri­ti­sche Fra­gen ge­ge­ben, war­um er sich, ob­wohl er als Ge­fähr­der ein­ge­stuft und ihm ein Wohn­sitz in Nord­rheinWest­fa­len zu­ge­wie­sen war, re­la­tiv un­ge­hin­dert in Deutsch­land be­we­gen konn­te und war­um es nicht ge­lang, ihn nach sei­ner Ab­leh­nung als Asyl­be­wer­ber ab­zu­schie­ben. Vor al­lem aus den Rei­hen von CDU/CSU und AfD wur­den des­we­gen Ge­set­zes­ver­schär­fun­gen ge­for­dert.

Das IS-Sprach­rohr Amak ver­öf­fent­lich­te am Frei­tag ein Vi­deo, auf dem der mut­maß­li­che Ber­lin-At­ten­tä­ter zu se­hen sein soll. In der knapp drei­mi­nü­ti­gen Auf­nah­me schwört Am­ri dem An­füh­rer der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS), Abu Ba­kr alBag­da­di, die Treue. Die Echt­heit des Vi­de­os, das in Ber­lin auf­ge­nom­men wor­den sein könn­te, konn­te zu­nächst nicht un­ab­hän­gig be­stä­tigt wer­den.

ROM - Die eu­ro­pa­wei­te Fahn­dung nach dem Ter­ror­ver­däch­ti­gen Amis Am­ri ist zu En­de. Der 24-jäh­ri­ge Tu­ne­si­er wur­de in der Nä­he von Mai­land von ei­nem ita­lie­ni­schen Po­li­zis­ten er­schos­sen. Die Er­mitt­lun­gen wer­den auch nach sei­nem Tod wei­ter­ge­hen.

Es ist mit­ten in der Nacht in Ses­to San Gio­van­ni. 25 Mi­nu­ten braucht man von hier aus mit der Me­tro nach Mai­land. Zwei Po­li­zis­ten schie­ben in der Nä­he des Bahn­hofs der 80 000Ein­woh­ner-Stadt Wa­che. Da fällt Lu­ca Sca­tà und Chris­ti­an Mo­vio ein Mann auf. Sie fra­gen ihn nach sei­nen Pa­pie­ren. Dann geht al­les schnell: Statt ei­nes Aus­wei­ses zieht der Mann ei­ne Pis­to­le, schießt, die Po­li­zis­ten feu­ern zu­rück. Und tö­ten den mut­maß­li­chen At­ten­tä­ter von Ber­lin.

Am­ri soll am Mon­tag auf dem Weih­nachts­markt am Breit­scheid­platz ei­nen Last­wa­gen in ei­ne Men­schen­men­ge ge­lenkt ha­ben. Min­des­tens zwölf Men­schen star­ben da­bei. Am­ri setz­te sich un­be­hel­ligt mit dem Zug ab, erst nach Frank­reich, dann nach Ita­li­en. Jetzt wur­de er von zwei Po­li­zis­ten im Al­ter von 29 be­zie­hungs­wei­se 36 Jah­ren ge­stoppt – die bei­den wer­den jetzt nicht nur in Ita­li­en wie Hel­den ge­fei­ert. Ita­li­ens Prä­si­dent lässt Grü­ße aus­rich­ten, der Pre­mier­mi­nis­ter dankt, der In­nen­mi­nis­ter ruft die Po­li­zis­ten an, der Mai­län­der Po­li­zei­prä­si­dent lobt. Vor­bild­lich, pro­fes­sio­nell, pflicht­be­wusst, mu­tig hät­ten sich die bei­den ver­hal­ten. Die Ber­li­ner Po­li­zei schreibt auf Twit­ter „Gra­zie“an die bei­den Po­li­zis­ten.

Der 29-jäh­ri­ge Sca­tà ist über­ein­stim­men­den Me­dien­be­rich­te zu­fol­ge erst seit neun Mo­na­ten als Po­li­zist auf Pro­be im Di­enst. Sein Kol­le­ge Mo­vio ist auf dem Weg der Bes­se­rung. Ein Pro­jek­til aus Am­ris 22-Ka­li­ber-Pis­to­le traf ihn an der Schul­ter. Er muss­te ope­riert wer­den, schweb­te aber nicht in Le­bens­ge­fahr. Ra­sche Kon­se­quen­zen an­ge­kün­digt Auch Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel dankt den Si­cher­heits­be­hör­den, Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re zeigt sich er­leich­tert, weil von Am­ri kei­ne Ge­fahr mehr aus­ge­he. Mer­kel (CDU) kün­dig­te an, sie wer­de Kon­se­quen­zen aus dem Weih­nachts­markt-An­schlag in Ber­lin zü­gig prü­fen. Der Fall wer­fe „ei­ne Rei­he von Fra­gen auf“. De Mai­ziè­re (CDU) und Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) be­auf­trag­te sie, „je­den Aspekt“des Falls zu ana­ly­sie­ren und „bald­mög­lichst“Er­geb­nis­se vor­zu­le­gen, um dann han­deln zu kön­nen.

Als ei­ne der ers­ten Kon­se­quen­zen pocht Mer­kel auf schnel­le­re Ab­schie­bun­gen nach Tu­ne­si­en, wo der mut­maß­li­che At­ten­tä­ter her­kam. Dar­über ha­be sie mit dem tu­ne­si­schen Prä­si­den­ten Be­ji Caid Es­sebsi am Te­le­fon ge­spro­chen. Die Wei­ge­rung der Re­gie­rung in Tu­nis, Am­ri ei­nen Aus­weis aus­zu­stel­len, hat­te im Som­mer zu sei­ner Frei­las­sung aus der Ab­schie­be­haft ge­führt. De Mai­ziè­re ver­weist auf ei­nen im Ok­to­ber vor­ge­leg­ten Ent­wurf sei­nes Hau­ses, wo­nach aus­rei­se­pflich­ti­ge Aus­län­der, von de­nen ei­ne Ge­fahr für die öf­fent­li­che Si­cher­heit aus­geht, in Haft ge­nom­men kön­nen wer­den sol­len. Die Wei­ge­rung ei­nes Her­kunfts­staa­tes wür­de laut Ent­wurf in Zu­kunft nicht mehr zu ei­ner Dul­dung füh­ren. Wei­te­re Vor­schlä­ge wer­den dis­ku­tiert – et­wa die elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel für Ge­fähr­der.

In Ita­li­en schließt sich für Am­ri der Kreis zu sei­ner Ver­gan­gen­heit in Eu­ro­pa. Dort war er 2011 als Flücht­ling an­ge­kom­men, gab sich als Min­der­jäh­ri­ger aus, wur­de we­gen ver­schie­de­ner Ge­walt­ta­ten ver­haf­tet und kam ins Ge­fäng­nis. An­geb­lich woll­te er am Frei­tag von Mai­land nach Sü­dita­li­en wei­ter­rei­sen, be­rich­te­ten Me­di­en. Dort war er, be­vor er das Land ver­las­sen muss­te und sich auf den Weg nach Deutsch­land mach­te.

Nach Ita­li­en ein­ge­reist war Am­ri mit ei­nem Zug von Frank­reich aus. Er kam aus Cham­bé­ry nach Tu­rin in der ita­lie­ni­schen Re­gi­on Pie­mont. Von dort nahm er die Bahn nach Mai­land, wo er in der Nacht zum Frei­tag am Haupt­bahn­hof an­kam. Dar­auf ha­be er sich zum Bahn­hof Ses­to San Gio­van­ni be­ge­ben.

FO­TO: IMA­GO

In der Nä­he des Bahn­hofs der ita­lie­ni­schen Stadt Ses­to San Gio­van­ni un­ter­su­chen Be­am­te der Spu­ren­si­che­rung den Tat­ort. Hier starb der mut­maß­li­che At­ten­tä­ter Anis Am­ri nach ei­nem Schuss­wech­sel mit der Po­li­zei.

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