Im Stall ge­bo­ren

Ei­ne Aus­stel­lung im Frank­fur­ter Lie­bieg­haus zeigt die Weih­nachts­ge­schich­te und ih­re schil­lern­de Bil­der­welt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - (wa­vo)

Für die al­ten Meis­ter war die Ge­burt Chris­ti im Stall von Beth­le­hem nichts Abs­trak­tes. Wie hier auf ei­nem spät­go­ti­schen Al­tar­bild um 1500 in der evan­ge­li­schen Pfarr­kir­che „St. Ma­ria, Pe­ter und Paul“von Mäh­rin­gen bei Ulm (Fo­to: Ro­land Rase­mann) schil­der­ten sie die Sze­ne vol­ler Er­zähl­freu­de und De­tail­ver­liebt­heit: Ma­ria und Jo­sef in die An­be­tung des neu­ge­bo­re­nen Got­tes­soh­nes ver­sun­ken, Hir­ten im ei­li­gen An­marsch, Ochs und Esel ganz Ohr, und dar­über wölbt sich der Him­mel, aus dem En­gel die Froh­bot­schaft ver­kün­den. Wie die Künst­ler des Mit­tel­al­ters das Weih­nachts­ge­sche­hen sa­hen, ist auch The­ma auf der heu­ti­gen Kul­tur­sei­te.

K ann ein Hei­li­ger ei­ne Rand­fi­gur sein? Jo­seph war es. Wenn der Nähr­va­ter Je­su in den Weih­nachts­dar­stel­lun­gen des Hoch­mit­tel­al­ters auf­tauch­te, so blieb er un­schein­bar im Hin­ter­grund, al­len­falls grü­belnd, was da ei­gent­lich um ihn her­um ab­ging. Aber war­um wur­de er dann für die Künst­ler nach 1400 zu­se­hends zum Ak­tiv­pos­ten? Koch­te Brei für den Säug­ling? Trock­ne­te Win­deln am Feu­er? Zeig­te mo­der­ne Haus­mann-Qua­li­tä­ten? Fra­gen über Fra­gen. Ant­wor­ten gibt ei­ne zau­ber­haf­te Aus­stel­lung im Frank­fur­ter Lie­bieg­haus. „Hei­li­ge Nacht – Die Weih­nachts­ge­schich­te und ih­re Bil­der­welt“lässt uns das schein­bar so ver­trau­te Ge­sche­hen von der Ver­kün­di­gung über die Ge­burt im Stall bis zur Flucht nach Ägyp­ten neu er­le­ben. Und wer es nicht mehr schafft nach Frank­furt, kann sich über ein fei­nes Ka­ta­log­buch freu­en.

Auch Weih­nach­ten ist im Neu­en Tes­ta­ment ei­ne Ran­der­schei­nung. Al­le vier Evan­ge­li­en wur­den ein­deu­tig auf den Op­fer­tod des Got­tes­soh­nes zur Er­lö­sung der Mensch­heit hin ge­schrie­ben. Wenn der An­fang von Je­su Da­sein auf Er­den auf­tauch­te, dann al­len­falls zur De­mons­tra­ti­on der Ein­ma­lig­keit die­ser Ge­burt aus der von Gott er­wähl­ten Jung­frau Ma­ria. Mar­kus und Jo­han­nes lie­ßen die Kind­heits­ge­schich­te gleich ganz weg. Aber was Mat­thä­us und Lu­kas be­rich­te­ten, war letzt­lich auch recht karg und we­nig taug­lich zum Be­flü­geln der Vor­stel­lungs­kraft.

Ab­hil­fe schu­fen da erst die so­ge­nann­ten Apo­kry­phen, die zwar nicht in die Hei­li­ge Schrift auf­ge­nom­men wur­den, aber die Vor­gän­ge rund um die Ge­burt lie­be­voll aus­schmück­ten – mit enor­mer Wir­kung. Da­zu ka­men dann noch Tex­te des Mit­tel­al­ters, bei de­nen sich re­li­giö­ser Ei­fer und vi­sio­nä­rer Wun­der­glau­ben, Er­zähl­freu­de und De­tail­ver­liebt­heit aufs Frucht­bars­te misch­ten.

Ein schil­lern­des Ge­spinst. Beim Ent­wir­ren hilft uns Aus­stel­lungs­ma­cher Ste­fan Rol­ler. Rund 100 Hoch­ka­rä­ter an Ge­mäl­den, Gra­fi­ken, Skulp­tu­ren und Ma­nu­skrip­ten hat er sich aus 40 Samm­lun­gen be­sorgt – un­ter an­de­rem aus dem New Yor­ker Me­tro­po­li­tan, dem Lou­vre und dem Va­ti­kan – und vor Wän­den in no­blen Blau­tö­nen zu ei­nem an­re­gen­den Par­cours grup­piert. Zwar wird ge­nau der bi­bli­schen Chro­no­lo­gie ge­folgt, und – mit Aus­nah­me von zwei gro­ßen Krip­pen aus dem 18. und 19. Jahr­hun­dert – ist auch nur Mit­tel­al­ter­li­ches zu se­hen. Aber von Ein­tö­nig­keit kei­ne Spur.

Dass ei­ne pracht­vol­le „Ver­kün­di­gung“aus Ulm von Jörg Sto­cker und Mar­tin Schaff­ner (1496/99) den Auf­takt macht, kommt wohl nicht von un­ge­fähr – Rol­ler war vor sei­nem Weg­gang nach Frank­furt 2006 ei­ni­ge Jah­re Mit­tel­al­ter­ku­ra­tor am Ul­mer Mu­se­um. We­ni­ger gut er­hal­ten ist ei­ne et­was äl­te­re Schnitz­ar­beit vom Nie­der­rhein. Aber sie lässt doch die Ge­wis­sen­spein des Jo­seph er­ah­nen: Wie soll er sich die­se Schwan­ger­schaft vom Hei­li­gen Geist zu­sam­men­rei­men? Da packt er lie­ber sein Bün­del und geht.

Über­haupt die­se Schwan­ger­schaft: Bei ei­ner aus Reut­lin­gen ge­hol­ten Heim­su­chung kurz nach 1400 ste­hen die bei­den an­ge­hen­den Müt­ter, Ma­ria und ih­re Ba­se Eli­sa­beth, viel­sa­gend Bauch an Bauch. Und was bei Dü­rers gran­dio­sem Kup­fer­stich von 1503 un­ter wal­len­den Ge­wän­dern nur zu ah­nen ist, legt ein Meis­ter aus Krems­müns­ter auf sei­nem et­was äl­te­ren Ge­mäl­de mit Rönt­gen­blick of­fen: Da sit­zen sich zwei nack­te Knäb­lein in gol­de­nen Frucht­bla­sen ge­gen­über – und der klei­ne Jo­han­nes beugt jetzt schon die Knie vor sei­nem gött­li­chen Vet­ter Je­sus. Bir­git­ta von Schwe­den als Qu­el­le der In­spi­ra­ti­on Bei der Sze­ne der Ge­burt in Beth­le­hem herrsch­te lan­ge Zeit ei­ne star­re Re­gie. Die Kunst des Os­tens gab die Rich­tung vor, und Ita­li­en über­nahm sie: Ma­ria im Wo­chen­bett, Jo­seph an die Sei­te ge­rückt, das Kind ge­trennt da­von in ei­ner Krip­pe, na­he­zu oh­ne In­ter­ak­ti­on. Aber schon die Höh­le, in der die Ge­burt an­geb­lich statt­fand, war ei­ne Zu­ga­be aus den Apo­kry­phen, eben­so Ochs und Esel. Sie ver­dan­ken ihr Er­schei­nen in der Höh­le oder dann, nach nor­di­scher Tra­di­ti­on, im Stall ei­ner Stel­le aus dem Pro­phe­ten Je­sa­ja (1,3). Aus ihr wur­de die ernst­haf­te Mah­nung an Is­ra­el her­aus­ge­le­sen, ge­fäl­ligst an die Ge­burt des Er­lö­sers zu glau­ben. Wie die bei­den Tie­re aber nun Wacht hal­ten an der Krip­pe, das hat schon gen­re­haf­te Zü­ge.

Vol­l­ends gen­re­haft wird es dann nach 1400. Von größ­tem Ein­fluss ist zu­nächst ei­ne Vi­si­on der hei­li­gen Bir­git­ta von Schwe­den. Die ad­li­ge Mys­ti­ke­rin hat­te 1372, kurz vor ih­rem Tod, auf ei­ner Beth­le­hem-Rei­se ein Ge­sicht. Die Got­tes­mut­ter sei ihr er­schie­nen und ha­be ihr die Ge­burt ge­nau be­schrie­ben: wie sie in Win­des­ei­le nie­der­kam, wie sie an­be­tend vor dem Kind auf die Knie sank, und wie von dem klei­nen Je­sus am Bo­den ein glei­ßen­des Licht aus­ging. Das war fort­an die Blau­pau­se für die Künst­ler. Wenn sich der En­gel auf Hans Bal­dung Gri­ens un­heim­li­chem Ge­mäl­de um 1525/30 wie ge­blen­det von dem strah­len­den Kind weg­dreht, so ist das Bir­git­ta pur.

Es wur­de al­so Nacht im Stall, ein Ge­drän­ge von put­zi­gen En­geln und neu­gie­ri­gen Hir­ten setz­te ein, das Ge­sche­hen be­kam ei­ne zu­vor kaum ge­kann­te in­ti­me No­te. Das zu­neh­mend städ­ti­sche Pu­bli­kum vor der Re­for­ma­ti­on wuss­te dies wohl zu schät­zen. Und so ver­wun­dert es nicht, dass die Künst­ler ih­rer Fa­bu­lier­lust die Zü­gel schie­ßen lie­ßen und die Christ­ge­burt durch All­tags­sze­nen an­rei­cher­ten – bis hin zum treu­sor­gen­den Jo­seph mit dem Koch­topf. Bei den Hei­li­gen Drei Kö­ni­gen herrscht Prunk Nichts wird aus­ge­las­sen bei die­sem Weih­nachts­rap­port: An­hand ge­schickt aus­ge­wähl­ter Ex­po­na­te le­ben die Bräu­che rund um die kunst­voll ge­stal­te­ten Je­su­lein-Fi­gu­ren und die Chris­tus­kind-Wie­gen auf, die sich als emo­tio­na­ler Er­satz in den Frau­en­k­lös­tern größ­ter Be­liebt­heit er­freu­ten. Bei ei­ner „Be­schnei­dung“aus Nürn­berg um 1450 läuft fein das Blut vom Mes­ser – und der ar­me Je­sus­kna­be fi­xiert uns ängst­lich. Aber das ist noch gar nichts ge­gen die schier un­er­träg­li­che Dras­tik, die Jan Pol­lack uns Heu­ti­gen mit sei­nem „Beth­le­mi­ti­schen Kin­der­mord“um 1490 zu­mu­tet: mord­lus­ti­ge Knech­te und zer­stü­ckel­te Ba­by­lei­chen auf den Pa­last­flie­sen – bru­ta­ler noch, als je­ne Zeit oh­ne­hin war.

Bei den Ge­schich­ten rund um die Hei­li­gen Drei Kö­ni­ge setzt dann noch ein­mal ein gro­ßes Schau­lau­fen der al­ten Meis­ter ein. Vor al­lem die Spät­go­tik ließ sich den Prunk der ori­en­ta­li­schen Herr­scher nicht ent­ge­hen, die an­fäng­lich ja nur schlich­te Stern­deu­ter ge­we­sen wa­ren.

Wie sehr die au­ßer­bi­bli­schen, wun­der­se­li­gen Le­gen­den zur fan­ta­sie­vol­len Aus­schmü­ckung der nüch­ter­nen Vor­la­ge reiz­ten, ma­chen schließ­lich ei­ni­ge Kunst­wer­ke zur „Flucht nach Ägyp­ten“klar: Da ist der bril­lan­te Kup­fer­stich von Mar­tin Schon­gau­er um 1470, da­ne­ben ei­ne nicht min­der bril­lan­te Ko­pie in Lin­den­holz um 1500 aus Wi­en. Und was se­hen wir? Jo­seph so­wie Ma­ria und Kind auf dem Esel, und dar­über En­gel, die Palm­zwei­ge nach un­ten bie­gen. War­um? Da­mit das Je­su­lein – wie ge­wünscht – sei­ne Dat­teln be­kommt.

Zu­rück auf Start: In den zar­ten Zü­gen der Ma­ria der Ul­mer „Ver­kün­di­gung“spie­gelt sich schon die lei­se Ah­nung, was ihr Wun­der­sa­mes zu­sto­ßen wird. Und wir er­le­ben es mit. In­fo: Bis 29. Ja­nu­ar 2017 im Lie­bieg­haus, Frank­furt. www.lie­bieg­haus.de. Aus­stel­lungs­ka­ta­log 34,90 Eu­ro, als Hard­co­ver im Buch­han­del (Hir­mer Ver­lag) 45 Eu­ro.

FO­TO: UL­MER MU­SE­UM

Jo­seph kocht ei­nen Brei, und der En­gel da­hin­ter trock­net ei­ne Win­del am Feu­er. Le­bens­na­her kann man das Ge­sche­hen der Christ­nacht kaum schil­dern als auf die­sem Al­tar, den man aus dem Ul­mer Mu­se­um nach Frank­furt ge­holt hat. Um 1510 ge­schaf­fen, stand er ur­sprüng­lich im Kar­täu­ser­klos­ter Bux­heim bei Mem­min­gen.

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