Weih­nach­ten im Irak

Spen­den­ak­ti­on der „Schwä­bi­schen Zei­tung“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Chris­toph Plate, Erbil

ERBIL (sz) - Ma­ri­us ist ein sechs­jäh­ri­ger Jun­ge in ei­nem Flücht­lings­la­ger im Nord­irak. Er ge­hört zur christ­li­chen Min­der­heit, sei­ne Fa­mi­lie muss­te vor den Ter­ro­ris­ten des Is­la­mi­schen Staa­tes flie­hen.

Wie die Chris­ten im Irak frü­her Weih­nach­ten ge­fei­ert ha­ben, das hat sei­ne Groß­mut­ter dem Jun­gen Ma­ri­us er­zählt. Eben­so wie die Chris­ten hof­fen auch die Je­si­den, ei­ne wei­te­re Min­der­heit im Nord­irak, auf ei­ne Rück­kehr in ih­re Hei­mat­or­te, aus de­nen sie vor zwei Jah­ren vom IS ver­trie­ben wur­den.

Die „Schwä­bi­sche Zei­tung“un­ter­stützt mit ih­rer dies­jäh­ri­gen Weih­nachts­spen­den­ak­ti­on sol­che Min­der­hei­ten, in­dem sie in ei­nem Flücht­lings­camp Wohn­mög­lich­kei­ten schafft.

W as Weih­nach­ten ist, ja, das weiß Ma­ri­us. Der Sechs­jäh­ri­ge mit dem fei­nen schwar­zen Haar sitzt im Wohn­con­tai­ner sei­ner Groß­mut­ter und sagt: „Weih­nach­ten, das ist der Ge­burts­tag von Je­sus Chris­tus.“Ma­ri­us sagt das auf Ara­mä­isch, der ur­al­ten Spra­che der Chris­ten im Na­hen Os­ten. Eben je­ner Spra­che, die auch einst Je­sus Chris­tus ge­brauch­te.

Ver­gan­ge­nes Jahr war das Weih­nachts­fest hier im Flücht­lings­la­ger An­ka­wa II am Ran­de der ira­ki­schen Stadt Erbil für Ma­ri­us wirk­lich nichts Be­son­de­res. Ma­ri­us weiß noch, dass die Kin­der Spiel­zeug ge­schenkt be­ka­men, das sich sei­ne El­tern und die Groß­el­tern vom Mun­de ab­ge­spart hat­ten.

Frü­her war Weih­nach­ten an­ders. Aber Ma­ri­us kann sich dar­an nicht mehr er­in­nern. Sei­ne Groß­mut­ter er­zählt ihm im­mer vom Le­ben in Ka­ra­kosch und dass es da­mals wun­der­bar ge­we­sen sei. Be­son­ders eben an Weih­nach­ten. Sei­ne Oma heißt Nahi­da Ma­jid. Nahi­da ver­dient heu­te ein we­nig Geld mit dem Besti­cken von gro­ßen Lei­nen­tü­chern.

An die Flucht aus Ka­ra­kosch, der größ­ten christ­li­chen Stadt im Irak, kann sich Ma­ri­us auch nicht mehr er­in­nern. Als vor fast zwei Jah­ren, im März 2015, die Gra­na­ten­an­grif­fe der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on „Is­la­mi­scher Staat“(IS) im­mer nä­her ka­men, da ha­ben die Druck­wel­len die Tü­ren des Hau­ses ein­ge­drückt. Ma­ri­us’ Mut­ter sagt, die Fens­ter­schei­ben hät­ten in den Rah­men ge­schep­pert vom Druck der De­to­na­tio­nen. Die klei­ne Cou­si­ne von Ma­ri­us muss­ten sie im Schlaf­an­zug mit­neh­men, weil kei­ne Zeit mehr blieb, um das Mäd­chen rei­se­fer­tig an­zu­zie­hen.

Die christ­li­che Fa­mi­lie floh mit zwei Au­tos, ei­ne der Töch­ter lief den gan­zen Weg zu Fuß nach Erbil, 70 Ki­lo­me­ter. Groß­mut­ter Nahi­da hat drei Söh­ne und sie­ben Töch­ter, zwei der Söh­ne le­ben in Ame­ri­ka, ei­ner ist nach Deutsch­land ge­flo­hen. Ma­ri­us’ Oma är­gert sich heu­te noch sehr über sich selbst, dass sie in der Auf­re­gung bei der Flucht just je­nen Um­schlag mit den 4000 Dol­lar im Haus ver­ges­sen hat. Sie hat­te ei­ne Rie­sen­angst und dach­te nicht an das Geld, das die Fa­mi­lie be­reit­ge­legt hat­te, für den Fall, dass die Ter­ro­ris­ten die Chris­ten an­grei­fen wür­den. Län­ger als ge­plant Wir sit­zen im Wohn­con­tai­ner von Ma­ri­us’ Groß­el­tern, zwei Räu­me, ei­ne Nass­zel­le, da­vor ei­ne klei­ne Ecke, in der ge­kocht wer­den kann. Groß­va­ter Sa­mer Abosh raucht ner­vös. Es soll heu­te so sein, wie an Weih­nach­ten in Ka­ra­kosch. Dar­um biegt sich der Tisch un­ter zehn, fünf­zehn Tel­lern mit ge­füll­ten Teig­ta­schen, Ra­dies­chen, Ro­ter Bee­te, Keb­ab­spie­ßen und Sa­lat, Bak­la­va-Süß­spei­sen. Vor ein­ein­halb Jah­ren ka­men sie hier­her, nach­dem sie Mo­na­te im Roh­bau ei­nes Ein­kaufs­zen­trums an der Stadt­au­to­bahn von Erbil ge­wohnt hat­ten.

Fast al­le hier in der Nach­bar­schaft kom­men aus Ka­ra­kosch. Und weil sie ah­nen, dass sie län­ger hier­blei­ben müs­sen, ha­ben sie Veran­den vor die wei­ßen Con­tai­ner ge­baut. Ein Flücht­ling aus Mos­sul hat für sein al­tes ro­tes Au­to ei­nen Car­port aus Holz ge­zim­mert. Man­che Chris­ten ha­ben Ge­schäf­te auf­ge­macht, ei­nen Fri­seur­sa­lon, ei­ne Eis­die­le, ei­nen Ge­mü­se­la­den, al­les in Con­tai­nern. 5500 Men­schen le­ben in An­ka­wa II, man­che von ih­nen sind zu­nächst vor dem IS aus Mos­sul nach Ka­ra­kosch ge­flo­hen und dann im März 2015 auch noch von dort wei­ter Rich­tung Os­ten.

Groß­mut­ter Nahi­da weiß, dass Ma­ri­us sich nicht er­in­nern kann an die schö­nen Weih­nach­ten in Ka­ra­kosch. Dar­um er­zählt sie ihm ganz oft, wie sie sich je­des Jahr am 25. De­zem­ber für den Kirch­gang in die Ta­hir-Kir­che fein ge­macht ha­ben. Am Vor­abend, am Hei­li­gen Abend, ha­ben sie im Gar­ten ein La­ger­feu­er ge­macht und ge­tanzt. Freun­de und Ver­wand­te ka­men zu Be­such. Dann ha­ben sie die Lich­ter am Weih­nachts­baum an­ge­macht. „Die Bäu­me wa­ren aus Plas­tik, im­por­tiert aus der Tür­kei oder dem Li­ba­non, weil wir hier kei­ne Tan­nen­bäu­me ha­ben“, sagt die Groß­mut­ter. Als die Plas­tik­bäu­me ka­men, ver­schwan­den die Krip­pen aus Holz, die sie frü­her auf­ge­stellt hat­ten. „Wenn ich an das Weih­nach­ten von da­mals den­ke“, sagt die Groß­mut­ter und Ma­ri­us schaut stau­nend sei­ne sonst so star­ke Oma an, „dann kom­men mir die Trä­nen.“ Im Camp ist es gut Ihr Mann, der ner­vö­se Rau­cher, sagt, sie hät­ten frü­her ein schö­nes Haus und zwei Au­tos be­ses­sen. „Als Au­to­me­cha­ni­ker hat­te ich ein gu­tes Aus­kom­men.“Die Groß­mut­ter er­zählt vom Be­such in ei­nem Kran­ken­haus in Mos­sul, vor der Macht­er­grei­fung des IS. „Ich kam mit ei­nem kran­ken Kind dort­hin, ein bär­ti­ger Arzt sag­te: ‚Ihr seid Chris­ten, für euch ma­che ich nichts, lie­ber brin­gen wir euch um.’“Stau­nend hört Ma­ri­us sol­chen Er­zäh­lun­gen zu.

Wann er mal wie­der nach Ka­ra­kosch kann, weiß er nicht. Im Camp sei es gut, sagt der Jun­ge. Es gibt flie­ßend Was­ser und Strom. Hier kann er in sei­ner Schul­uni­form zur Schu­le ge­hen.

Oma Nahi­da hat seit Wo­chen da­von ge­re­det, dass sie Weih­nach­ten in der Ta­hir-Kir­che in Ka­ra­kosch fei­ern will. Zwar ist die Stadt in­zwi­schen vom IS be­freit. Aber der Bi­schof hat ge­sagt, es sei aus Si­cher­heits­grün­den bes­ser, hier im Camp zu blei­ben. In der Kir­che in Ka­ra­kosch, vor den To­ren von Mos­sul, wür­den nur ein paar Pe­schmer­ga-Sol­da­ten und ei­ni­ge Al­te ei­ne Mes­se ab­hal­ten.

Ei­nes, sagt Ma­ri­us ganz lei­se, sei klar: Wenn er ir­gend­wann ein­mal wie­der in Ka­ra­kosch le­be, wol­le er Pi­lot wer­den. Ma­ri­us schaut sei­ne Oma an. Nahi­da Ma­jid lä­chelt still.

FO­TO: CHRIS­TOPH PLATE

Ma­ri­us (links vor­ne) mit Groß­mut­ter Nahi­da Ma­jid (rechts) und ei­nem Teil sei­ner Fa­mi­lie.

FO­TO: JASMIN OFF

Ein Es­sen, wie zu Weih­nach­ten in Ka­ra­kosch.

FO­TO: OFF

Ma­ri­us will Pi­lot wer­den.

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