Wo ist Beth­le­hem?

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI -

D ie Ge­burt Chris­ti ver­treibt die Dun­kel­heit aus dem Her­zen der Men­schen: Mit die­ser Weih­nachts­bot­schaft wen­det sich der Frei­bur­ger Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger an die Le­se­rin­nen und Le­ser der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. „Wo ist Beth­le­hem? Was für ei­ne Fra­ge, wer­den Sie sich den­ken. Bet­le­hem ist uns al­len zu Ge­nü­ge be­kannt auf­grund der Span­nun­gen, der Un­ru­hen, der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Pa­läs­ti­nen­sern und Is­rae­lis im Hei­li­gen Land. Durch die Nach­rich­ten, die uns das Ge­sche­hen vor Ort ins Wohn­zim­mer brin­gen, weiß je­der, wo Beth­le­hem geo­gra­fisch liegt.

Doch die­ses Beth­le­hem ist längst zu ei­nem Syn­onym ge­wor­den für Or­te, wo kein Frie­de ein­keh­ren will, wo Men­schen lei­den und ster­ben, weil je­der auf sei­ne Wei­se recht hat und der an­de­re Un­recht. Für Or­te, wo der Hass ge­schürt und das Miss­trau­en ge­sät wird.

Da geht es nicht mehr nur um das Beth­le­hem im Hei­li­gen Land! Da gibt es das „Beth­le­hem“an so vie­len ver­schie­de­nen Or­ten in die­ser Welt, wo ge­lit­ten und ge­strit­ten wird. Beth­le­hem weit weg – oder viel­leicht doch recht nah?

Wer von uns weiß nicht um die gro­ßen und klei­nen „Beth­le­hem“im ei­ge­nen Um­feld oder im ei­ge­nen Le­ben. Bis hin zu dem Beth­le­hem, das sich auch da und dort im in­ner­kirch­li­chen Raum fin­den lässt, wo sich Men­schen nicht zum Se­gen wer­den, son­dern zum Geg­ner und Kon­tra­hen­ten.

Was mag sich der barm­her­zi­ge Gott ge­dacht ha­ben, als er vor über 2000 Jah­ren ge­ra­de in Beth­le­hem ge­bo­ren wer­den woll­te? Konn­te er nicht ab­se­hen, dass sei­ne Lie­be nicht die Her­zen al­ler er­rei­chen wür­de? Konn­te er viel­leicht nicht über­bli­cken, dass sei­ne Frie­dens­be­mü­hun­gen zu we­nig Er­folg brin­gen? Dass der Mensch sich von ei­ner Bot­schaft – und mag sie auch vom Him­mel kom­men – nicht ein­fach über­zeu­gen lässt? Dass Men­schen in­fra­ge stel­len wür­den, dass die Lie­be Got­tes in ei­nem klei­nen Kind zur Welt kommt, das in Win­deln ge­wi­ckelt in der Krip­pe liegt, weil sich der mensch­li­che Ver­stand mit die­sem Er­eig­nis auch schwer tun kann?

Beth­le­hem! Das war kein Zu­fall. Gott woll­te gra­de dort auf die Welt kom­men, wo die Not und das Elend, das Ster­ben und der Tod zu Hau­se sind. Dort, wo die Hoff­nungs­lo­sig­keit und der Schmerz den Men­schen na­he sind. Dort woll­te er auf die Welt kom­men. In die­se Welt woll­te er kom­men.

Er woll­te uns ei­nen Aus­blick ver­schaf­fen auf die ei­gent­li­che und wah­re Hei­mat, die im Him­mel ist, wie der Apos­tel Pau­lus schreibt. Er will in die Dun­kel­hei­ten die­ser Welt hin­ein­ge­bo­ren wer­den, um es von in­nen her­aus auf­zu­bre­chen, zu ver­än­dern, um zu hei­len, zu er­lö­sen, um die Fes­seln der Ge­walt zu lö­sen.

Die Ge­burt im Stall, in die Ar­mut hin­ein, war ge­ra­de für die ge­sell­schaft­lich nicht ge­ach­te­ten Hir­ten ein wich­ti­ges Zei­chen, von Gott nicht ver­ach­tet zu sein. Die spä­te­re Flucht nach Ägyp­ten zeigt eben­so, dass Gott bei all de­nen ist, die auf die­ser Welt ver­folgt wer­den und kein Zu­hau­se mehr ha­ben.

In die über­mäch­ti­ge Nacht und Dun­kel­heit, die sich so vie­ler Her­zen be­mäch­tigt, da woll­te er hin­ein – oh­ne Wenn und Aber. Es soll­te die Nacht und Dun­kel­heit so­gar sei­ner ei­ge­nen To­des­stun­de wer­den, die er, wie ein je­der von uns, aus­zu­hal­ten hat. Soll­te ihn zu­nächst nur das Holz der Krip­pe auf­neh­men, so wird es spä­ter das Holz des Kreu­zes sein.

Hat sich aber des­halb et­was ver­än­dert? Wenn wir die all­zu vie­len Näch­te und Dun­kel­hei­ten um uns her­um be­trach­ten, das im­mer noch nicht über­wun­de­ne Leid, den Schmerz in un­zäh­li­gen Men­schen­her­zen, dann wer­den wir sa­gen müs­sen: Nein.

Wenn wir aber dar­auf schau­en, wie vie­le Men­schen seit­her be­reit wa­ren, in ih­rem Beth­le­hem, in ih­rem Her­zen, die Ge­burt des Got­tes­soh­nes zu er­mög­li­chen, dann Ja! Denn wer an die Men­sch­wer­dung des Soh­nes Got­tes glaubt, der weiß, dass kei­ne Nacht und kei­ne Dun­kel­heit mehr stark ge­nug sein wer­den, sein Le­ben end­gül­tig zu ver­dun­keln.

Wir fei­ern nicht um­sonst al­le Jah­re wie­der die­ses Fest! Denn auf die­ser Welt gibt es noch so viel un­er­lös­tes Beth­le­hem. Es gilt, Weih­nach­ten nicht nur zu fei­ern, sich nicht nur an das da­ma­li­ge ge­schicht­li­che Er­eig­nis der Ge­burt des Herrn zu er­in­nern, son­dern die Bot­schaft von Weih­nach­ten zu le­ben: Die Ge­burt der Lie­be Got­tes im ei­ge­nen Her­zen. Dort will sie wach­sen und zur Ent­fal­tung kom­men in un­se­rem Le­ben.“

FO­TO: DPA

Der Frei­bur­ger Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.