„Die­sen ra­di­ka­len Pre­di­gern muss das Hand­werk ge­legt wer­den“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BER­LIN - Pro­fes­sor Pe­ter Ne­u­mann, Ter­ro­ris­mus­ex­per­te am King’s Col­le­ge London (Fo­to: oh), for­dert ei­ne Ge­ne­ral­in­ven­tur der Si­cher­heits­ge­set­ze. Zu­gleich spricht er sich im Ge­spräch mit Andre­as Her­holz für ein schär­fe­res Vor­ge­hen ge­gen Hass­pre­di­ger auss. Kann nach dem Tod des mut­maß­li­chen At­ten­tä­ters Anis Am­ri Ent­war­nung in Deutsch­land ge­ge­ben wer­den? Viel spricht da­für, dass Am­ri ein Ein­zel­tä­ter war. Das ist aber nicht si­cher. Bei dem At­ten­tat von Niz­za war man zu­nächst auch von ei­nem „ein­sa­men Wolf“aus­ge­gan­gen. Dann wur­de klar, dass es Hin­ter­män­ner ge­ge­ben hat­te. Es be­steht jetzt über­haupt kein Grund zur Ent­war­nung. Wir wis­sen, dass sich is­la­mis­ti­sche Ter­ror­netz­wer­ke in sol­chen Si­tua­tio­nen in die En­ge ge­trie­ben füh­len, An­schlä­ge vor­zie­hen und dann erst recht zu­schla­gen. Ge­nau das ist in Bel­gi­en ge­sche­hen. Man weiß nicht, wie die Sze­ne jetzt re­agiert. Der An­schlag hat zu ei­ner Dis­kus­si­on über den Um­gang mit is­la­mis­ti­schen Ge­fähr­dern in Deutsch­land ge­führt. Was muss ge­sche­hen? Die Be­hör­den ge­hen von et­wa 550 is­la­mis­ti­schen Ge­fähr­dern aus. 80 von ih­nen sind in Haft. Et­wa die Hälf­te ist in Sy­ri­en. Rund 250 Ge­fähr­der sind ak­tu­ell in Deutsch­land frei un­ter­wegs. Da­zu kom­men noch ein­mal 360 so­ge­nann­te re­le­van­te Per­so­nen aus dem di­rek­ten Um­feld die­ser Ge­fähr­der. Ei­ne Be­ob­ach­tung rund um die Uhr ist nicht mög­lich. Die Über­wa­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­on, das Ver­bot von is­la­mis­ti­schen Ver­ei­nen und die Auf­lö­sung von Mo­sche­en sind in Deutsch­land aus gu­ten Grün­den mit vie­ler­lei Hür­den ver­bun­den. Dar­über müs­sen wir uns jetzt Ge­dan­ken ma­chen, oh­ne das Pen­del in die an­de­re Rich­tung aus­schla­gen zu las­sen und Bür­ger­rech­te ein­zu­schrän­ken.

Brau­chen wir im Kampf ge­gen den Ter­ror schär­fe­re Ge­set­ze? Wir soll­ten jetzt ei­ne Ge­ne­ral­in­ven­tur vor­neh­men und prü­fen, was im An­ti-Ter­ror-Kampf funk­tio­niert und was nicht. Das reicht von der Per­so­nal­stär­ke der Si­cher­heits­be­hör­den über die rich­ti­ge Tech­no­lo­gie bis hin zur Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa und der Prä­ven­ti­on. Wir ha­ben kein Kon­zept. Wir brau­chen ei­ne schlüs­si­ge An­ti-Ter­ro­ris­musS­tra­te­gie und dür­fen nicht im­mer nur den je­weils letz­ten Ter­ror-Fall ab­ar­bei­ten. Es war im­mer et­was na­iv zu glau­ben, dass Deutsch­land schon nicht ge­trof­fen wer­den wird. Auch die USA wa­ren schlecht auf­ge­stellt vor dem 11. Sep­tem­ber 2001 und den An­schlä­gen. Die Kon­se­quenz war die Ein­rich­tung der 9/11-Kom­mis­si­on, die ei­ne sol­che In­ven­tur vor­ge­nom­men hat. Heu­te sind die Ame­ri­ka­ner bei der Ter­ror­ab­wehr recht gut auf­ge­stellt. Das soll­ten wir auch in Deutsch­land pro­bie­ren. Am­ri soll zu ei­nem ra­di­ka­len Mo­schee­ver­ein in Ber­lin Mit­te ge­hört ha­ben. Wel­che Rol­le spie­len die­se Got­tes­häu­ser bei der Ra­di­ka­li­sie­rung? Sol­che Mo­sche­en sind oft die Dre­hund An­gel­punk­te is­la­mis­ti­scher Netz­wer­ke. Hass­pre­di­ger ver­bin­den dort oft die Ge­fähr­der und ih­re Hel­fer mit­ein­an­der, schaf­fen Netz­wer­ke. Die­sen ra­di­ka­len Pre­di­gern muss das Hand­werk ge­legt wer­den. Es muss ein­fa­cher wer­den, die­se Leu­te auch un­ter be­stimm­ten Um­stän­den zu in­haf­tie­ren.

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