Die Rück­kehr der So­wjet­uni­on

Russ­land schwelgt in ei­ner Wel­le der Nost­al­gie – Ecken und Brü­che wer­den re­tu­schiert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Klaus-Hel­ge Do­nath und dpa

MOSKAU - Das En­de war hoch­dra­ma­tisch und zu­gleich ba­nal. Am 25. De­zem­ber 1991 ver­kün­de­te der so­wje­ti­sche Staats­chef Mich­ail Gor­bat­schow im Fern­se­hen den er­war­te­ten Rück­tritt. Kurz nach Gor­bat­schows Auf­tritt wur­de über dem Kreml die ro­te Fah­ne mit Ham­mer und Si­chel ein­ge­holt. Ei­nen Tag spä­ter be­sie­gel­te der Obers­te So­wjet, das Par­la­ment der So­wjet­uni­on, die völ­ker­recht­li­che Auf­lö­sung des Rie­sen­rei­ches.

2016 ist die So­wjet­uni­on in Moskau noch über­all zu­ge­gen. Schon wer mit der Me­tro fährt, kommt an der Uni­on der so­zia­lis­ti­schen So­wjet­re­pu­bli­ken (UdSSR) nicht mehr vor­bei. In bun­ten The­men-Wag­gons stellt der Nah­ver­kehr das Le­ben in der UdSSR dar. Mit Fo­tos und Vi­de­os wird das All­tags­le­ben auf­be­rei­tet. Schau­spie­ler, mit de­nen die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on groß ge­wor­den ist, grü­ßen von den Wän­den.

Der mul­ti­me­dia­le Aus­flug in die So­wjet­uni­on ist ein run­des Ver­gnü­gen. Vie­len Pas­sa­gie­ren be­rei­tet er nicht nur gro­ßen Spaß. Für sie ist die­se Rei­se auch ein Aus­flug in die Ju­gend. „Vor­über­ge­hend fühlt man sich wie­der jung und kräf­tig“, sagt der 55-jäh­ri­ge In­ge­nieur Pa­wel und be­teu­ert: „Nicht al­les in der So­wjet­uni­on ist schlecht ge­we­sen.“

Russ­land schwelgt in ei­ner Wel­le der Nost­al­gie. Im Fern­se­hen lau­fen al­te Schwarz-Weiss-Se­ri­en. Auch neue­re Fil­me grei­fen vie­le The­men der Ver­gan­gen­heit auf, oh­ne al­ler­dings strit­ti­ge Punk­te zu be­nen­nen. Russ­lands Fern­seh­zu­schau­er le­ben zur­zeit in ei­nem bun­ten His­to­ri­en­ge­mäl­de zum Wohl­füh­len. Die Welt hat Schlim­me­res ge­se­hen, könn­te das Mot­to lau­ten.

Auch beim Be­such des Kauf­hau­ses Gum ge­gen­über dem Kreml am Ro­ten Platz wird das Ver­lan­gen nach Ver­gan­gen­heit be­dient. In der „Sto­lo­wa­ja 57“wer­den Spei­sen ge­reicht wie einst in so­wje­ti­schen Kan­ti­nen. Da­zu ge­hö­ren „saf­ti­ge Ko­te­letts“, hin­ter de­nen sich schlicht Hack­bäll­chen ver­ber­gen oder Kar­tof­fel­brei mit Kraut. Da­men mit wei­ßen Spit­zen­hau­ben be­die­nen die Kun­den. Doch an Ein­zel­hei­ten von frü­her, zum Bei­spiel die Un­freund­lich­keit, will sich der Be­su­cher nicht er­in­nern. Es ist der Weich­zeich­ner, der die Ge­schich­te in Russ­land zur­zeit be­ar­bei­tet. Ecken und Brü­che der blu­ti­gen Ge­schich­te wer­den re­tu­schiert. Die Ge­mein­schaft Un­ab­hän­gi­ger Staa­ten (GUS) ist nie zu ei­nem Nach­fol­ger der So­wjet­uni­on ge­wor­den. Die Or­ga­ni­sa­ti­on wur­de am 8. De­zem­ber 1991 als Auf­fang­be­cken für die frü­he­ren So­wjet­re­pu­bli­ken ge­grün­det. Ers­te Mit­glie­der wa­ren Russ­land, Weiß­russ­land und die Ukrai­ne. Dann tra­ten Aser­bai­dschan, Ar­me­ni­en, Ka­sachs­tan, Kir­gis­tan, Mol­dau, Tad­schi­kis­tan, Turk­me­nis­tan und Us­be­kis­tan bei. Ihr Zu­sam­men­schluss zwang den so­wje­ti­schen Prä­si­den­ten Gor­bat­schow am 25. De­zem­ber 1991 zum Rück­tritt. Fra­gen von Si­cher­heit und Wirt­schaft woll­ten die neu­en Staa­ten noch ge­mein­sam ent­schei­den. Doch Streit und un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen lähm­ten die GUS schnell, sie ver­lor an Be­deu­tung. Das zeigt sich auch am Mit­glie­der­schwund. Ge­or­gi­en ge­hör­te nur zeit­wei­se da­zu, Turk­me­nis­tan ist nur noch bei­ge­ord­net. En­ger ist aber die Zu­sam­men­ar­beit meh­re­rer Ex-So­wjet­re­pu­bli­ken in der von Russ­land do­mi­nier­ten Eu­ra­si­schen Wirt­schafts­uni­on und in dem Ver­tei­di­gungs­bünd­nis OVKS. (dpa)

Die Über­ar­bei­tung der Ge­schich­te be­gann schon vor Jah­ren mit dem zu­nächst in­for­mel­len Ver­bot, die aus So­wjet­zei­ten stam­men­de Darstel­lung des Zwei­ten Welt­krie­ges als „Gro­ßen Va­ter­län­di­schen Krieg“neu zu be­wer­ten – auch wenn For­schungs­er­geb­nis­se da­zu drin­gend an­rie­ten. Die Er­zäh­lung der sieg­rei­chen So­wjet­ar­mee durf­te kei­ne Kor­rek­tu­ren er­hal­ten. Denn der his­to­ri­sche Sieg über Hit­ler­deutsch­land war die wich­tigs­te Säu­le der Le­gi­ti­ma­ti­on des Kremls. Und der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin un­ter­nimmt viel, da­mit es so bleibt.

Mit dem Aus­bruch des Ukrai­neKon­flik­tes 2014 über­nahm end­gül­tig die Ver­gan­gen­heit das Re­gi­ment über die Ge­gen­wart. Die Ab­gren­zung Pu­tins ge­gen­über dem Wes­ten greift auf die Mus­ter des Kal­ten Krie­ges zu­rück.

Im Wes­ten er­weckt das den Ein­druck, als wür­de Moskau ziel­stre­big die So­wjet­uni­on neu ent­ste­hen las­sen wol­len. Bei der Grün­dung der Eu­ra­si­schen Uni­on im Jahr 2015 wa­ren sich vie­le Be­ob­ach­ter ei­nig, die­ser Bund sei die Zel­le ei­ner neu­en eu­ra­si­schen Su­per­macht. Hin­zu kommt das rup­pi­ge Auf­tre­ten des Kreml­chefs auf der Welt­büh­ne. Mit dem Ein­satz in Sy­ri­en be­sorg­te sich der rus­si­sche Prä­si­dent über­dies, was er bis da­hin von den USA ge­for­dert hat­te: die Be­hand­lung als Groß­macht auf Au­gen­hö­he. Be­lieb­ter Pu­tin Zu Hau­se ka­ta­pul­tier­ten die „Heim­ho­lung“der Krim und der Ein­griff im ukrai­ni­schen Don­bass das Image des Prä­si­den­ten auf ein an­hal­ten­des Lang­zeit­hoch. Eben­falls den Zu­spruch för­dert die ak­tu­el­le Auf­rüs­tung der Ar­mee.

Ei­ne Mehr­heit der Ein­woh­ner Russ­lands be­dau­ert nach wie vor den Nie­der­gang der So­wjet­uni­on. Aber an ei­ne Neu­auf­la­ge glau­ben nur noch we­ni­ge. Das ist das Er­geb­nis ei­ner Um­fra­ge des un­ab­hän­gi­gen Le­wa­daIn­sti­tuts. Er­staun­lich ist auch, dass nur 14 Pro­zent der Be­frag­ten glau­ben, die Rüs­tungs­aus­ga­ben hät­ten den Kol­laps der UdSSR ver­ur­sacht.

Das Image ei­ner ein­sa­men Groß­macht ist auch Auf­trag ei­ner Ge­schichts­aus­stel­lung in Moskau. „Mein Russ­land“um­fasst 1200 Jah­re von der Kie­wer Rus bis heu­te. Die über Jahr­hun­der­te wie­der­keh­ren­de Bot­schaft ist so klar wie ein­gän­gig: Der Nie­der­tracht des Wes­tens steht ein auf­rich­ti­ges Russ­land ge­gen­über.

FO­TO: EPA

25. De­zem­ber 1991: Der so­wje­ti­sche Prä­si­dent Mich­ail Gor­bat­schow gibt wäh­rend ei­ner Live-Fern­seh­an­spra­che sei­nen Rück­tritt be­kannt. 25 Jah­re spä­ter wird in Russ­land die UdSSR wie­der glo­ri­fi­ziert.

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