Es wird eng für die Schau­kel­pfer­de

Oden­wald war einst ei­ne Hoch­burg für die Pro­duk­ti­on des Spiel­zeugs – Im di­gi­ta­len Zeit­al­ter ist nur ein Be­trieb üb­rig ge­blie­ben

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Ste­phen Wolf

REICHELSHEIM (dpa) - Es riecht nach frisch ge­säg­tem Holz in der Werk­statt von An­net­te Krä­mer und Ha­rald Boos. Aus­ge­säg­te Ku­fen, Köp­fe und Kör­per künf­ti­ger Schau­kel­pfer­de lie­gen or­dent­lich ge­sta­pelt auf der Werk­bank. „Be­stel­lun­gen kom­men heut­zu­ta­ge recht kurz­fris­tig rein, da müs­sen wir fle­xi­bel sein“, sagt Boos. 57 Jah­re alt ist der „Gäul­sches­ma­cher“aus Reichelsheim im hes­si­schen Oden­wald. Er und sei­ne Frau sind in der Re­gi­on die letz­ten ih­rer Art.

Was für vie­le Kin­der einst selbst­ver­ständ­lich im Kin­der­zim­mer oder im Kin­der­gar­ten war, ist es heu­te nicht mehr. Frü­her gab es im Oden­wald mehr als 20 Werk­stät­ten, die Schau­kel­pfer­de her­ge­stellt und ver­kauft ha­ben. Ge­gen die nied­ri­gen Kos­ten in der in­dus­tri­el­len Fer­ti­gung und ver­än­der­te Spiel­ge­wohn­hei­ten konn­ten die meis­ten nicht an­kom­men und gin­gen un­ter.

An­ders der im Jahr 1899 ge­grün­de­te Be­trieb „Holz­spiel­wa­ren A. Krä­mer“. Die Ehe­leu­te bau­en Schau­kel­pfer­de in der vier­ten Ge­ne­ra­ti­on – die Mus­ter stam­men noch vom Ur­groß­va­ter.

In ei­nem Raum ste­hen zu­sam­men­ge­bau­te Pfer­de, Schim­mel­mus­ter und schwar­ze Mäh­ne wer­den hier mit dem Pin­sel auf­ge­malt. Die Holz­pfer­de gibt es in neun Grö­ßen, das kleins­te mit zehn Zen­ti­me­tern, das größ­te mit ei­ner Sitz­hö­he von 55 Zen­ti­me­tern Stock­maß. Die Prei­se lie­gen zwi­schen acht und 140 Eu­ro. Das Spiel­zeug­mu­se­um Sin­ga­pur hat ein sol­ches Pferd. Auch nach Ja­pan zu Kai­ser Aki­hi­to wur­de ein Ex­em­plar ge­lie­fert. Ver­schie­de­ne Holz­ar­ten In der Werk­statt – zwi­schen Drech­se­lund Sä­ge­ma­schi­ne – er­kennt der Be­trach­ter schnell, dass die Ar­beit an Schau­kel­pfer­den kei­ne tri­via­le An­ge­le­gen­heit ist. Tro­cke­nes und leich­tes Pap­pel­holz wird für die hand­ge­drech­sel­ten Kör­per ver­baut – die Pfer­de sol­len nicht zu schwer wer­den. Fes­tes Bu­chen­holz wird für Bei­ne und Ku­fen be­nö­tigt, aus Kie­fern­holz fer­tigt Boos den Kopf des klei­nen Gauls an.

Ein­fach ist das Ge­schäft nicht. Flug­d­roh­nen, Spiel­kon­so­len oder Ho­ver­boards sind in die­sem Jahr an­ge­sagt. Wer al­so kauft ein Schau­kel­pferd im Jahr 2016? „Es gibt vie­le El­tern, die Vor­tei­le in ei­nem sol­chen Spiel­zeug se­hen“, sagt Boos, der frü­her ein­mal in der IT-Bran­che ge­ar­bei­tet hat. Ein Vor­teil sei, dass Kin­der mit ei­nem sol­chen Spiel­zeug ih­rer Fan­ta­sie frei­en Lauf las­sen kön­nen. Bei Com­pu­ter­spie­len et­wa sei vie­les vor­ge­ge­ben. Wenn Kin­der hin­ge­gen auf ei­ge­ne Ide­en kä­men, brin­ge das die üb­li­che Rou­ti­ne durch­ein­an­der. Das sei gut für die Ent­wick­lung, sagt Boos. „Man­che Kin­der brin­gen das Schau­kel­pferd am Abend ins Bett und de­cken es zu. War­um auch nicht?“

Wolf­gang Schüh­le, Vor­sit­zen­der der Fach­grup­pe Holz­spiel­zeug im Deut­schen Ver­band der Spiel­wa­ren­in­dus­trie, sagt, vie­le El­tern ent­deck­ten die Qua­li­tät von Holz­spiel­zeu­gen neu. Schüh­le, auch Ge­schäfts­füh­rer ei­nes Spiel­wa­ren­un­ter­neh­mens in der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Ge­mein­de Zell un­ter Ai­chel­berg, rech­net in sei­nem Un­ter­neh­men mit ei­nem Um­satz­plus von fünf bis sechs Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr. „Ich ha­be mich mit Kol­le­gen un­ter­hal­ten und ge­he da­von aus, dass es vie­len Her­stel­lern von Holz­spiel­zeug ähn­lich geht“, sagt er. All­ge­mei­ne Zah­len ge­be es nicht, da Holz­spiel­zeug aus ei­nem Ma­te­ri­al­mix be­ste­he. Die Her­stel­ler wür­den folg­lich nicht als ge­son­der­te Bran­che auf­ge­führt. An­spruchs­lo­se Hand­wer­ker „Wir sind re­la­tiv an­spruchs­los und kön­nen da­mit le­ben, dass es auf und ab geht“, sagt Ha­rald Boos. Es sei ein­fach schön, als „Gäul­sches­ma­cher“zu ar­bei­ten. Da ist sich das Paar ei­nig. „Es gibt eben Zei­ten, da muss man den Gür­tel en­ger schnal­len“, sagt An­net­te Krä­mer. Bes­sert sich die Auf­trags­la­ge wie­der – et­wa vor Weih­nach­ten – dann kön­ne man sich wie­der mehr leis­ten.

FO­TO: DPA

Ha­rald Boos ver­leimt in sei­ner Werk­statt ein so­ge­nann­tes Oden­wäl­der Gäul­schen.

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