Wenn der Ham­mer fällt

Ver­kauf als Kunst­form: Das Auk­ti­ons­haus Chris­tie’s fei­ert sein 250. Ju­bi­lä­um

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von An­na Tom­for­de und Chris­toph Mey­er

LONDON (dpa) - „Wür­den Sie mir 600 000 Pfund ge­ben?“Jus­si Pylk­kä­nen, der Chef des Auk­ti­ons­hau­ses Chris­tie’s, hat sich weit über sein Ma­ha­go­ni-Pult im Auk­ti­ons­saal in der Lon­do­ner Zen­tra­le des Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­mens ge­lehnt, das in die­sem Jahr sein 250-Jahr-Ju­bi­lä­um fei­ert. Zur Ver­stei­ge­rung ste­hen an die­sem Abend mo­der­ne Kunst­wer­ke bri­ti­scher und iri­scher Künst­ler.

Für we­ni­ge Se­kun­den hält der Saal den Atem an – dann, als hät­ten die Bie­ter nur dar­auf ge­war­tet, dass ei­ner den ers­ten Schritt macht, geht es in atem­be­rau­ben­dem Tem­po wei­ter. „600 000, 620 000, 640 000 ist das Ge­bot“, ruft Pylk­kä­nen in den Saal, wo­bei er wie ein Di­ri­gent mit ei­nem aus­ge­brei­te­ten Arm mal hier, mal da mit der Hand auf ei­nen Bie­ter weist. Der Ham­mer fällt schließ­lich bei ge­nau 773 000 Bri­ti­schen Pfund (um­ge­rech­net rund 915 000 Eu­ro) für ein Ge­mäl­de der eng­li­schen Ma­le­rin Bridget Ri­ley. Das Gan­ze wirkt kunst­voll, bei­na­he wie ei­ne ein­stu­dier­te Cho­reo­gra­phie. Start mit Hüh­nern und Dung Schon als Fir­men­grün­der Ja­mes Chris­tie im De­zem­ber 1766 zum ers­ten Mal den Ham­mer schwang, war die Ver­stei­ge­rung nicht nur Di­enst­leis­tung, son­dern auch Event. Da­bei hat­ten die ers­ten Ob­jek­te we­nig mit Kunst zu tun. Schwei­ne, Hüh­ner, Dung, sel­te­ne Vö­gel, Tul­pen­zwie­beln, Heu­bal­len, Bett­la­ken, Fe­der­bett und ein spe­zi­ell an­ge­fer­tig­ter Sarg zähl­ten zu den Lo­sen der ers­ten Ver­stei­ge­run­gen. Aber schon ein Jahr spä­ter hat­te Chris­tie mit gu­ten Be­zie­hun­gen zur künst­le­ri­schen und in­tel­lek­tu­el­len Eli­te das An­ge­bot um Ge­mäl­de und Lu­xus­ob­jek­te er­wei­tert.

Über­haupt, sagt Pylk­kä­nen, weht der „in­no­va­ti­ve Geist“des quir­li­gen Schot­ten Ja­mes Chris­tie (1730-1803) noch heu­te durch die Fir­ma, die mit ei­nem welt­wei­ten Netz von 2500 An­ge­stell­ten ei­nen Jah­res­um­satz von 4,8 Mil­li­ar­den Pfund (5,7 Mil­li­ar­den Eu­ro) er­zielt. Da­mals wie heu­te ge­he es haupt­säch­lich um den „Kul­tur­aus­tausch“und den Kon­takt mit zeit­ge­nös­si­schen Künst­lern. „Ja­mes Chris­tie war zu sei­ner Zeit ab­so­lut aus­schlag­ge­bend für die Eta­b­lie­rung ei­nes kul­tu­rel­len Zen­trums in Groß­bri­tan­ni­en“, sagt Pylk­kä­nen. Zu ei­ner Zeit, als es so gro­ße Kun­stein­rich­tun­gen wie die Roy­al Aca­de­my (ge­grün­det 1768) und die Na­tio­nal Gal­le­ry (ge­grün­det 1824) noch nicht gab, mach­te er das Auk­ti­ons­haus zum Mit­tel­punkt des kul­tu­rel­len Aus­tauschs.

Der Zu­gang zu ho­hen ge­sell­schaft­li­chen und kö­nig­li­chen Krei­sen von Frank­reich bis Russ­land war ga­ran­tiert. Ge­sell­schaft­li­che und po­li­ti­sche Ver­wer­fun­gen spie­gel­ten sich im Ge­schäft wi­der. Die Auf­lö­sung von Kunst­be­sitz nach den Wir­ren der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on von 1789 mar­kier­te für Chris­tie’s ei­ne neue Blü­te­zeit, eben­so wie die Ju­we­len­ver­käu­fe der eu­ro­päi­schen Aris­to­kra­tie nach dem Ers­ten Welt­krieg.

In­zwi­schen sind die gro­ßen Auk­ti­ons­häu­ser Chris­tie’s und Sothe­by’s vor al­lem auch Or­te ei­nes un­ein­hol­ba­ren Ex­per­ten­tums auf dem Ge­biet der Kunst. Wäh­rend zum Bei­spiel Ver­käu­fer und Bie­ter der Öf­fent­lich­keit un­be­kannt blei­ben, wis­sen die Auk­ti­ons­häu­ser ge­nau, in wes­sen Be­sitz die gro­ßen Meis­ter­wer­ke sind, die einst bei ih­nen zum Ver­kauf stan­den. Hep­burns klei­nes Schwar­zes Zu den Auk­ti­ons­glanz­stü­cken der ver­gan­ge­nen 250 Jah­re zählt ein Pfer­de­ge­mäl­de von Ge­or­ge Stubbs, das zwi­schen 1780 und 2011 vier­mal durch die Hän­de von Chris­tie’s ging. In der Ka­te­go­rie Ku­rio­ses und Me­mo­ra­bi­li­en ste­chen ein bri­ti­sches Spit­fi­re-Kampf­flug­zeug, Pelés Fuß­ball­tri­kot und Au­drey Hep­burns Klei­nes Schwar­zes aus dem be­rühm­ten Film „Früh­stück bei Tif­fa­ny’s“her­vor.

Der tech­no­lo­gi­sche Wan­del hat dem Ge­schäft ei­ne neue Di­men­si­on hin­zu­ge­fügt. Rund 28 Pro­zent der Ver­käu­fe wer­den der­zeit on­li­ne aus­ge­han­delt – mit stei­gen­der Ten­denz. Das Smart­pho­ne hat dann „Chris­tie’s Live“zur Rea­li­tät ge­macht. „Die Kunst­welt bie­tet vie­le Ge­le­gen­hei­ten für ei­ne kul­tu­rel­le Re­vo­lu­ti­on“, sagt Pylk­kä­nen da­zu.

FO­TOS: DPA

Auk­ti­ons­häm­mer auf ei­nem Pult: Das be­rühm­tes­te Auk­ti­ons­haus der Welt wird 250 Jah­re alt.

Por­ter hal­ten Wer­ke der Ju­bi­lä­ums­auk­ti­on im Foy­er der Chris­tie’s-Zen­tra­le im Lon­do­ner No­bel­vier­tel St. Ja­mes in den Hän­den.

Jus­si Pylk­kä­nen, Prä­si­dent von Chris­tie’s, in Ak­ti­on in Dubai.

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