Ver­spiel­te Lie­be

Bei Tschai­kow­skys Oper „Pi­que Da­me“am Ul­mer Thea­ter ge­lin­gen ein­drucks­vol­le Mo­men­te

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Wer­ner M. Grim­mel

ULM - Viel Ap­plaus für al­le Mit­wir­ken­den gab es nach der Pre­mie­re von Pe­ter Tschai­kow­skys Oper „Pi­que Da­me“am Ul­mer Thea­ter, die Igor Fol­will auf die Büh­ne ge­bracht hat. Das Li­bret­to von „Pi­que Da­me“stammt von Mo­dest Tschai­kow­sky, dem jün­ge­ren Bru­der des Kom­po­nis­ten. Es ba­siert auf Alexander Pusch­kins gleich­na­mi­ger Er­zäh­lung von 1833 und er­zählt ei­ne Ge­schich­te von Lie­be, Sucht und Wahn.

Re­gis­seur Igor Fol­will hat das 1890 in Pe­ters­burg ur­auf­ge­führ­te Stück äu­ßer­lich im Jahr­hun­dert sei­ner Ent­ste­hung be­las­sen (Ko­s­tü­me: An­ge­la C. Schu­ett). Das In­nen­le­ben der Prot­ago­nis­ten spie­gelt sich je­doch in ei­nem zu­neh­mend sur­re­al an­mu­ten­den Am­bi­en­te (Büh­ne: Brit­ta Lam­mers). Gru­se­li­ge Sze­ne­ri­en be­schwö­ren Schau­er­ro­man­tik à la E.T.A. Hoff­mann und Ed­gar Al­len Poe (Licht: Mar­cus Denk).

Bei Pusch­kin ist der Of­fi­zier Her­mann ein ge­fähr­li­cher Bor­der­li­ner und spiel­süch­ti­ger Ver­bre­cher, der sei­ne Ge­lieb­te Li­sa nur be­nützt, um an das Kar­ten­ge­heim­nis ih­rer Pfle­ge­mut­ter zu kom­men. In der Oper wird die­ser un­sym­pa­thi­sche Typ auf­ge­wer­tet. Tschai­kow­skys Her­mann ist ehr­lich ver­liebt, doch Li­sa hat sich so­eben mit dem Fürs­ten Je­letz­ki ver­lobt. Als En­ke­lin ei­ner rei­chen Grä­fin ist sie für den mit­tel­lo­sen Of­fi­zier oh­ne­hin un­er­reich­bar. Mut macht ihm die Er­zäh­lung sei­nes Freun­des Tom­ski über die Ver­gan­gen­heit von Li­sas Groß­mut­ter. Die soll im vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Pa­ris als jun­ge Schön­heit die Män­ner­welt be­tört ha­ben. Für ei­ne Lie­bes­nacht er­fuhr sie vom Gra­fen Saint-Ger­main je­nes Kar­ten­ge­heim­nis, das ihr im Spiel stets Glück und da­her den Bei­na­men Pi­que Da­me ein­brach­te. Auf die fal­sche Kar­te ge­setzt Her­mann ver­rennt sich in die fi­xe Idee, der al­ten Grä­fin ihr Ge­heim­nis zu ent­rei­ßen, um Reich­tum und da­durch auch Li­sa zu ge­win­nen. Je mehr er frei­lich die­sem Im­puls nach­gibt, des­to mehr er­liegt er der Ob­ses­si­on, sein Spiel­glück er­zwin­gen zu kön­nen. Sei­ne Lie­be tritt hin­ter pa­tho­lo­gi­scher Spiel­sucht zu­rück. Li­sa ist von sei­ner Lei­den­schaft fas­zi­niert und ver­lässt ih­ren Ver­lob­ten, muss aber er­ken­nen, dass sie sich ei­nem wahn­haf­ten Cha­rak­ter aus­ge­lie­fert hat. Ver­zwei­felt sucht sie in der Ne­wa den Frei­tod. Im fi­na­len Spiel ge­gen Je­letz­ki setzt Her­mann am En­de auf die fal­sche Kar­te.

Fol­wills Ins­ze­nie­rung be­kommt den fa­ta­len Sog, mit dem die sie­ben Bil­der von Tschai­kow­skys drei­ak­ti­ger Oper auf die­sen dra­ma­ti­schen Hö­he­punkt zu­lau­fen, nicht durch­ge­hend in den Griff. Et­was be­lie­big pro­me­nie­ren zur ers­ten Be­geg­nung der Lie­ben­den Spa­zier­gän­ger über die Büh­ne. Hans-Gün­ther Dotzau­er kommt mit der Par­tie Her­manns an sei­ne Gren­zen und klingt im obe­ren Be­reich an­ge­strengt. Auch dar­stel­le­risch ge­rät ihm die Fi­gur et­was zu steif. Um glaub­haft zu ma­chen, dass Li­sa ihm ver­fällt, müss­te Dotzau­ers Her­mann mehr dä­mo­ni­sche Aus­strah­lung als zwie­lich­ti­ger Ver­füh­rer­typ ent­fal­ten.

Edith Lorans ver­mag stimm­lich und schau­spie­le­risch der Am­bi­va­lenz von Li­sas Ge­füh­len nicht aus­rei­chend Aus­druck zu ge­ben. Ins­ge­samt zeigt sie je­doch eben­so wie Dotzau­er acht­ba­re vo­ka­le Prä­senz. Gran­di­os sin­gen und agie­ren To­masz Ka­luz­ny (Tom­ski), Kwang-Keun Lee (Je­letz­ki), Jun­gYoun Kim (Ma­scha/Chloe) und I Chiao Shih als ge­spens­ti­sche Grä­fin im Roll­stuhl. Der Chor (Ein­stu­die­rung: Hen­drik Haas) und die rest­li­chen Ge­s­angs­so­lis­ten meis­tern ih­re Auf­ga­ben pas­sa­bel. Joong­bae Jee di­ri­giert Tschai­kow­skys stilp­lu­ra­lis­tisch kom­ple­xe Par­ti­tur mit ih­ren Rück­grif­fen auf Mu­sik der Mo­zart-Zeit und kühn psy­cho­lo­gi­sie­ren­den Mo­der­nis­men kom­pe­tent. Zu­wei­len fehlt de­li­ka­ten Nuan­cen der letz­te Schliff und ins­ge­samt ein durch­ge­hen­der Fluss.

Sze­nisch ge­lin­gen im­mer wie­der ein­drucks­vol­le Mo­men­te. Ver­schieb­ba­re Spie­gel­wän­de las­sen grel­le Licht­blit­ze zu­cken. Beim Mas­ken­ball tritt ei­ne Ro­ko­ko-Ge­sell­schaft mit Pe­rü­cken und gro­tesk über­zeich­ne­ten Klei­dern auf. Als Her­mann Stim­men zu hö­ren glaubt, er­schei­nen ihm Freun­de wie Geis­ter. Gru­se­lig flat­tert ein Vor­hang im Wind und zeigt ver­schwom­men das Ge­sicht der Grä­fin. Nach ih­rem Tod schrei­ten zur Trau­er­mu­sik im Hin­ter­grund vor ma­gisch aus­ge­leuch­te­tem Abend­him­mel die schwar­zen Sil­hou­et­ten ei­ner Pro­zes­si­on vor­über. Stand­uh­ren ste­hen mit leuch­ten­den Zif­fer­blät­tern ne­ben­ein­an­der wie ein­äu­gi­ge, hoch­ge­wach­se­ne dunk­le Gestal­ten. Wäh­rend sich Her­mann im Li­bret­to am En­de er­sticht, lässt ihn Fol­will am Le­ben. Ver­las­sen steht er im Licht­schein und muss er­ken­nen, dass er al­les ver­lo­ren hat. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen: 27. und 29. De­zem­ber, 13., 25. und 27. Ja­nu­ar, 4., 18. und 24. Fe­bru­ar, 5., 12., 19. und 22. März.

FO­TO: THEA­TER ULM

Hans-Gün­ther Dotzau­er singt den zwi­schen Lie­be und Spiel­sucht hin und her ge­ris­se­nen Her­mann.

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