Zehn Jah­re FI­FA-Schi­ri

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

(57) war von 1994 bis 2004 FIFASchieds­rich­ter und ge­hör­te zu den bes­ten sei­ner Zunft. Heu­te ist der ge­bür­ti­ge Zürcher als Ex­per­te fürs TV und als Vor­trags­red­ner weit über das Drei­län­der­eck hin­aus sehr ge­fragt. Herr Mei­er, nach dem En­de Ih­rer ak­ti­ven Kar­rie­re le­ben Sie mitt­ler­wei­le in Mar­bel­la. Wie in­ten­siv ver­fol­gen Sie noch den deut­schen Fuß­ball? So in­ten­siv wie frü­her. Als Deutsch­schwei­zer ist man mit der Bun­des­li­ga auf­ge­wach­sen. Die Li­ga liegt mir auch am Her­zen, da ich sie zu ei­ner der drei bes­ten Li­gen der Welt zäh­le. In den ver­gan­ge­nen Wo­chen sind die Schieds­rich­ter wie­der in den Fo­kus ge­ra­ten. Es gab ei­ni­ge un­glück­li­che Ent­schei­dun­gen. Es sind nicht mehr oder we­ni­ger als in den an­de­ren eu­ro­päi­schen Spit­zen­li­gen. Wo­rin könn­ten die Ur­sa­chen lie­gen? Der Fuß­ball ent­wi­ckelt sich stän­dig wei­ter – und zwar ra­sant. Die Ver­ei­ne ha­ben den wirt­schaft­li­chen Druck und da­bei die fi­nan­zi­el­len Mit­tel, um die­sen wun­der­ba­ren Sport noch schnel­ler, noch in­ten­si­ver, noch tech­ni­scher und tak­ti­scher zu ma­chen. Da­bei geht die Sche­re zwi­schen der Ent­wick­lung der Spie­ler, Trai­ner und des Um­fel­des ge­gen­über der Ent­wick­lung des Schieds­rich­ter­we­sens, wel­ches im­mer noch ama­teur­haft be­trie­ben wird, wei­ter aus­ein­an­der. Da­her glau­be ich, dass wir noch mehr Fehl­ent­schei­dun­gen ha­ben wer­den. Auch in Ih­rem Buch „Mein Le­ben auf Ball­hö­he“(De­li­us Kla­sing, 2016) ha­ben Sie sich ve­he­ment für die Ein­füh­rung von Pro­fi-Schieds­rich­tern ein­ge­setzt. Die Sche­re zwi­schen der Ent­wick­lung des Fuß­balls und der Schieds­rich­te­rei soll nicht noch grö­ßer wer­den. Wenn sich das Ver­bre­chen – da­mit ist nicht der Fuß­ball ge­meint – schnel­ler ent­wi­ckelt als die Po­li­zei, wer­den wir frü­her oder spä­ter ein grö­ße­res Pro­blem ha­ben. Das heißt: Die Po­li­zei muss sich par­al­lel wei­ter ver­bes­sern, so wie dies auch die Schieds­rich­ter tun soll­ten. Was wür­de sich kon­kret ver­bes­sern kön­nen mit Pro­fi-Schieds­rich­tern? Die Schieds­rich­ter und As­sis­ten­ten hät­ten end­lich mehr Zeit für den Fuß­ball und so­mit für das We­sent­li­che: Vor­be­rei­tung, Spiel, Nach­be­ar­bei­tung, Er­ho­lung. Wenn man heu­te ei­nen Wo­chen­ab­lauf ei­nes Spit­zen­schieds­rich­ters an­schaut, muss man fest­stel­len, dass er zu we­nig Zeit hat für sei­ne Ar­beit, sei­ne Fa­mi­lie, für den Fuß­ball und sich selbst. Vor rund 40 Jah­ren gab es nicht nur in der Schweiz die Dis­kus­si­on: Sind denn Pro­fi­fuß­bal­ler bes­ser als Ama­teu­re? Ich glau­be, in der heu­ti­gen Zeit stellt sich die­se Fra­ge nie­mand mehr, au­ßer bei den Schieds­rich­tern. Mit die­sem Wunsch sto­ßen Sie bei den Ver­bän­den al­ler­dings bis­her auf tau­be Oh­ren. Woran könn­te das lie­gen? Will man wirk­lich star­ke Schieds­rich­ter? Wenn man die­se ket­ze­ri­sche Fra­ge mit „Ja“be­ant­wor­ten wür­de, müss­te man auch die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ein­füh­ren. Ich bin aber si­cher, dass wir in spä­tes­tens zehn Jah­ren nicht mehr dar­über dis­ku­tie­ren wer­den – die Zeit für die Ve­rän­de­rung ist da. Was kön­nen Sie den nicht im­mer glück­lich agie­ren­den Jung­schieds­rich­tern an die Hand ge­ben? Dass oft die größ­ten Feh­ler uns am wei­tes­ten nach vor­ne brin­gen. Dass sie an sich ar­bei­ten müs­sen, vor al­lem im Be­reich des Fuß­ball­ver­ständ­nis­ses. Nur wer heu­te ein Spiel le­sen, wer an­ti­zi­pie­ren kann, wird auch die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen tref­fen kön­nen, da­bei müs­sen wir Er­fah­re­ne sie un­ter­stüt­zen. Und war­um blei­ben Wer­te wie Re­spekt und Fair­ness auf dem Platz un­ter­ein­an­der trotz ent­spre­chen­der Kam­pa­gnen im­mer wie­der auf der Stre­cke? Weil der Fuß­ball im­mer schon ein Spie­gel­bild der Ge­sell­schaft war be­zie­hungs­wei­se ist und wir uns Fair­play nicht nur auf die Fah­nen schrei­ben soll­ten, son­dern je­der von uns es le­ben muss: Fair­play ist kei­ne Re­gel, son­dern ei­ne Hal­tung! Zu­letzt ha­ben Sie sich für Ro­te Kar­te an Schwal­ben­kö­ni­ge aus­ge­spro­chen. Ja klar, dies sa­ge ich schon lan­ge und dies ha­be ich auch schon Sepp Blat­ter (Ex-FI­FA-Prä­si­dent, Anm. der Re­dak­ti­on) auf den Weg ge­ge­ben. Für mich ist ei­ne Schwal­be eben nicht nur ei­ne Uns­port­lich­keit, son­dern ei­ne gro­be Uns­port­lich­keit: Ich be­trü­ge! Da­bei kann ich fast al­les ge­win­nen – Schwal­ben kön­nen auch ti­tel­ent­schei­dend sein – und fast nichts ver­lie­ren, mehr als Gelb gibt es ja nicht. Hier stimmt ein­fach das Ver­hält­nis nicht. Das glei­che gilt üb­ri­gens auch für ein Tor, das mit der Hand er­zielt wird. Auch Sie ha­ben wäh­rend Ih­rer Kar­rie­re mit­un­ter mit hef­ti­ger Kri­tik zu kämp­fen ge­habt. Wie steckt man das ei­gent­lich weg – be­zie­hungs­wei­se wor­aus ge­winnt man neue Mo­ti­va­ti­on für den nächs­ten Ein­satz? Man kann be­rech­tig­te und un­be­rech­tig­te Kri­tik am bes­ten weg­ste­cken, wenn man ehr­lich ist. Ehr­lich ge­gen­über den an­de­ren, aber ehr­lich ge­gen­über sich selbst. Ich ha­be in mei­ner gan­zen Kar­rie­re im­mer und im­mer wie­der ver­sucht, ein feh­ler­frei­es Spiel zu lei­ten, und kann nach 883 Spie­len fest­hal­ten, es war kein ein­zi­ges da­bei. Men­schen ma­chen Feh­ler, Men­schen dür­fen Feh­ler ma­chen, und auch Schieds­rich­ter ge­hö­ren in die­se Ka­te­go­rie – man ver­gisst das manch­mal.

FO­TO: DPA

Es war die Auf­re­ger­sze­ne der Hin­run­de in der Bun­des­li­ga: Der beim VfB Stutt­gart aus­ge­bil­de­te Leip­zi­ger Stür­mer Ti­mo Wer­ner lässt sich ge­gen Schal­ke 04 oh­ne Geg­ner­be­rüh­rung fal­len und ver­wan­delt an­schlie­ßend den ge­schun­de­nen Elf­me­ter. Sol­che Schwal­ben soll­ten künf­tig mit Rot be­straft wer­den, for­dert Mei­er.

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