Sin­gen vor dem Weih­nachts­baum – O du fröh­li­che?

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WEIHNACHTEN -

Ei­ner hofft, dass ich’s ver­ges­se. Der Gat­te liebt das Sin­gen im Kreis der Fa­mi­lie nicht. Ob­wohl ich ihn vor 35 Jah­ren als lus­tig träl­lern­den Kol­le­gen ken­nen­lern­te – „Chan­son d’amouou-our ...“war sein Bü­ro-Hit –, ver­stumm­te er, so­bald es um die ri­tua­li­sier­te In­nig­keit am Hei­lig­abend ging. Sein bo­cki­ges Schwei­gen in Ge­gen­wart mei­nes auf In­brunst be­ste­hen­den Va­ters be­scher­te uns ers­te Ver­wer­fun­gen. Rui­niert war die himm­li­sche Ruh’. Aber ich ma­che trotz die­ses Dra­mas al­le Jah­re wie­der den Ver­such, die Fa­mi­lie zwi­schen Be­sche­rung und Rou­la­den im Ge­sang zu ver­ei­nen. Stil­le Nacht noch­mal, das ist doch so schön! Un­se­re Toch­ter zupft wil­lig die Klamp­fe, mei­ne Schwes­ter muss vor Rüh­rung wei­nen, On­kel Hans lässt sei­nen cho­r­er­prob­ten Bass dröh­nen. Sü­ßer die Glo­cken nie klin­gen, wir sin­gen fast rich­tig, und viel­leicht summt auch der Gat­te ein we­nig mit, er ist ja in­zwi­schen Opa und al­ters­mil­de.

Aber lei­der fin­den die En­kel das Haus­kon­zert ziem­lich un­cool. „Oh nee!“, ruft Theo (8). Und sein klei­ner Bru­der Aleksan­der, er­zo­gen in Pa­ris, möch­te nur kom­pli­zier­te Chan­sons aus der Vor­schu­le krä­hen, mit Aus­drucks­tanz, da kom­men wir nicht mit. Zum Glück bleibt noch der Got­tes­dienst, wo wi­der­spruchs­los ge­sun­gen wird: Stil­le Nacht ... Von Bir­git Köl­gen

Na, da ha­ben wir die Be­sche­rung: Wer nicht singt, wird dem­nächst nicht nur als ver­stock­ter Kul­tur­ba­nau­se gel­ten, son­dern auch schief an­ge­schaut wer­den, weil er sei­ne Ge­sund­heit ge­fähr­det. Denn Ex­per­ten ver­spre­chen: Wenn sich die Fa­mi­lie um den Tan­nen­baum grup­piert und den hol­den Kn­a­ben be­singt, wer­de ein wah­rer Glücks­cock­tail ver­schie­dens­ter Hor­mo­ne aus­ge­schüt­tet. Auch Blut­druck, Herz- und Atem­rhyth­mus har­mo­ni­sier­ten sich und es stel­le sich ein „me­di­ta­ti­ves Wohl­ge­fühl“ein. Aha. Der­ar­ti­ge Ef­fek­te konn­te ich be­dau­er­li­cher­wei­se noch nie an mir fest­stel­len. Auch Haus­mu­sik aus ei­ge­ner Her­stel­lung löst bei mir eher auf­stei­gen­de Übel­keit aus. Ein Ge­burts­feh­ler viel­leicht. Al­ler­dings bin ich da­mit nicht al­lei­ne. Laut ei­ner Um­fra­ge ver­wei­gern sich mehr und mehr Zeit­ge­nos­sen dem Lied­gut aus vor­in­dus­tri­el­ler Zeit und träl­lern höchs­tens noch mit, was im Ra­dio läuft, „Ru­dolph the Red-No­sed Rein­de­er“und so zuck­ri­ges Zeug.

Ver­mut­lich wer­den wir für die­ses si­cher­lich ge­sund­heits­ge­fähr­den­de Las­ter dem­nächst auf die Ter­ras­se ver­bannt, dort­hin, wo die Rau­cher schon ste­hen. Das wird lus­tig. Trotz­dem las­se ich das lie­ber mit dem Sin­gen. Aber da­für be­fol­ge ich buch­sta­ben­ge­treu die tra­di­ti­ons­rei­che Auf­for­de­rung: „Sti-hi-lle Nacht, hei­li­ge Nacht, al­les schläft ...“ Von Pe­tra La­wrenz p.la­wrenz@schwa­ebi­sche.de

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