Kommt ein Christ­kind ge­flo­gen

Re­for­ma­ti­on ver­leiht dem Ga­ben­brin­ger Flü­gel

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WEIHNACHTEN - Von Bar­ba­ra Wald­vo­gel „Von drauß, vom Wal­de komm ich her. Ich muss euch sa­gen, es weih­nach­tet sehr! All­über­all auf den Tan­nen­spit­zen Sah ich gol­de­ne Licht­lein blit­zen. Und dro­ben aus des Him­mels Tor Sah mit gro­ßen Au­gen das Christ­kind her­vor.“ „Ich kumm

ir war­ten aufs Christ­kind!“So heißt es al­le Jah­re wie­der am 24. De­zem­ber, und nichts wird dann sehn­li­cher er­war­tet, als dass die­ses War­ten bald ein En­de hat. Denn das Christ­kind legt, wenn es drau­ßen dun­kel wird, die Ge­schen­ke un­ter den Christ­baum. Das weiß je­der, ob­wohl die­ses We­sen noch nie­mals ge­sich­tet wur­de. Und der Brauch hält sich – vor al­lem im deut­schen Sü­den – trotz Weih­nachts­mann-In­va­si­on und zu­neh­men­der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on noch im­mer in un­zäh­li­gen Fa­mi­li­en. Da­bei war es wohl Mar­tin Lu­ther, Theo­lo­ge, Fa­mi­li­en­va­ter und zen­tra­le Fi­gur der Re­for­ma­ti­on vor 500 Jah­ren, der für die Er­fin­dung des Christ­kinds den An­stoß gab.

„Karsten, gleich kommt das Christ­kind ge­flogt“, so tön­te vor ei­ni­gen Jah­ren ein Drei­kä­se­hoch laut­hals beim Krip­pen­spiel auf den Schul­tern sei­nes Va­ters, als er sei­nen Freund im Kir­chen­schiff ent­deck­te – sehr zum Ver­gnü­gen der Ge­mein­de. Der Knirps hat­te al­so schon sei­ne fes­te Vor­stel­lung vom Christ­kind: Es ist ein blond­ge­lock­tes, en­gels­glei­ches We­sen im wei­ßen, lich­ten Kleid­chen, mit Hei­li­gen­schein, und vor al­lem hat es Flü­gel. Denn es schwebt ja vom Him­mel her­ab und durchs Fens­ter ins Wohn­zim­mer hin­ein. Er­tönt dann ein Glöck­chen, ist es weg, und die Päck­chen sind da.

Aber ein Rest von Un­si­cher­heit bleibt – ganz im Ge­gen­satz zum Ni­ko­laus, je­nem ge­stan­de­nen äl­te­ren Mann, der am 6. De­zem­ber mit Mi­tra, Bi­schofs­stab und Rau­sche­bart in die Fa­mi­li­en kommt und die Kin­der er­mahnt, aber auch reich­lich be­lohnt – in evan­ge­li­schen Fa­mi­li­en heut­zu­ta­ge genau­so wie in ka­tho­li­schen. Sein Vor­bild ist der Hei­li­ge aus My­ra, um des­sen Wohl­tä­tig­keit sich vie­le Le­gen­den ran­ken. Un­ter den stren­gen Au­gen der Re­for­ma­to­ren fand der im Volk sehr be­lieb­te Bi­schof einst al­ler­dings kei­ne Gna­de. Denn sie kämpf­ten bei der Er­neue­rung der Kir­che nicht nur ge­gen Papst und Ablass­han­del, son­dern auch ge­gen die Hei­li­gen­ver­eh­rung. Kein Platz für die Hei­li­gen Laut Lu­ther gel­ten ei­nem from­men Chris­ten­men­schen al­lein die fünf So­la als Richt­schnur für ein from­mes Le­ben: So­la Fi­de (al­lein der Glau­be), So­la Scrip­tu­ra (al­lein die Schrift), So­lus Chris­tus (al­lein Chris­tus), So­la Gra­tia (al­lein die Gna­de), So­li Deo Glo­ria (Gott al­lein ge­hört die Eh­re). Da blieb kein Raum für die vie­len Hei­li­gen, ob­wohl sie bis da­to in der Das ein­zi­ge, in Deutsch­land er­hal­te­ne Ex­em­plar des Straß­bur­ger Ge­s­ang­buchs von 1541 liegt gut ver­wahrt in der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Prä­di­kan­ten­bi­blio­thek in Isny. Ei­ne wei­te­re Aus­ga­be soll sich noch in den USA im Pri­vat­be­sitz be­fin­den, wie Dietrich Oeh­ring, Pfar­rer der Evan­ge­li­schen Kirchengemeinde Isny er­klär­te. Ver­mut­lich wird das kost­ba­re Glau­bens­welt der Men­schen un­ge­mein wich­ti­ge An­sprech­part­ner in al­len Le­bens­fra­gen ge­we­sen wa­ren.

Al­ler­dings wur­den auch im Haus­halt Lu­thers bis 1530 „Ni­clas­ge­schen­ke“ge­kauft, wie in ei­nem Haus­halts­buch der Fa­mi­lie zu le­sen ist. Va­ter Lu­ther schreibt, dass die Kin­der nicht nur be­ten und fas­ten ler­nen sol­len, son­dern dass sie „das Christ­kind­lin od­der Sanct Ni­co­las be­sche­ren sol“. Da­mit war das Christ­kind als Ga­ben­brin­ger erst­mals in die ge­heim­nis­vol­le Welt der Weih­nacht ge­tre­ten. Al­ler­dings sprach der Re­for­ma­tor de­zi­diert auch vom „Hei­li­gen Christ“, hat­te al­so si­cher kei­ne Ver­nied­li­chung im Sinn. Erst et­was spä­ter ent­wi­ckel­te sich das Bild vom en­gels­glei­chen klei­nen Christ­kind, das per­sön­lich zur Be­sche­rung in die Häu­ser kam. Im 17. Jahr­hun­dert ge­sell­te sich dann noch der Knecht Ruprecht hin­zu, der ihm beim Tra­gen der Ge­schen­ke half. Er hat­te ei­ne Ru­te da­bei, ei­nen Sack auf dem Rü­cken und war oft mit ei­nem ro­ten Ex­em­plar aus Isny 2017 ei­ne Rei­se nach sei­nem Ur­sprungs­ort Straß­burg an­tre­ten. Dort soll es in ei­ner Re­for­ma­ti­ons­aus­stel­lung in der Uni­ver­si­tät ge­zeigt wer­den. Über die Win­ter­mo­na­te ist die Bi­b­lio­thek ge­schlos­sen. Füh­run­gen gibt es von Os­tern bis Ok­to­ber mitt­wochs um 10.30 Uhr, und je­den ers­ten Sams­tag im Mo­nat um 15.30 Uhr. Treff­punkt: Ni­ko­lai­kir­che in Isny. Man­tel be­klei­det – wo­bei hier die Über­lap­pung mit der Ni­ko­laus-Le­gen­de greif­bar wird.

Das ro­man­ti­sche 19. Jahr­hun­dert sorg­te dann da­für, dass die­se Kom­bi­na­ti­on von Christ­kind und Knecht Ruprecht Kin­der­au­gen zum Leuch­ten brach­te:

Theo­dor Storms Ge­dicht – Ge­ne­ra­tio­nen von Schul­kin­dern ha­ben es aus­wen­dig ge­lernt – hat da­bei nicht un­we­sent­lich die Vor­stel­lungs­welt der Klei­nen ge­prägt, die wie­der­um we­nig dar­über nach­grü­bel­ten, was die­ser neu­ge­bo­re­ne Je­sus in der Krip­pe ei­gent­lich mit dem ge­flü­gel­ten Christ­kind zu tun hat. Sie nah­men und neh­men es bis heu­te als Wun­der, und das macht nicht zu­letzt den Zau­ber die­ser Zeit aus.

Wie sehr da­ge­gen Er­wach­se­ne einst mit den Fra­gen rund um Christ­kind und Ni­ko­laus ge­run­gen ha­ben, ver­deut­licht ein Blick auf das Straß­burg des aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ters. Dort be­schloss der Ma­gis­trat 1570, die Ni­ko­lau­s­um­zü­ge zu ver­bie­ten, um den Kin­dern ein­zu­schär­fen, dass nicht der Hei­li­ge am 6. De­zem­ber, son­dern das Christ­kind an Weih­nach­ten die Ge­schen­ke brin­ge. Aber die­ses Straß­burg – ein be­deu­ten­der Ort in der Re­for­ma­ti­ons­ge­schich­te und Zuflucht für vie­le ih­rer gro­ßen Gestal­ten – hat auch noch ei­nen ganz an­de­ren Be­zug zu Weih­nach­ten: Dort wur­de 1541 ein Ge­s­ang­buch her­aus­ge­bracht, in dem ne­ben vie­len an­de­ren be­kann­ten Lu­ther-Lie­dern auch das 1535 von ihm ge­dich­te­te „Kin­der­lie­de auff die Wei­hen­ach­ten“zu fin­den ist. Die­ses po­pu­lä­re „Vom Him­mel hoch, da komm ich her“sang der Re­for­ma­tor und Fa­mi­li­en­va­ter zu­nächst auf die Me­lo­die des Spiel­manns­lie­des

1539 kom­po­nier­te er dann die heu­te ge­bräuch­li­che Me­lo­die da­zu. Jo­hann Se­bas­ti­an Bach ver­wen­de­te 200 Jah­re spä­ter die Wei­se für drei Cho­rä­le in sei­nem heu­te po­pu­lärs­ten Werk, dem Weih­nachts­ora­to­ri­um.

Die Er­folgs­ge­schich­te die­ses Weih­nachts­lie­des ging wei­ter – bis heu­te: Und wenn man so will, ist es für die bei­den gro­ßen Kon­fes­sio­nen nach den lan­gen Jahr­hun­der­ten der Tren­nung zu ei­nem Bin­de­glied ge­wor­den. Als „öku­me­ni­sches Lied“de­kla­riert, fin­den wir es heu­te so­wohl im „Evan­ge­li­schen Ge­s­ang­buch“als auch im neu­en „Got­tes­lob“der ka­tho­li­schen Kir­che. Ein hoff­nungs­vol­les Zei­chen – ge­ra­de im Jahr 2017, in dem man des Be­ginns der Re­for­ma­ti­on und da­mit auch der Spal­tung vor 500 Jah­ren ge­denkt.

FO­TO: EV. KIRCHENGEMEINDE ISNY

Das reich ver­zier­te Lied­blatt des Kin­der­lieds „Vom Him­mel hoch“führt ein mit der fro­hen Bot­schaft: „Das hat er al­les uns ge­tan, sein gros Lieb zu zei­gen an, des freu sich al­le chris­ten­heit und danck ihm des inn ewig­keit, Hal­le­lu­ja.

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