Sü­ßer die Glo­cken nie klin­gen ...

Kirch­li­ches Glo­cken­ge­läut ge­hört im christ­li­chen Abend­land zur Tra­di­ti­on – nicht nur, aber auch an Weih­nach­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WEIHNACHTEN - Von Hei­di Fried­rich

üßer die Glo­cken nie klin­gen“und „Kling Glöck­chen Klin­ge­lin­ge­ling“– Was wä­re Weih­nach­ten oh­ne Glo­cken?! „Für mich ha­ben Glo­cken im­mer et­was mit Frie­den, gu­tem Zu­sam­men­le­ben und Be­sinn­lich­keit zu tun“, sagt Fritz Hanß­mann, der die Bau­hüt­te der Stifts­kir­che in Her­ren­berg eh­ren­amt­lich lei­tet. Wer mit ihm den Turm der Stifts­kir­che be­steigt, kommt ih­ren ton­nen­schwe­ren Ex­em­pla­ren ganz nah.

Hier be­fin­det sich das in Eu­ro­pa in sei­ner Art ein­ma­li­ge Glo­cken­mu­se­um – 45 Me­ter hoch über der Stadt. In der Glo­cken­stu­be be­fin­den sich auf zwei Eta­gen 150 Glo­cken aus mehr als ei­nem Jahr­tau­send, 85 von ih­nen noch im­mer läut­bar. Mit 32 hän­gen­den Glo­cken, die re­gel­mä­ßig noch in Ge­brauch sind, ver­fügt Her­ren­berg über das um­fang­reichs­te Ge­läut Deutsch­lands.

Ei­ne der äl­tes­ten der aus­ge­stell­ten Glo­cken ist die „Ar­me­sün­der­g­lo­cke“aus dem 11. Jahr­hun­dert, die als Ge­richts­glo­cke die zum To­de Ver­ur­teil­ten zum Gal­gen be­glei­te­te. Zu den neue­ren Glo­cken ge­hört ein Ca­ril­lon. Mit die­sem Glo­cken­spiel wer­den al­ler­dings zu weit­aus schö­ne­ren An­läs­sen Me­lo­di­en per Kla­via­tur ge­spielt.

So tra­di­tio­nell hier al­les er­scheint, die Neu­zeit hat auch in der Kir­che aus dem 13. Jahr­hun­dert Ein­zug ge­hal­ten: Der Mes­ner läu­tet hier näm­lich schon lan­ge nicht mehr per Hand. „Das Läu­ten, das nach ei­ner spe­zi­el­len Läu­te­ord­nung statt­fin­det, ist per Com­pu­ter für das gan­ze Jahr schon pro­gram­miert. Ein Steue­rungs­ka­bel am Mo­tor be­zie­hungs­wei­se am Ham­mer der Glo­cke löst das Läu­ten zur ge­wünsch­ten Zeit aus“, er­klärt Hanß­mann. Doch wer das Mu­se­um be­sucht, darf die Glo­cken nicht nur an­fas­sen, son­dern bei ihm auch ein­mal ganz kurz selbst läu­ten. Hier hoch oben im Turm darf man al­ler­dings nicht zim­per­lich sein: Die Glo­cken, die meist aus Bron­ze und Zinn be­ste­hen, sind eis­kalt und der Raum ist nicht ge­heizt. Und man soll­te im­mer die Uhr­zeit im Blick be­hal­ten, denn wenn der Ham­mer für den St­un­den­schlag auf ei­ne Glo­cke trifft, soll­te man für ei­ne un­ge­wohnt lau­te akus­ti­sche Er­fah­rung ge­wapp­net sein. Hanß­mann zuckt da­bei nicht ein­mal zu­sam­men: „Man ge­wöhnt sich dar­an“, sagt er. Aber auch ihm geht es noch im­mer un­ter die Haut, wenn das Ge­läut je­den ers­ten Sams­tag im Mo­nat zu ei­nem Kon­zert an­ge­schwun­gen wird. Iden­ti­tät und Hei­mat­ge­fühl Auch den Glo­cken­sach­ver­stän­di­gen Klaus Ham­mer aus Stutt­gart, der an der Kon­zep­ti­on des Glo­cken­mu­se­ums fe­der­füh­rend be­tei­ligt war, fas­zi­nie­ren Glo­cken als In­stru­men­te. „Ob­wohl der Schlag­ton weit­hin hör­bar ist, ist er kei­ne phy­si­ka­li­sche, son­dern ei­ne mu­si­ka­li­sche Rea­li­tät, er bil­det sich näm­lich erst im Ohr durch den Zu­sam­men­klang meh­re­rer Glo­cken-Teil­tö­ne, der so­ge­nann­ten Rip­pe“, er­klärt er. Für ihn be­deu­ten Glo­cken aber noch viel mehr: „Das kirch­li­che Glo­cken­ge­läut ge­hört in Eu­ro­pa und dem christ­li­chen Abend­land zur akus­ti­schen Tra­di­ti­on. Es ver­mit­telt Iden­ti­tät, Zu­ge­hö­rig­keit und Hei­mat­ge­fühl“, sagt er. Auch die psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung von Glo­cken­ge­läut sei nicht zu un­ter­schät­zen. „Glo­cken be­glei­ten uns von der Wie­ge bis zur Bah­re und er­zeu­gen in uns ein er­he­ben­des Ge­fühl. Sie sind wie Schar­nie­re zwi­schen der hie­si­gen und der tran­szen­den­ten Welt“, sagt er.

Die­se Glo­cken-Mys­tik be­wegt auch den Glo­cken­gie­ßer Pe­ter Glas­bren­ner aus Schwä­bisch Hall. „Me­tall wird le­ben­dig, wenn es ins Schwin­gen kommt. Sei­ne me­cha­ni­sche Kraft in Form ei­ner Glo­cke wirkt auf den ge­sam­ten mensch­li­chen Or­ga­nis­mus, weil das Ge­hirn und das Herz, ja al­le Or­ga­ne, den Schwin­gun­gen aus­ge­setzt sind. Selbst die kleins­ten Ge­fä­ße im Kör­per wer­den be­rührt“, sagt er. Glas­bren­ner hat schon meh­re­re Tau­send Glo­cken ge­gos­sen. Was ihn da­bei be­son­ders in den Bann zieht, ist de­ren Lang­le­big­keit: „Die Her­stel­lung ei­ner Glo­cke dau­ert meist vie­le Wo­chen, doch läu­tet sie ih­ren Di­enst über vie­le Jahr­hun­der­te.“

Doch was, wenn ei­ne Glo­cke mit der Zeit falsch klingt, ih­ren Nach­hall ver­liert oder gar ganz ver­stummt? Wenn nicht schon ein Gieß­feh­ler dar­an schuld war, kann das auch dar­an lie­gen, dass das Me­tall an der Stel­le, auf die der Klöp­pel re­gel­mä­ßig schlägt, mit der Zeit im­mer dün­ner ge­wor­den oder so­gar ge­ris­sen ist. Sol­che Schä­den un­ter­sucht der Ma­te­ri­al­for­scher Andre­as Rupp von der Hoch­schu­le Kemp­ten mit sei­nem Team vom „Eu­ro­päi­schen Kom­pe­tenz­zen­trum Pro Bell“. „Manch­mal reicht es den Glo­cken­kör­per um et­wa 30 bis 60 Grad zu dre­hen. Da­mit ver­rin­gert man das Ri­si­ko ei­nes grö­ße­ren Scha­dens“, sagt Rupp. Auch das Ge­wicht des Klöp­pels, der meist aus Stahl ist, kann zu schwer für die Glo­cke sein. Glo­cken­kör­per und Klöp­pel müs­sen sich näm­lich „an­ge­mes­sen be­geg­nen“, wie Rupp es aus­drückt, da­mit die Glo­cke heil bleibt und ih­ren bes­ten Klang be­hält. „Wie der Klöp­pel beim so­ge­nann­ten Glo­cken­kuss, der nur ei­ne hal­be Tau­sends­tel­se­kun­de dau­ert, an­schlägt, ent­schei­det al­les“, sagt er.

Mehr als 170 Glo­cken hat der „Glo­cken­dok­tor“so schon ge­hol­fen, ih­rer Be­stim­mung wei­ter­hin ge­recht zu wer­den. Bei al­ler Wis­sen­schaft bleibt aber auch Rupp, der di­rekt ne­ben ei­ner Kir­che wohnt, nicht un­be­rührt von den tie­fe­ren Din­gen, die mit dem Glo­cken­klang ein­her­ge­hen. Ihm geht es wie Ham­mer: „Wenn die Glo­cken läu­ten, füh­le ich mich auf­ge­ho­ben.“

FO­TOS: FRIED­RICH

Der Klang der Glo­cken geht durch und durch.

Fritz Hanß­mann führt Be­su­cher ins Glo­cken­mu­se­um von Her­ren­berg.

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