Wenn Ru­he ein­kehrt

Gut 300 Flücht­lin­ge le­ben in der Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le für Flücht­lin­ge in Meß­stet­ten, es wa­ren schon zehn­mal so vie­le – Mit­ar­bei­ter be­rei­ten sich auf die Schlie­ßung vor

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Le­na Müs­sig­mann

MESSSTETTEN (lsw) - Es ist kalt auf der Alb. Selbst kurz vor Mit­tag sind Gras­hal­me und Zwei­ge steif­ge­fro­ren. „Bis vor zwei Ta­gen hab ich hier noch Leu­te in Flip­flops oh­ne So­cken rum­ren­nen se­hen“, sagt der Lei­ter der Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le (LEA) für Flücht­lin­ge, Her­bert Schef­fold (64). Er lacht. Sein Job hat ihn ge­las­sen ge­macht. Dass er an ei­nem Vor­mit­tag über das Ge­län­de füh­ren kann, wä­re vor ei­nem Jahr kaum denk­bar ge­we­sen. Da­mals hat er je­den Tag den Aus­nah­me­zu­stand or­ga­ni­siert.

Meß­stet­ten ist ein Stand­ort der Erst­auf­nah­me in Ba­den-Würt­tem­berg und hat im No­vem­ber 2014 rasch er­öff­net, als vie­le Flücht­lin­ge ins Land ge­kom­men sind. In Spit­zen­zei­ten leb­ten 3600 Men­schen in der Ein­rich­tung, die für 1000 ge­dacht war. „Auf je­dem Qua­drat­me­ter stand ein Bett“, er­in­nert sich Schef­fold. Heu­te le­ben rund 320 Flücht­lin­ge in der LEA, die 2017 schließt, spä­tes­tens zum 31. De­zem­ber. So ist es mit der Ge­mein­de Meß­stet­ten ver­ein­bart. Mit­ar­bei­ter und Eh­ren­amt­li­che ge­hen mit dem Ge­fühl des Ab­schieds ins letz­te Jahr des Be­ste­hens. 100-Jäh­ri­ge auf der Flucht „Wir soll­ten ein Buch schrei­ben“, sagt die Pfle­ge­rin An­ge­li­ka Fuchs in der Kran­ken­sta­ti­on. Sie hat Ta­ge er­lebt, an de­nen die War­ten­den bis vor der Tür stan­den und sie ih­ren Schrift­kram nur in der Nacht­schicht er­le­di­gen konn­te. Mit ih­ren Kol­le­gin­nen war sie an vie­len Schick­sa­len ganz nah dran, er­in­nert sich an ei­ne 100-Jäh­ri­ge, die noch die Flucht auf sich ge­nom­men hat­te. „Das geht nicht un­ge­streift an ei­nem vor­bei.“Sie se­he dem Ab­schied mit ge­misch­ten Ge­füh­len ent­ge­gen.

Im Kom­man­deurs­flü­gel der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne sitzt Schef­fold, bis Sep­tem­ber stell­ver­tre­ten­der Lei­ter, als Kri­sen­ma­na­ger. „Wo klemmt's gera­de?“, war und ist die Fra­ge, die er sich täg­lich stellt. Heu­te über­rollt ihn die Viel­zahl der Ant­wor­ten nicht mehr. Wie er sei­ne Auf­ga­be ver­steht? „Da­für sor­gen, dass es im Sinn der Flücht­lin­ge op­ti­mal läuft“, sagt er. „Da­zu ge­hört ein sau­be­res, zü­gi­ges Asyl­ver­fah­ren.“

Die Flücht­lin­ge blei­ben in­zwi­schen deut­lich län­ger in der Ein­rich­tung. „Letz­tes Jahr hat man die Leu­te noch vor Asyl­an­trag­stel­lung ver­legt, weil man Platz brauch­te“, sagt Schef­fold. Jetzt müs­sen die­se Leu­te um­ständ­lich aus weit ent­fern­ten Lan­des­tei­len zu ih­ren An­hö­run­gen an­rei­sen. Flücht­lin­ge, die jetzt in Meß­stet­ten an­kom­men, blei­ben so lan­ge, bis sie in der LEA ih­ren Asyl­an­trag ge­stellt und ih­re An­hö­rung hin­ter sich ha­ben.

Den 15-jäh­ri­gen Ah­med aus dem Irak zieht es schon am Vor­mit­tag vor die To­re der Ka­ser­ne zum ehe­ma­li­gen Sol­da­ten­heim, heu­te Be­geg­nungs­zen­trum, wo die Tisch­ki­cker ste­hen. Al­f­red Sau­ter (58) ist als Eh­ren­amts­ko­or­di­na­tor an die­sem Mor­gen schon vor Ort und spielt ei­ne Run­de mit. 70 Eh­ren­amt­li­che ar­bei­ten re­gel­mä­ßig in der LEA. Vie­le sind von An­fang an da­bei, „Hut ab“, sagt Sau­ter. Kaum je­mand sei im Lauf des ver­gan­ge­nen Jah­res ab­ge­sprun­gen. Ei­ne kri­ti­sche Pha­se ha­be es aber ge­ge­ben, nach­dem Flücht­lin­ge Hel­fe­rin­nen im Flücht­lings­ca­fé be­lei­digt ha­ben. „Da ha­ben wir ge­sagt: So ma­chen wir nicht wei­ter.“Die­se An­dro­hung ha­be Wir­kung ge­zeigt.

In­ter­net­sur­fen, Ke­geln, Bas­teln, so­gar ei­nen Phy­sik­kurs bie­ten die Eh­ren­amt­li­chen an. Ihr per­sön­li­cher Ar­beits­auf­wand ist nicht ge­sun­ken, seit we­ni­ger Men­schen in der LEA le­ben. „Wir ha­ben zir­ka 70 St­un­den pro Wo­che im An­ge­bot“, sagt Sau­ter. Er ist stolz. „Oh­ne Eh­ren­amt wä­re es nicht so gut ge­lau­fen“, ist er über­zeugt. „Wir ha­ben 27 000 Men­schen mit Klei­dung ver­sorgt.“Auch das In­nen­mi­nis­te­ri­um lobt die „un­ver­zicht­ba­re Un­ter­stüt­zung“Eh­ren­amt­li­cher. In der LEA, sagt Sau­er, sei es re­la­tiv ru­hig ge­blie­ben – bis auf ei­ni­ge Aus­nah­men. Vor ei­nem Jahr kam es zu ei­ner Mas­sen­schlä­ge­rei un­ter bis zu 300 Flücht­lin­gen. Über 100 Po­li­zis­ten muss­ten ein­grei­fen. „In­zwi­schen gab es Be­wäh­rungs­stra­fen für zwei Rä­dels­füh­rer“, sagt Schef­fold. An­lass sei da­mals „feh­len­des Fingerspitzengefühl“von zwei Si­cher­heits­kräf­ten ge­we­sen, die dar­auf­hin aus dem Di­enst ge­nom­men wor­den sei­en.

Zum Er­folgs­re­zept in Meß­stet­ten ge­hört ne­ben den vie­len Frei­zeit­an­ge­bo­ten auch die weit­läu­fi­ge An­la­ge: Auf Fuß­ball­plät­ze und ei­ner Lauf­bahn könn­ten die Be­woh­ner Frust und Druck ab­bau­en, in ru­hi­ge Ecken könn­ten sie sich zu­rück­zu­zie­hen. „Au­ßer­dem le­gen wir Wert dar­auf, dass man die Flücht­lin­ge auf dem Hof grüßt“, sagt Schef­fold. „Nur so viel Dis­tanz wie sein muss, aber so we­nig wie mög­lich.“

FO­TO: DPA

Eh­ren­amts­ko­or­di­na­tor Al­f­red Sau­ter am Tisch­ki­cker mit dem mit dem Ira­ker Ah­med.

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