Deut­sche für mehr Vi­deo­über­wa­chung

De­bat­te über si­cher­heits­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen nach dem An­schlag in Ber­lin

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von To­bi­as Schmidt

BER­LIN - Ge­org Lands­berg prescht vor: Der Chef des Städ­te- und Ge­mein­de­bun­des hat als Re­ak­ti­on auf den Ber­li­ner An­schlag mehr Vi­deo­über­wa­chung ge­for­dert, um neu­en Ter­ror und neue Hass-Kri­mi­na­li­tät ein­zu­däm­men. Der Schutz der All­ge­mein­heit sei „wich­ti­ger“als Da­ten­schutz. Lands­berg rüt­telt auch an ei­nem Ta­bu: „Die stren­gen Da­ten­schutz­re­ge­lun­gen müs­sen drin­gend ab­ge­baut wer­den“, da­mit aus Da­ten­schutz „kein un­be­ab­sich­tig­ter Tä­ter­schutz“wer­de, for­dert er.

Auch über die Weih­nachts­ta­ge gab es im po­li­ti­schen Ber­lin kei­ne Ver­schnauf­pau­se. Die De­bat­te über Kon­se­quen­zen nach dem Last­wa­genAn­schlag mit zwölf To­ten und mehr als 50 Ver­letz­ten wird durch ei­ne neue Um­fra­ge an­ge­heizt: Drei Vier­tel der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger for­dern mehr Si­cher­heits­maß­nah­men, al­len vor­an ei­ne Auf­sto­ckung der Po­li­zei­kräf­te. Sechs von zehn Be­frag­ten wol­len mehr Vi­deo­über­wa­chung. Aus der Uni­on ka­men wei­te­re Ru­fe nach schnel­le­ren Ab­schie­bun­gen und nach ei­ner deut­schen Leit­kul­tur. Ber­li­ner Se­nat un­ter Druck Im Streit über mehr Vi­deo­über­wa­chung ist der Ber­li­ner Se­nat un­ter Druck ge­ra­ten. Die rot-rot-grü­ne Stadt­re­gie­rung will vor­erst die ge­setz­li­chen Mög­lich­kei­ten nicht aus­schöp­fen, son­dern erst die Er­mitt­lungs­er­geb­nis­se ab­war­ten. Auf dem Breit­scheid­platz, Ort des An­schlags, stan­den und ste­hen des­we­gen kei­ne Ka­me­ras. Der Se­nat müs­se sei­ne Hal­tung zur Vi­deo­über­wa­chung „drin­gend“über­den­ken, for­der­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU).

„Die Stadt­ver­wal­tung han­delt un­ver­ant­wort­lich“, sag­te der Chef der Deut­schen Po­li­zei­ge­werk­schaft, Rai­ner Wendt, am Mon­tag im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. „Der In­nen­se­nat bit­tet die Bür­ger um Han­dy-Vi­de­os vom Tat­abend, will aber selbst nichts über­wa­chen. Das ist ab­surd.“Das Bun­des­ka­bi­nett hat­te erst kurz vor Weih­nach­ten ei­nen Ent­wurf ge­bil­ligt, der den Ein­satz von Vi­deo­über­wa­chung er­leich­tert.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat­te ver­spro­chen, die Re­gie­rung wer­de rasch Maß­nah­men er­grei­fen, wo dies not­wen­dig sei. Sie setzt auch auf schnel­le­re Ab­schie­bun­gen nach Tu­ne­si­en und in an­de­re Ma­ghreb-Län­der. Die Ab­schie­bung Am­ris war ge­schei­tert, weil Tu­nis ihm kei­nen Aus­weis aus­ge­stellt hat­te.

De Mai­ziè­re kün­dig­te ei­ne ra­sche Auf­klä­rung der Fra­ge an, war­um der Tä­ter, der bei Mailand er­schos­sen wor­den war, nicht vor dem An­schlag aus dem Ver­kehr ge­zo­gen wor­den war, ob­wohl er als ge­fähr­lich galt. Es ge­be bis­lang „kei­ne ju­ris­tisch aus­rei­chen­de Mög­lich­keit, je­den die­ser Ge­fähr­der rund um die Uhr über­wa­chen zu las­sen“, sag­te der CDU-Po­li­ti­ker. Ist auch ei­ne klar de­fi­nier­te deut­sche Leit­kul­tur not­wen­dig, um die In­te­gra­ti­on der Neu­an­kömm­lin­ge zu er­leich­tern? Muss die al­te De­bat­te wie­der­be­lebt wer­den? Ja, meint die saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (CDU). Es sei ein Feh­ler der CDU ge­we­sen, dass die­se sich in der De­bat­te über den Be­griff vor ei­ni­gen Jah­ren „so schnell den Schneid hat ab­kau­fen las­sen“. Man müs­se den Men­schen sa­gen kön­nen: „Was macht uns aus, was sind die ge­schrie­be­nen und un­ge­schrie­be­nen Re­geln.“Die Dis­kus­si­on müs­se „drin­gend“ge­führt wer­den.

Ein über­flüs­si­ger Vor­stoß, so die Ein­schät­zung des in­nen­po­li­ti­schen Spre­chers der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Bur­kard Lisch­ka. Was Kram­pKar­ren­bau­er „Leit­kul­tur“nen­ne, sei­en „die ers­ten 20 Ar­ti­kel un­se­res Grund­ge­set­zes“. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on ha­be schon da­für ge­sorgt, dass die grund­sätz­li­chen Wer­te als ele­men­ta­re Be­stand­tei­le in den In­te­gra­ti­ons­kur­sen ver­an­kert wor­den sei­en.

FO­TO: DPA

An die­sem La­ter­nen­pfahl im Duis­bur­ger Stadt­teil Marxloh hän­gen fünf Vi­deo­ka­me­ras: Sechs von zehn be­frag­ten Bür­gern in Deutsch­land for­dern ei­ne bes­se­re Über­wa­chung des öf­fent­li­chen Rau­mes.

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