„Ich hal­te 15 000 zu­sätz­li­che Po­li­zis­ten für er­for­der­lich“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BER­LIN - Der FDP-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Lind­ner (Fo­to: dpa) kri­ti­siert, dass die deut­schen Be­hör­den bei der Ab­wehr von Si­cher­heits­ri­si­ken die ge­setz­li­chen Mög­lich­kei­ten nicht im­mer aus­schöp­fen. Dies sag­te Lind­ner im Ge­spräch mit To­bi­as Schmidt. Herr Lind­ner, Sie ha­ben den Be­hör­den nach dem An­schlag auf den Weih­nachts­markt in Ber­lin Ver­sa­gen vor­ge­wor­fen. Was sind Ih­re kon­kre­ten Kri­tik­punk­te? Man hat das Ge­fühl, es herrscht in Deutsch­land Wil­der Wes­ten. Ge­fähr­der im Vi­sier der Si­cher­heits­be­hör­den wer­den nicht lü­cken­los über­wacht. Aus­rei­se­pflich­ti­ge kön­nen sich frei be­we­gen, so­gar über Gren­zen hin­weg. Mit aus­ge­dach­ten Iden­ti­tä­ten kön­nen So­zi­al­leis­tun­gen er­schli­chen wer­den. Wir ak­zep­tie­ren nicht, dass der Bü­ro­kra­tis­mus wächst, der Staat in sei­nen Kern­auf­ga­ben aber der Lä­cher­lich­keit preis­ge­ge­ben ist. Es ist der blan­ke Hohn, dass die Re­gie­rung das nur in­tern auf­ar­bei­ten will. Ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ex­per­ten­kom­mis­si­on soll­te auf­klä­ren, wo Be­hör­den ver­sagt ha­ben oder wo Ge­set­ze nicht aus­rei­chen. Der Ruf nach mehr Vi­deo­über­wa­chung wird im­mer lau­ter. Se­hen auch Sie hier Hand­lungs­be­darf? Mir fehlt der Nach­weis, dass das über­haupt et­was bringt. Ei­ne Ka­me­ra hat noch nie ei­nen Kri­mi­nel­len fest­ge­nom­men, das ma­chen Po­li­zis­ten. Not­wen­dig ist ein Plan, wie un­se­re Si­cher­heits­be­hör­den und die Po­li­zei ge­stärkt wer­den. Ich hal­te 15 000 zu­sätz­li­che Po­li­zis­ten für er­for­der­lich. Und der Rechts­staat muss sich auf die ge­fähr­li­chen Leu­te kon­zen­trie­ren, statt die Bür­ger zu kri­mi­na­li­sie­ren. Wenn in NRW beim Blit­zer-Ma­ra­thon der Klein­wa­gen bei­nah zum Staats­feind Num­mer 1 wird, aber Woh­nungs­ein­brü­che kaum auf­ge­klärt und Ge­fähr­der un­über­wacht agie­ren kön­nen, ist das ei­ne völ­lig fal­sche In­nen­po­li­tik. Dar­über hin­aus müs­sen die Aus­rei­se­pflich­ti­gen auch wirk­lich un­ser Land ver­las­sen. Dass die Be­hör­den von den ge­setz­li­chen Mög­lich­kei­ten nicht im­mer Ge­brauch ma­chen, ist ei­ne Lax­heit, die das Ver­trau­en in un­se­ren Rechts­staat be­schä­digt. Soll­te auch die Flücht­lings­po­li­tik ge­än­dert wer­den? Ja, aber das war schon vor dem An­schlag so und hat nichts mit ihm zu tun. Die Flücht­lings­po­li­tik und die Be­dro­hung durch Sala­fis­mus und Ex­tre­mis­mus müs­sen sau­ber ge­trennt wer­den. Es kann auch ein Deut­scher zu ei­nem ra­di­ka­len Ge­walt­tä­ter wer­den. Wir brau­chen ei­ne neue Stra­te­gie für den Um­gang mit Mi­gra­ti­on. Flücht­lin­ge kön­nen ers­tens in der Re­gel nicht auf Dau­er blei­ben. Die Per­spek­ti­ve muss die Rück­kehr in die al­te Hei­mat sein. Wer auf Dau­er blei­ben will, den wol­len wir uns zwei­tens aus­su­chen. Soll­ten Asyl­be­wer­ber in Tran­sit­zen­tren an den Gren­zen fest­ge­hal­ten wer­den, bis ih­re Iden­ti­tät zwei­fels­frei ge­klärt ist? Die Re­gie­rung soll­te erst ein­mal dar­le­gen, dass dies recht­lich über­haupt mög­lich ist und fak­tisch et­was bringt. Da­nach kann man dis­ku­tie­ren. Oh­ne­hin wä­re das aber ein In­stru­ment im Rah­men des Schut­zes der eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­ze. Was viel dring­li­cher ist, das ist die Ab­schie­bung von Aus­rei­se­ver­pflich­te­ten. Not­falls soll­te Frau Mer­kel selbst nach Tu­ne­si­en fah­ren und mit der Re­gie­rung dort spre­chen. Die neh­men ger­ne un­se­re Ent­wick­lungs­hil­fe, aber ko­ope­rie­ren nicht bei der Rück­füh­rung. Das kann man nicht ak­zep­tie­ren. Und die Grü­nen müs­sen end­lich ih­ren Wi­der­stand da­ge­gen auf­ge­ben, die Ma­ghreb-Staa­ten als si­che­re Her­kunfts­län­der ein­zu­stu­fen.

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