Groß­ar­tig und zer­brech­lich

In Ge­or­ge Micha­el stirbt ei­ne wei­te­re Pople­gen­de der 80er-Jah­re

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Jür­gen Schat­t­mann

RAVENSBURG - 15,90 Mark kos­te­te die Kas­set­te, die das Le­ben vie­ler jun­gen Men­schen in den 80er-Jah­ren auf den Kopf stell­te. Für man­che, die es bis da­to aus Kos­ten­grün­den vor­ge­zo­gen hat­ten, lie­ber die ein­zel­nen Songs aus dem Radio auf­zu­neh­men, war es die ers­te. Man muss­te das Ding kau­fen, al­les an die­sem Co­ver fun­kel­te. Ein jun­ger Mann mit Drei­ta­ge­bart war dar­auf, vom lin­ken Ohr hing ihm ein gol­de­nes Kreuz her­ab wie ei­ne Mon­stranz, ei­ne schwarz glän­zen­de Le­der­ja­cke be­deck­te den nack­ten Ober­kör­per. So ver­son­nen trau­rig sah die­ser 24-Jäh­ri­ge aus, dass es fast weh tat, doch wenn er zur Gi­tar­re griff, war al­ler Kum­mer weg. Zehn Se­kun­den lang summ­te die Or­gel zu „Faith“, Kir­chen­mu­sik, dann folg­te ein Stac­ca­to un­ver­schäm­ter Rock­riffs – und plötz­lich hat­te der Be­griff cool, der in den 80er-Jah­ren Mo­de wur­de, ein Ge­sicht.

Ge­or­gi­os Ky­ria­kos Pa­na­gio­tou aus Lon­don, der sich Ge­org Micha­el nann­te, ver­kör­per­te al­les, was cool war: Männ­lich­keit, aber auch Ge­füh­le, Spaß, aber auch Ernst, säu­seln­de Ro­man­tik, un­ver­blüm­ten Sex. „Faith“hieß auch das Al­bum, das da­mals die Rock- und Pop­welt auf­misch­te, und mit Prin­ce und Micha­el Jack­son soll­te die­ser Ge­or­ge Micha­el von nun an ein fun­kig-ro­ckig-groo­vi­ges Drei­ge­stirn bil­den, dem die Da­men­welt nur ei­ne Ver­tre­te­rin ent­ge­gen­stem­men konn­te: die Po­pi­ko­ne Ma­don­na.

Seit Mon­tag­nacht, dem 2. Weihnachtsfeiertag, ist Ma­don­na al­lein un­ter den Le­ben­den. Nach Jack­son und Prin­ce hat sich auch Ge­or­ge Micha­el, der Sän­ger und Gi­tar­rist, der mehr als 100 Mil­lio­nen Ton­trä­ger ver­kauft hat, aus der Welt ver­ab­schie­det. Le­dig­lich 53 Jah­re alt wur­de der Sohn ei­ner Bri­tin und ei­nes grie­chisch-zy­prio­ti­schen Va­ters, sanft sei er auf sei­nem So­fa in Ox­fordshire 90 Ki­lo­me­ter von Lon­don ent­fernt ent­schla­fen, teil­te sein Ma­nage­ment mit. Man muss das nicht glau­ben, denn der jun­ge Mann, der so ge­sund aus­sah auf dem „Faith“Co­ver und den Bra­vo-Pos­tern, er war nie ein Spe­zia­list dar­in, ein glück­li­ches Le­ben zu füh­ren. Das hat­te eben auch mit die­ser Lie­be und Se­xua­li­tät zu tun, von der er so oft sang. Trau­er und Scham­ge­füh­le Ge­or­ge Micha­el war ho­mo­se­xu­ell, und Schwul­sein, das war in den 80ern in ei­ner schein­bar auf­ge­klär­ten Ge­sell­schaft noch im­mer ein Grund, sich schä­men zu müs­sen, Ver­steck­spie­le trei­ben zu müs­sen. Und es war auch ein Grund, sich Sor­gen zu ma­chen, denn in den 80ern wur­de ei­ne Krank­heit na­mens Aids dia­gnos­ti­ziert, die die Welt und den bis da­to so un­be­schwer­ten Sex ve­rän­der­te. Prin­ce sang dar­über in „Sign o’ The Ti­mes“, Ge­or­ge Micha­el litt dar­un­ter wie ein Hund. 1993 starb sein Ge­fähr­te An­sel­mo Fe­leppa an HIV, Ge­or­ge Micha­el hat spä­ter in ei­nem mar­ker­schüt­tern­den In­ter­view da­von er­zählt. Es war die Lie­be sei­nes Le­bens. Be­reits mit 17 hat­te Ge­or­ge Micha­el mit sei­nem Schul­freund And­rew Rid­ge­ley die Pop­grup­pe „Wham“ge­grün­det, schnell lan­de­ten sie zahl­lo­se Hits. Ihr be­kann­tes­ter – „Last Christ­mas!“, längst zur Dau­er­be­rie­se­lung in Su­per­märk­ten ver­kom­men –, wur­de am zwei­ten Weihnachtsfeiertag in kaum zu er­tra­gen­der Dau­er­schlei­fe wie­der­holt. Hät­te man ihn selbst ge­fragt, Micha­el hät­te sich ver­mut­lich lie­ber „Ca­re­less whi­s­per“ge­wünscht. „Guil­ty feets ha­ve got no rhythm“, singt er da, Fü­ße, die sich schul­dig füh­len, ha­ben kei­nen Rhyth­mus.

Das Sich-schul­dig-Füh­len, das Sich-schä­men-Müs­sen war Micha­els The­ma. Wie Prin­ce und Ma­don­na lieb­te er die Pro­vo­ka­ti­on und lös­te mit Tex­ten und Vi­de­os („I want your sex“, „Fa­ther Fi­gu­re“) Skan­da­le aus, über die jun­ge Men­schen heut­zu­ta­ge, im Zeit­al­ter der In­ter­net-Por­no­gra­phie, stau­nen und schmun­zeln wür­den. Die 80er-wa­ren spie­ßig, auch die 90er wa­ren es noch, Ge­or­ge Micha­el wehr­te sich – mit ei­ner Kunst, die sich wan­del­te, ernst wur­de. „Lis­ten wi­thout Pre­ju­di­ce“hieß Micha­els zwei­tes gro­ßes Al­bum, in dem er die schwe­ren Lie­bes­the­men de­kli­niert: Ver­ant­wor­tung, Frei­heit, Vor­ur­tei­le, Leid.

Mit den dunk­len The­men klar­zu­kom­men, dar­in tat sich Ge­or­ge Micha­el al­ler­dings zu­se­hends schwe­rer. Kur­ze Zeit nach Fe­leppa starb auch sei­ne Mut­ter („So vie­len Men­schen, die ich lieb­te, pas­sier­ten schreck­li­che Sa­chen. Es war fast bi­zarr“), Micha­el ver­lor sich in Dro­gen und De­pres­sio­nen. Als er 1998 in Los An­ge­les beim Cru­i­sing auf ei­ner öf­fent­li­chen Toi­let­te von ei­nem Po­li­zis­ten ver­haf­tet wur­de, war er am Tief­punkt.

Im neu­en Jahr­tau­send fing sich Ge­or­ge Micha­el wie­der, der Er­folg des al­ten aber stell­te sich nicht mehr ein. Viel­leicht war er zu groß, die­ser Er­folg, viel­leicht war er zu schnell ge­kom­men für ei­nen zer­brech­li­chen jun­gen Men­schen, viel­leicht war er zu groß­ar­tig. Zehn­tau­sen­de Men­schen kon­do­lier­ten Ge­or­ge Micha­el im Lau­fe des Mon­tags, auch zwei Pop­stars mel­de­ten sich zu Wort. El­ton John schrieb: „Ich ha­be ei­nen ge­lieb­ten Freund ver­lo­ren – den net­tes­ten, groß­zü­gigsts­ten und ei­nen bril­lan­ten Künst­ler.“Ma­don­na war nicht we­ni­ger trau­rig: „Le­be wohl, mein Freund. Wie­der ist ein gro­ßer Künst­ler von uns ge­gan­gen. Kann sich das Jahr 2016 jetzt nicht ver­pis­sen?“

FO­TO: AFP/ EVERT ELZINGA

Er leg­te Wert auf durch­dach­te, bom­bas­ti­sche Shows: der bri­ti­sche Mu­si­ker Ge­or­ge Micha­el.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.