Lie­bes­spek­ta­kel mit bri­ti­schem Hu­mor

Der Film „Lo­ve & Fri­endship“über­zeugt als ori­gi­nel­le Ja­ne-Aus­ten-Ad­ap­ti­on

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Ste­fan Ro­ther

Noch ei­ne Ja­ne-Aus­ten-Ver­fil­mung? Dar­an herrsch­te in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten doch wahr­lich kein Man­gel. Al­ler­dings kon­zen­trier­ten sich die­se bis­lang vor al­lem auf die be­kann­tes­ten Wer­ke der bri­ti­schen Schrift­stel­le­rin wie „Stolz und Vor­ur­teil“, „Mans­field Park“oder „Em­ma“. „Lo­ve & Fri­endship“ba­siert da­ge­gen auf „La­dy Su­san“, ei­nem Früh­werk, das Aus­ten noch als Te­enager schrieb und das lan­ge un­ver­öf­fent­licht blieb. Der ame­ri­ka­ni­sche Re­gis­seur Whit Still­man wit­ter­te al­ler­dings das Po­ten­zi­al der poin­tier­ten Dia­lo­ge und des bis­si­gen Wit­zes der Vor­la­ge und bringt die­se in ei­ner her­aus­ra­gen­den Um­set­zung auf die Lein­wand.

Dass Still­man sich zu der Ge­schich­te ei­ner skan­dal­um­rank­ten jun­gen Wit­we hin­ge­zo­gen fühl­te, ist we­nig über­ra­schend – schließ­lich sind Ge­sell­schafts­ko­mö­di­en die Spe­zia­li­tät des Re­gis­seurs. So stan­den ge­sell­schaft­li­che Zwän­ge und Ri­tua­le be­reits in sei­nen ers­ten drei Fil­men „Me­tro­po­li­tan“, „Bar­ce­lo­na“und „The Last Days of Dis­co“im Mit­tel­punkt. Die Haupt­dar­stel­le­rin­nen des letzt­ge­nann­ten Films über das New Yor­ker Nacht­le­ben, Ka­te Be­ck­in­sa­le und Chloë Se­vi­gny, ar­bei­ten hier erst­mals wie­der zu­sam­men und vor al­lem Be­ck­in­sa­le ist ei­ne Of­fen­ba­rung. Nach­dem sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in den „Un­der­world“Ac­tion-Hor­ror­fil­men klar un­ter­for­dert war, do­mi­niert sie als La­dy Su­san hier je­de Sze­ne des hoch­ka­rä­tig be­setz­ten Films und schafft es, ih­re ex­trem ego­zen­tri­sche und skru­pel­lo­se Fi­gur nicht et­wa un­sym­pa­thisch, son­dern durch­ge­hend fas­zi­nie­rend er­schei­nen zu las­sen.

Die Vor­la­ge ist in der zur Zeit des Er­schei­nens am En­de des 18. Jahr­hun­derts po­pu­lä­ren Form des Brief­ro­mans ge­hal­ten. Dem­ent­spre­chend ste­hen hier vor al­lem die Dia­lo­ge – im Fal­le von La­dy Su­san eher Mo­no­lo­ge – im Mit­tel­punkt, wäh­rend die Hand­lung epi­so­disch an­ge­legt ist. Die Haupt­fi­gur ist jung ver­wit­wet und strebt nun da­nach, ih­re Toch­ter Fre­de­ri­ca (Mor­fydd Clark) und sich selbst stan­des­ge­mäß un­ter die Hau­be zu brin­gen. Nach­dem die Flirt­künst­le­rin als Gast von Lord Man­wa­ring (Loch­l­ann O’Me­aráin) dem ver­hei­ra­te­ten Haus­herrn zu na­he ge­kom­men ist, muss sie des­sen An­we­sen über­stürzt ver­las­sen. Amü­san­te In­tri­gen Zuflucht ge­währt ihr ihr gut­mü­ti­ger Sch­wa­ger Charles Ver­non (Jus­tin Ed­wards) – sehr zum Miss­fal­len von des­sen Frau Ca­the­ri­ne (Em­ma Gre­en­well), die an­ge­sichts des Ru­fes der Da­me äu­ßerst miss­trau­isch ist. Die Be­fürch­tun­gen be­wah­ren sich schnell, denn trotz al­ler War­nun­gen ver­fällt Ca­the­ri­nes Bru­der Re­gi­nald DeCour­cy (Xa­vier Sa­mu­el) im Nu der deut­lich äl­te­ren Su­san. Für ih­re Toch­ter hat die we­nig lie­be­vol­le Mut­ter da­ge­gen den wohl­ha­ben­den, aber töl­pel­haf­ten Sir Ja­mes Mar­tin (Tom Ben­nett) vor­ge­se­hen. Als Ver­trau­te für ih­re durch­trie­be­nen Plä­ne dient Su­san die Ame­ri­ka­ne­rin Ali­cia John­son (Chloë Se­vi­gny) – al­ler­dings kommt ihr de­ren Gat­te (Ste­phen Fry) zu­neh­mend auf die Sch­li­che …

Zu Be­ginn des Fil­mes wer­den die vie­len Fi­gu­ren in schnel­ler Fol­ge durch Text­ein­blen­dun­gen vor­ge­stellt, was eher ver­wir­rend wirkt. Da­bei ist das Ge­sche­hen an sich nicht sehr kom­plex; der größ­te Ge­nuss des Films be­steht in den ge­schlif­fe­nen Ge­sprä­chen, die man idea­ler­wei­se im eng­lisch­spra­chi­gen Ori­gi­nal ver­nimmt. Still­man blen­det da­bei re­gel­mä­ßig auf die hilf­los-ver­dutz­ten Ge­sich­ter der Zu­hö­rer wäh­rend La­dy Su­san selbst ihr noch so un­an­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten als völ­lig ra­tio­nal und zwangs­läu­fig dar­stellt.

Ob­wohl der Film sehr güns­tig pro­du­ziert wur­de, wir­ken Aus­stat­tung und Ko­s­tü­me über­zeu­gend. In den USA spiel­te „Lo­ve & Fri­endship“be­reits ein Viel­fa­ches sei­ner Kos­ten ein.

Auch der Re­gis­seur ist of­fen­kun­dig La­dy Su­san ver­fal­len, mach­te er sich doch dar­an, aus der Brief­vor­la­ge ei­nen neu­en Ro­man zu ent­wi­ckeln. Das ist ihm bei dem bis­lang nur auf Englisch er­hält­li­chen Buch in be­acht­li­cher Wei­se ge­lun­gen – und das Ori­gi­nal ist als Ver­gleich eben­so ent­hal­ten. Lo­ve & Fri­endship. Re­gie: Whit Still­man. IR/NL/F 2016. 92 Mi­nu­ten. Mit: Ka­te Be­ck­in­sa­le, Chloë Se­vi­gny, Ste­phen Fry.

FO­TO: DPA

Opu­len­te Ko­s­tü­me und sprit­zi­ge Dia­lo­ge: Ka­te Be­ck­in­sa­le (links) bril­liert in „Lo­ve & Fri­endship“als fas­zi­nie­ren­de La­dy Su­san. Selbst der jun­ge Re­gi­nald (Xa­vier Sa­mu­el) er­liegt ih­rem Charme.

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