Land­schafts­por­träts aus dem Pott

Die Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne zeigt Al­bert Ren­ger-Patzschs ein­dring­li­che Fo­to­gra­fi­en der Ruhr­land­schaf­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Chris­ta Sigg

MÜN­CHEN - Der Mann muss dau­ernd durch die Ge­gend kut­schiert sein, so vie­le Auf­nah­men gibt es von ihm. Aber auf den Fo­to­gra­fi­en fin­det sich kaum ein Au­to. Auch Men­schen tau­chen sel­ten auf zwi­schen ein­sa­men Stra­ßen­la­ter­nen und schma­len Schlo­ten, die wie Pfei­le in den Him­mel schie­ßen. Al­bert Ren­gerPatzsch (1897-1966) hat das Ruhr­ge­biet durch­streift und de­tail­liert por­trä­tiert. Mit über 80 Ex­em­pla­ren sind die Pott­land­schaf­ten zwi­schen Dort­mund und Duis­burg jetzt erst­mals in ei­ner um­fas­sen­den Aus­stel­lung prä­sen­tiert – aus­ge­rech­net in der Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne in Mün­chen.

Das ist be­mer­kens­wert, denn von Ren­ger kennt man in ers­ter Li­nie die Wer­be­auf­nah­men für Un­ter­neh­men wie die Jena­er Glas­wer­ke oder das Kaf­fee­tas­sen-Ar­ran­ge­ment für die Fir­ma Hag und na­tür­lich die Schuh­bü­gel­ei­sen der Fa­gus-Wer­ke, die zu den Iko­nen der Licht­bild­ge­schich­te zäh­len. Über­haupt hat der dis­tan­ziert-sprö­de Fo­to­graf aus Würz­burg den Reiz ge­sta­pel­ter Koch­töp­fe für uns ent­deckt. Oder die Ele­ganz fein ge­reih­ter Schei­beni­so­la­to­ren an ei­nem Hoch­span­nungs­mast. Ar­bei­ten oh­ne Auf­trag Ei­ni­ges da­von ist in der 1928 er­schie­ne­nen Bi­bel fo­to­gra­fi­scher Äs­t­he­tik un­ter dem Ti­tel „Die Welt ist schön“zu­sam­men­ge­fasst. Ren­ger war gut im Ge­schäft, sein Ka­len­der prall ge­füllt. Wirk­lich „frei“ar­bei­ten konn­te er ei­gent­lich nur auf dem Weg zum nächs­ten Ter­min, und tat­säch­lich bil­den sei­ne zwi­schen 1927 und 1935 ent­stan­de­nen Ruhr­ge­biets­land­schaf­ten die ein­zi­ge Werk­grup­pe, die oh­ne Auf­trag ent­stan­den ist.

Ren­ger-Patzsch bleibt auch hier der auf Per­fek­ti­on be­dach­te Do­ku­men­tar. Wenn sich auf dem Hell­weg zwi­schen Es­sen-Stee­le und Bochum dür­re Herbst­bäu­me auf der re­gen­nas­sen Land­stra­ße spie­geln, in­ter­es­siert ihn ne­ben der Stoff­lich­keit vor al­lem der Rhyth­mus – so, wie bei den Schorn­stei­nen, die sich hin­ter ei­ner Wie­se for­mie­ren, de­ren Gras­hal­me fast greif­bar schei­nen. Und dann sind da die­se lee­ren Gas­sen ei­ner Berg­manns­sied­lung, in der sich Haus an Haus reiht, oder die Wä­sche­stü­cke, die sich an ei­ner ein­fa­chen Lei­ne durch den kar­gen Vor­gar­ten zie­hen. Men­schen spie­len nur in­di­rekt ei­ne Rol­le. Da­bei ist je­der Qua­drat­me­ter ge­prägt von der Ve­rän­de­rung und ei­ner im Eil­tem­po fort­schrei­ten­den In­dus­tria­li­sie­rung.

Er selbst spricht vom „Ein­bruch des Men­schen in die Na­tur“. Doch was wir heu­te als kri­ti­schen Kommentar be­grei­fen möch­ten, kommt nüch­tern da­her. Al­ler­dings nicht oh­ne je­de Emo­ti­on, wie man es die­sem ne­ben Au­gust San­der und Karl Bloss­feldt wich­tigs­ten Ver­tre­ter der Neu­en Sach­lich­keit ger­ne un­ter­stellt. Und er hat nie Se­hens­wür­dig­kei­ten im Vi­sier. Statt­des­sen führt Ren­ger die Rand­zo­nen der wach­sen­den Städ­te vor Au­gen, die Ze­chen mit ih­ren För­der­tür­men eben­so wie die düs­te­ren Hin­ter­hö­fe und ver­las­se­nen Plät­ze, die be­reits an die ame­ri­ka­ni­sche Fo­to­gra­fie der 1960er- und 70er-Jah­re den­ken las­sen. Zeit­los und klar Die Neu­tra­li­tät und die kom­po­si­to­ri­sche Klar­heit ma­chen die­se Auf­nah­men zeit­los. Des­halb sind es we­der die pa­the­ti­schen Rhein­land­schaf­ten (1926-1946) San­ders, noch Hein­rich Hau­sers en­ga­gier­te Re­por­ta­ge vom „Schwar­zen Re­vier“(1928), die den Ar­bei­ten von Bernd und Hil­la Be­cher vor­aus­ge­hen, son­dern die Ruhr­ge­biets­fo­to­gra­fi­en Ren­ger-Patzschs. Dass sie in Mün­chen ge­zeigt wer­den, hängt da­mit zu­sam­men, dass das Ga­le­ris­ten­paar Ann und Jür­gen Wil­de sei­ne hoch­ka­rä­ti­ge Fo­to­kol­lek­ti­on den Baye­ri­schen Staats­ge­mäl­de­samm­lun­gen ver­macht hat.

Dem kom­pro­miss­lo­sen Künst­ler wa­ren die­se Land­schaf­ten be­son­ders wich­tig, das de­mons­triert das hoch­wer­ti­ge Cha­mois­pa­pier, das er für die oft groß­for­ma­ti­gen Ab­zü­ge (30 x 40 cm) ver­wen­det hat. Doch ge­nau­so hat Ren­ger, der im Krieg gro­ße Tei­le sei­nes Ar­chivs ver­lor, auf die Qua­li­tät der klei­ne­ren For­ma­te die­ser Serie ge­ach­tet. Der Mann, der noch in den 60er-Jah­ren mit ei­ner Holz­kas­ten­ka­me­ra un­ter­wegs war, über­ließ nichts dem Zu­fall. Egal, wie be­schwer­lich das Fo­to­gra­fie­ren zwi­schen den ra­san­ten Au­to­fahr­ten aus­fiel. „Al­bert Ren­ger-Patzsch. Ruhr­ge­biets­land­schaf­ten“bis 23. April in der Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Zur Aus­stel­lung ist ein be­glei­ten­des Magazin er­schie­nen, 60 Seiten, 60 Ab­bil­dun­gen, 16 Eu­ro.

FO­TO: NICOLE WILHELMS

An der Ruhr­mün­dung bei Duis­burg, 1929/30.

FO­TO: AR­CHIV WIL­DE

Win­ter­land­schaft mit Ze­che Plu­to in Wan­ne-Ei­ckel, 1929.

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