„Ge­setz be­lohnt Kul­tur­zer­stö­rung“

Archäo­lo­ge Micha­el Mül­ler-Kar­pe fürch­tet um die Er­hal­tung wert­vol­ler an­ti­ker Kul­tur­gü­ter

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR -

MAINZ (dpa) – Der Main­zer Kri­mi­nal­ar­chäo­lo­ge Micha­el Mül­ler-Kar­pe hält das no­vel­lier­te Kul­tur­gut­schutz­ge­setz für ver­hee­rend. Da­durch wer­de dem Han­del mit An­ti­ken aus Raub­gra­bun­gen Vor­schub ge­leis­tet. „Das neue Ge­setz dämmt die Zer­stö­rung nicht nur nicht ein, es för­dert sie“, sag­te er in ei­nem In­ter­view der Deut­schen Presse-Agen­tur. Händ­ler könn­ten näm­lich ein Do­ku­ment aus­stel­len, wo­nach ein ar­chäo­lo­gi­scher Raub­gra­bungs­fund schon vor 2007 in Deutsch­land war – und da­mit wer­de er le­ga­li­siert. Ei­ner der Haupt­grün­de für die No­vel­lie­rung des Kul­tur­gut­schutz­ge­set­zes war die Ein­däm­mung des Han­dels mit Raub­gut aus Kriegs­und Kri­sen­ge­bie­ten. Ist das ge­lun­gen? Nein, das Ge­setz ist ver­hee­rend. Die ar­chäo­lo­gi­schen Stät­ten sind die Qu­el­le, aus der sich das kul­tu­rel­le Ge­dächt­nis der Mensch­heit speist. Und die­se Stät­ten wer­den durch Raub­gra­bun­gen sys­te­ma­tisch zer­stört – zur Ver­sor­gung ei­nes nim­mer­sat­ten An­ti­ken­mark­tes mit Heh­ler­wa­re. Das neue Ge­setz dämmt die Zer­stö­rung nicht nur nicht ein, es för­dert sie. Wie das? Il­le­gal aus den Her­kunfts­län­dern ver­brach­te Kul­tur­gü­ter, dar­un­ter vor al­lem Raub­gra­bungs­fun­de – auch der Fi­nan­zie­rung von Ter­ror und Kriegs­ver­bre­chen die­nen­de Blut­an­ti­ken –, die vor dem 26. April 2007 nach Deutsch­land ver­bracht wur­den, gel­ten nicht mehr als un­recht­mä­ßig ein­ge­führt. Das ist der Tag, an dem Deutsch­land dem Kul­tur­gü­ter­schutz­über­ein­kom­men der Unesco von 1970 bei­ge­tre­ten ist. Sie müs­sen nicht mehr zu­rück­ge­ge­ben wer­den: Sie sind ge­wa­schen. Das heißt, Deutsch­land dul­det den Han­del mit ge­plün­der­tem Kul­tur­gut, wenn es vor dem Stich­tag ein­ge­führt wur­de? Nicht nur das. Da­mit kön­nen nun auch wei­ter­hin Fun­de aus fri­schen Plün­de­run­gen pro­blem­los ver­mark­tet wer­den. Der Händ­ler muss sich le­dig­lich ein Pa­pier be­schaf­fen, aus dem her­vor­geht, dass das be­tref­fen­de Ob­jekt be­reits vor dem Stich­tag in Deutsch­land ge­we­sen ist. Da­mit be­nö­tigt er dann kei­ne Her­kunfts­nach­wei­se mehr. Er braucht al­so nur in kra­ke­li­ger Schrift ein Do­ku­ment ver­fas­sen, aus dem her­vor­geht, dass das Ob­jekt be­reits in den 60er-Jah­ren hier war – un­ter­schrie­ben von ei­ner Person, die na­tür­lich längst tot ist. Zoll, Po­li­zei und Staats­an­walt­schaf­ten sind oh­ne­hin über­las­tet. Die wer­den gar nicht in der La­ge sein, die Echt­heit von Zehn­tau­sen­den sol­cher Do­ku­men­te zu über­prü­fen. Mün­zen, die es in gro­ßer Zahl gibt und die kei­nen re­le­van­ten Er­kennt­nis­wert ha­ben, gel­ten im neu­en Ge­setz nicht als ar­chäo­lo­gi­sche Ge­gen­stän­de. Ist das ei­ne gu­te Idee? Der Ge­setz­ge­ber ver­kennt, dass gera­de Mün­zen, wenn es sie in gro­ßer Zahl gibt und sie da­her gut er­forscht sind, ei­nen im­mens ho­hen Er­kennt­nis­wert ha­ben. Durch Mün­zen kann man ar­chäo­lo­gi­sche Schich­ten und Ar­chi­tek­tur zeit­lich be­stim­men. Die Ver­brei­tung der Mün­zen er­mög­licht wich­ti­ge Er­kennt­nis­se über groß­räu­mi­ge Wirt­schafts­be­zie­hun­gen. Die­se In­for­ma­tio­nen ge­hen ver­lo­ren, wenn der Fund­kon­text zer­stört wird. Das Ge­setz be­lohnt Kul­tur­zer­stö­rung. War­um ha­ben wir in Deutsch­land ein Ih­rer Mei­nung nach so schlech­tes Ge­setz zum Schutz von Kul­tur­gut? Wir ha­ben hier ei­ne be­son­ders rüh­ri­ge Lob­by, die ih­re An­lie­gen an der ge­eig­ne­ten Stel­le vor­brin­gen und durch­set­zen kann. Da­hin­ter ste­cken Händ­ler, aber auch Samm­ler.

FO­TO: DPA

Der Archäo­lo­ge Micha­el Mül­lerKar­pe kämpft für den Schutz an­ti­ker Stü­cke aus Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten.

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