Aus der Lee­re in die Lee­re

Als der IS an­griff, ka­men ira­ki­sche Flücht­lin­ge zu­nächst in Roh­bau­ten un­ter – Ih­re Hoff­nung ist, bald in Wohn­con­tai­ner um­zu­zie­hen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Jasmin Off

DO­HUK - Es gibt Wor­te, die brin­gen es auf den Punkt. „Roh­bau“ist so ein Wort. Zwei Sil­ben, die deut­lich ma­chen, wie nah das Gu­te und das Schlech­te manch­mal bei­ein­an­der lie­gen. Das Gu­te an ei­nem Roh­bau ist: Es ist ein Bau, ein Un­ter­schlupf, ein Dach über dem Kopf. Das Schlech­te dar­an: Der Bau ist roh. Das Haus ist nur grob ver­ar­bei­tet, un­fer­tig, un­wirt­lich. Fluch und Se­gen zu­gleich – für Tau­sen­de Flücht­lin­ge im Irak ist der Roh­bau ge­nau dies.

Die Fahrt zur Roh­bau­sied­lung von Do­huk führt weg vom pul­sie­ren­den Le­ben der 500 000-Ein­woh­nerS­tadt im Nord­irak. Wer am En­de der Stra­ße links ab­biegt, aber das will in die­sen Zei­ten nie­mand, kommt nach Mos­sul. Die Stadt ist die letz­te gro­ße Bas­ti­on des „Is­la­mi­schen Staa­tes“. Seit Ok­to­ber tobt hier die fi­na­le Of­fen­si­ve ge­gen die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on. Wer rechts ab­biegt, fährt vor­bei an In­dus­trie­bau­ten, über holp­ri­ge, ver­schmutz­te Stra­ßen, dann kommt er zu den Ärms­ten der Ar­men. Zu de­nen, die im Roh­bau le­ben.

Ka­rim She­ko, ein al­ter Mann mit wei­ßen Haa­ren, leb­te einst im Shin­gal­ge­bir­ge, dann muss­te sei­ne Fa­mi­lie flie­hen. Heu­te be­woh­nen sie das ers­te Haus der Roh­bau­sied­lung. Un­ver­putz­te Stu­fen füh­ren zum Ein­gang hin­auf, auf zwei kah­len, grau­en Säu­len ruht ein Vor­dach. Wo heu­te She­kos Frau in wei­ßem Ge­wand auf dem Bo­den sitzt, könn­te ein­mal ei­ne schö­ne Ter­ras­se sein. Ein gro­ßes Fens­ter könn­te durch den Aus­schnitt in der Wand Licht ins In­ne­re des Hau­ses las­sen. Doch hier ist nur Be­ton. Lö­cher statt Fens­ter. Holz­lat­ten statt Glas. Der ein­zi­ge Hin­weis auf Be­woh­ner ist ei­ne Wä­sche­lei­ne mit ei­ner ro­ten Kin­der­ho­se, die zwi­schen den Säu­len im Wind weht.

Die Tür zu dem Haus, das jetzt ihr Zu­hau­se ist, muss She­ko gar nicht erst öff­nen. Wei­ße Plas­tik­pla­nen, die am ge­mau­er­ten Tür­stock be­fes­tigt sind, we­hen die Gäs­te, die Käl­te und das klam­me Ge­fühl ins In­ne­re. Bo­den, Wän­de, De­cke – über­all ist es grau. Hier und da hängt ei­ne Steck­do­se her­un­ter, an ei­ni­gen Stel­len ra­gen Roh­re aus der Wand. Am En­de des Rau­mes soll­te wohl mal ei­ne Trep­pe in den ers­ten Stock füh­ren, im Mo­ment führt sie ins Nichts. Dün­ne De­cken schüt­zen nicht vor der win­ter­li­chen Käl­te Wer den Blick ge­ra­de­aus rich­tet, sieht die ein­zi­gen Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de im Ein­gangs­be­reich: An ei­ner Schnur sind drei klei­ne Hand­tü­cher auf­ge­reiht, da­ne­ben hängt ein pin­ker Plas­tik­spie­gel. Will­kom­men im Ba­de­zim­mer der Fa­mi­lie She­ko. Um die Ecke steht ein Kühl­schrank, oben drauf sitzt ein Plüsch­lö­we.

Im hin­ters­ten Zim­mer, am wei­tes­ten ent­fernt vom zu­gi­gen Ein­gang, hat die Fa­mi­lie ih­re Schlaf­la­ger auf­ge­baut. Die Er­wach­se­nen und die grö­ße­ren Kin­der lie­gen auf dün­nen Ma­trat­zen auf dem Bo­den. In der Ecke des Rau­mes steht ei­ne selbst ge­zim­mer­te Wie­ge aus Holz, hier schläft das jüngs­te Kind. Die Woll­de­cken, mit de­nen sie sich nachts zu­de­cken, schei­nen selbst für die Som­mer­mo­na­te zu dünn und im Win­ter hat es hier Mi­nus­gra­de. An der Wand hän­gen kei­ne Bil­der, kei­ne De­ko­ra­ti­on. Statt­des­sen ha­ben sie in die Zwi­schen­räu­me der St­ei­ne Nä­gel ge­hau­en, um ih­re we­ni­ge Klei­dung auf­zu­hän­gen.

Als die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on „Is­la­mi­scher Staat“2014 in die ira­ki­schen Städ­te und Dör­fer ein­fiel, ver­lo­ren Hun­dert­tau­sen­de von ei­nem Tag auf den an­de­ren ihr Zu­hau­se. Hun­dert­tau­sen­de wa­ren auf der Flucht - Kur­den aus Sy­ri­en, Chris­ten aus Mos­sul, Je­si­den aus dem Shin­gal­ge­bir­ge. Die meis­ten führ­te der Flucht­weg in die nord­ira­ki­sche Stadt Do­huk. Wer Geld hat­te, wohn­te erst mal im Ho­tel. Wer Ver­wand­te oder Freun­de in der Stadt hat­te, kam dort un­ter. Wer we­nig hat­te, fand Un­ter­schlupf in den ei­lig zu Flücht­lings­un­ter­künf­ten um­funk­tio­nier­ten öf­fent­li­chen Parks oder halb­fer­ti­gen Shop­ping­malls.

Wer aber gar nichts hat­te, der kam im Roh­bau un­ter. Die Bil­der der Kin­der, die den Rän­dern der un­fer­ti­gen Hoch­häu­ser ge­fähr­lich na­he ka­men, gin­gen da­mals um die Welt. Dass es über­haupt so vie­le un­be­wohn­te Häu­ser gab, war Iro­nie des Schick­sals: Denn 2014 setz­te im Irak nicht nur ei­ne Flücht­lings-, son­dern auch ei­ne Wirt­schafts­kri­se ein. Bau­her­ren konn­ten die Fer­tig­stel­lung ih­rer Häu­ser nicht mehr zah­len. Die War­te­lis­te für den Um­zug in ei­nes der Camps ist lang Noch heu­te, zwei­ein­halb Jah­re spä­ter, ra­gen un­zäh­li­ge die­ser Be­ton­ge­rip­pe in den Him­mel über den ira­ki­schen Städ­ten. Wä­re der Roh­bau nur tem­po­rär, man wür­de den Klei­nen ver­mut­lich se­lig beim To­ben zwi­schen den St­ei­nen zu­se­hen. Und sich aus­ma­len, wie hier bald ei­ne Fa­mi­lie und das war­me Le­ben ein­zieht. Doch hier, in den Roh­bau­ten im Nord­irak, wohnt nur der Kampf ums Über­le­ben.

700 000 Ge­flüch­te­te ka­men al­lein nach Do­huk, vie­le von ih­nen le­ben mitt­ler­wei­le in den 28 Flücht­lings­camps rund um die Stadt. Fünf der Camps bie­ten ei­ne Un­ter­kunft im Con­tai­ner, in den an­de­ren woh­nen die Men­schen in Zel­ten.

Zu­stän­dig für die Ver­tei­lung der Men­schen auf die Camps ist die Re­gie­rung der au­to­no­men Re­gi­on Kur­dis­tan. Wer im Roh­bau lebt, steht auf ei­ner War­te­lis­te für den Um­zug. Wer klei­ne Kin­der hat oder kran­ke An­ge­hö­ri­ge pfle­gen muss, steht auf der lan­gen Lis­te ein we­nig wei­ter oben. Doch der Platz reicht jetzt schon nicht für al­le und soll­te Mos­sul fal­len, er­war­ten die Be­hör­den er­neut Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge.

900 Fa­mi­li­en le­ben der­zeit noch in der Roh­bau­sied­lung rund um die She­kos. Die meis­ten von ih­nen sind Je­si­den. Mo­ha­med She­ko, kein Ver­wand­ter, aber ein Na­mens­vet­ter des Groß­va­ters, sieht im Vier­tel nach dem Rech­ten. Im Au­gust 2014 wur­den die Je­si­den von den IS-Scher­gen im Shin­gal­ge­bir­ge ein­ge­schlos­sen, un­ter größ­ten Stra­pa­zen ge­lang ih­nen die Flucht. Der jun­ge Mann mit lan­gem schwar­zen Bart ist seit dem 14.8.2014 für die Ver­trie­be­nen in der Sied­lung zu­stän­dig, den Tag weiß er ge­nau. „Seit­dem ver­wal­te ich die War­te­lis­te und kom­mu­ni­zie­re mit den Be­hör­den. Wenn die Men­schen in der Sied­lung et­was brau­chen, küm­me­re ich mich“, er­zählt er.

Am An­fang er­hiel­ten auch die Ge­flüch­te­ten in den Roh­bau­ten noch Le­bens­mit­tel­mar­ken der Ver­ein­ten Na­tio­nen oder von an­de­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Dann kürz­ten Eu­ro­pa und die USA die Mit­tel. Mitt­ler­wei­le müs­sen sie sich mit dem Nö­tigs­ten selbst ver­sor­gen. „Wir konn­ten nichts mit­neh­men, un­se­re Häu­ser in der Hei­mat sind zer­stört. Der IS hat uns al­les ge­nom­men“, so der Orts­vor­ste­her. „So ei­nen Be­fehl zur ab­so­lu­ten Ver­nich­tung ha­ben wir nie zu­vor er­lebt.“

Tau­sen­de sei­ner Lands­leu­te sind noch in der Ge­fan­gen­schaft der Ter­ro­ris­ten. Auch ei­ne Toch­ter von Ka­rim She­ko war zwei Jah­re lang ver­schwun­den, vor Kur­zem erst konn­te sie be­freit wer­den. Drei ih­rer Kin­der sind noch heu­te ver­schleppt. Re­den will die jun­ge Frau dar­über nicht – nicht über die Grau­sam­kei­ten, die ihr und der Fa­mi­lie an­ge­tan wur­den und nicht über das Le­ben in den kal­ten Mau­ern. Stumm sitzt sie auf der Tür­schwel­le des Roh­baus und starrt aus der Lee­re in die Lee­re. Für die Spen­den­ak­ti­on der „Schwä­bi­schen Zei­tung“wa­ren zwei SZ-Re­dak­teu­re im Irak un­ter­wegs. Al­le Ge­schich­ten so­wie ein mul­ti­me­dia­les Sto­ry­tel­ling mit Bil­dern und Vi­de­os fin­den Sie un­ter schwa­ebi­sche.de/ weih­nachts­spen­den­ak­ti­on

FO­TOS: JASMIN OFF

Fens­ter und Tü­ren sind not­dürf­tig mit Plas­tik­pla­nen ab­ge­deckt, aus der un­ver­putz­ten Wand hän­gen Roh­re und Ka­bel.

Drei Hand­tü­cher, ein klei­ner Spie­gel – das ist die Bad­aus­stat­tung.

Die Kin­der le­ben und spie­len auf der Bau­stel­le.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.