In­seln der Hoff­nung im Don­bass

Zi­vi­lis­ten hel­fen der not­lei­den­den Be­völ­ke­rung des ukrai­ni­schen Bür­ger­kriegs­ge­biets

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Jörg Dre­scher

KRASNOHORIWKA - In Krasnohoriwka steht an ei­nem Haus­ein­gang „Ri­tualny­je us­lu­gi“, was Be­stat­tungs­dienst­leis­tun­gen heißt. Vor­bei an den frisch ge­zim­mer­ten Sär­gen geht es in ei­nen klei­nen Raum. Dort sitzt Ol­ga ge­mein­sam mit ein paar Kin­dern, die Bil­der ma­len. Sie ist Künst­le­rin und muss­te vor ein paar Mo­na­ten ihr frü­he­res Ate­lier ver­las­sen, das von Gra­na­ten ge­trof­fen wur­de und nicht mehr ge­nutzt wer­den kann.

Die Ukrai­ne­rin fand das klei­ne Zim­mer, um wei­ter­hin Kin­dern, Ju­gend­li­chen und jun­gen Er­wach­se­nen kos­ten­los Mal-, Bas­tel- und Näh­kur­se an­bie­ten zu kön­nen. Hier kön­nen sie we­nigs­tens wäh­rend der Work­shops den Krieg für ei­ne kur­ze Zeit ver­ges­sen.

Ins­ge­samt kom­men fast 50 Per­so­nen re­gel­mä­ßig zu Ol­ga. An ei­ner Wand hän­gen Bil­der ih­rer Schü­ler, an der an­de­ren steht ein Schrank, auf dem sich Püpp­chen und ge­bas­tel­te Fi­gür­chen tür­men. Dar­über war­ten auf Klei­der­bü­geln „Wy­schy­wan­kas“, die be­stick­ten ukrai­ni­schen Hem­den, auf neue Trä­ge­rin­nen. Im­mer wie­der Ge­fech­te Krasnohoriwka liegt in der so­ge­nann­ten Grau­zo­ne im Don­bass, 25 Ki­lo­me­ter west­lich von Do­nezk ent­fernt. Die Kle­in­stadt war 2014 kurz­fris­tig von pro­rus­si­schen Se­pa­ra­tis­ten be­setzt wor­den und wur­de dann wie­der von der ukrai­ni­schen Ar­mee be­freit. Seit­her lie­fern sich hier im­mer wie­der die Ar­mee und die Kräf­te der so­ge­nann­ten „Do­nez­ker Volks­re­pu­blik“teils hef­ti­ge Ge­fech­te.

Sie­ben Ki­lo­me­ter süd­lich von Krasnohoriwka be­fin­det sich ein wei­te­res Front­städt­chen: Mar­jin­ka. Die Ver­bin­dungs­stra­ße der bei­den Or­te wird auch „Stra­ße des Le­bens“ge­nannt, weil sie im­mer wie­der un­ter Be­schuss stand. Scharf­schüt­zen ziel­ten von den an­gren­zen­den Ab­raum­hü­geln der Koh­le- und Erz­schäch­te auf Au­to­fah­rer. Hier star­ben vie­le Men­schen. Selbst heu­te ist es trotz der Waf­fen­still­stands­ver­ein­ba­run­gen ge­fähr­lich, dort zu fah­ren.

Die Gas­lei­tung am Stra­ßen­rand weist Ein­schuss­lö­cher auf, stel­len­wei­se feh­len gan­ze Stü­cke. Des­halb gibt es in Mar­jin­ka kein Gas, mit dem frü­her ge­kocht und ge­heizt wur­de. Au­ßer­dem wur­de die frü­he­re Brot­fa­brik bei ei­nem An­griff zer­stört so­wie das Milch­ver­ar­bei­tungs­werk und an­de­re Fa­b­ri­ken.

Ser­gei, der ört­li­che evan­ge­li­sche Pas­tor, nahm die Ver­sor­gungs­eng­päs­se zum An­lass, um ei­ne Mi­ni­bä­cke­rei zu grün­den. Ei­ner­seits woll­te er da­mit den Men­schen ei­ne Ar­beits­per­spek­ti­ve ge­ben, an­de­rer­seits lei­det das Front­städt­chen un­ter ei­nem Man­gel an Le­bens­mit­teln. Die ame­ri­ka­ni­sche „Mis­si­on Eu­ra­sia“spen­de­te En­de 2015 Geld für zwei Back­öfen, mit de­nen heu­te Brot für die ver­blie­be­nen Be­woh­ner der Kle­in­stadt ge­ba­cken wird.

Ser­gei selbst stammt nicht aus Mar­jin­ka, son­dern aus Do­nezk. 2014 or­ga­ni­sier­te er dort Frie­dens­ge­be­te für die Ukrai­ne, wes­halb er von Mit­glie­dern der „Volks­re­pu­blik“ver­haf­tet und zu­sam­men­ge­schla­gen wur­de. Er konn­te je­doch aus Do­nezk flie­hen und lebt heu­te in ei­nem Haus, das sich di­rekt an der Front be­fin­det: 200 Me­ter west­lich be­fin­den sich ukrai­ni­sche Trup­pen, 200 Me­ter öst­lich die Se­pa­ra­tis­ten. Seit Mo­na­ten be­kämp­fen sie sich vor sei­ner Tür. Wür­de der Ab­stand zwi­schen den Ein­hei­ten grö­ßer sein, wä­re es si­cher schwie­ri­ger, auf­ein­an­der zu schie­ßen. Schu­le ne­ben Wach­pos­ten Am Orts­ein­gang von Mar­jin­ka be­fin­det sich die Schu­le. Di­rekt da­ne­ben liegt ein Wach­pos­ten der ukrai­ni­schen Ar­mee, wo Fahr­zeu­ge kon­trol­liert wer­den. Da­bei kommt es im­mer wie­der zu Ge­fech­ten. Auch das Schul­ge­bäu­de wird in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen, wo­ge­gen Sand­sä­cke an sei­nen Fens­tern schüt­zen sol­len. Die Schul­di­rek­to­rin Ljud­mi­la bat bei der ukrai­ni­schen Ar­mee­füh­rung, den Wach­pos­ten von der Schu­le wei­ter weg zu ver­le­gen – oh­ne Er­folg. Ljud­mi­la er­zählt, dass von den einst 370 Kin­dern noch 160 Schü­ler un­ter­rich­tet wer­den. Seit Kriegs­be­ginn hat­te die Schu­le bis­her nur ein Kind ver­lo­ren, das bei ei­nem Be­schuss zu Hau­se ums Le­ben kam. Auf­fäl­lig sei je­doch, dass vie­le Kin­der an Krebs er­krank­ten. Frü­her hät­te es das nicht ge­ge­ben, sagt die Di­rek­to­rin. Sie führt die Krank­heits­fäl­le auf den Stress zu­rück.

Ljud­mi­la er­hält Hil­fe von an­de­ren Schu­len: Bü­cher und Un­ter­richts­ma­te­ri­al. Sie freut sich au­ßer­dem dar­über, dass die Ge­häl­ter pünkt­lich ge­zahlt wer­den. Kürz­lich wur­de Geld zur Re­no­vie­rung der Sport­hal­le be­reit­ge­stellt, lobt die Frau.

Es gibt im Don­bass trotz des Krie­ges en­ga­gier­te Men­schen. Die Or­te, in de­nen sie le­ben, sind klei­ne In­seln der Hoff­nung. Ih­re Strahl­kraft ist be­ein­dru­ckend, denn in der Re­gi­on er­zählt man von ih­nen. Sie ver­brei­ten die Zu­ver­sicht, dass die schwie­ri­gen Zei­ten über­wun­den wer­den und das Le­ben in der Ost­ukrai­ne wie­der bes­ser wird.

FO­TO: IMA­GO

Die Gren­zen der so­ge­nann­ten „Do­nez­ker Volks­re­pu­blik“– hier bei Gor­lov­ka im Os­ten der Ukrai­ne – wer­den durch Wach­pos­ten ge­schützt, an de­nen ge­le­gent­lich Pas­san­ten und Fahr­zeu­ge kon­trol­liert wer­den.

FO­TO: JÖRG DRE­SCHER

In ei­nem pro­vi­so­ri­schen Ate­lier in Krasnohoriwka kön­nen Kin­der bas­teln – und den Kriegs­all­tag ver­ges­sen.

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